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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
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Überschrift:
Handwerkergasse musste weichen
Zwischenüberschrift:
Die Dielingerstraße ist seit 1978 "verkehrsgerecht" verbreitert
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Viele früher geborene Osnabrücker werden immer noch von Gefühlen zwischen Wehmut und Zorn gepackt, wenn sie Bilder der alten Dielingerstraße wie dieses aus der Zeit um 1914 sehen. Denn die wenig attraktive Verkehrsachse ist nicht etwa das Resultat von Kriegszerstörungen sondern von einer politisch gewollten " Altstadtsanierung" per Abrissbirne in den 1970er-Jahren.

Zwar haben nicht alle Häuser auf der historischen Ansicht den Weltkrieg drei Jahrzehnte später unbeschadet überstanden. Doch die historische Substanz war nach Kriegsende noch ähnlich dicht wie etwa in der Bierstraße, der man ihren Barock-Fachwerk-Charakter ließ.

Warum die alte Dielinger straße daran glauben musste, wird ein wenig verständlicher, wenn man sich in die Probleme der Stadtväter gegen Ende der 1960er-Jahre hineinversetzt. Der schnelle, kleinräumige Wiederaufbau auf dem alten Stadtgrundriss hatte eine Menge minderwertiger Bausubstanz hinterlassen, durchsetzt von provisorisch abgeräumten Trümmergrundstücken. Dies konnte den wachsenden Ansprüchen an Wohnqualität und an zeitgemäße Einzelhandelsflächen nicht gerecht werden. Zudem nahmen mit der beginnenden Massenmotorisierung die Verkehrsprobleme stark zu.

Um den Fußgängern vorbehaltene Zonen im Geschäftszentrum gestalten zu können, so die Überlegung, müssten leistungsfähige Erschließungsstraßen her, die den öffentlichen Nahverkehr und Zulieferer dicht heranführten. Ein Ring von Parkhäusern und Tiefgaragen sollte den Individualverkehr in unmittelbarer Nähe der Einkaufstraßen aufnehmen.

Das groß angelegte Sanierungsprojekt mit der " Neuen Heimat" als Sanierungsträger spülte viele Millionen an Bundes- und Landesmitteln in die Stadt, stieß aber bei den Bürgern angesichts der ersten Flächenabrisse auf zunehmende Kritik. Besonders der vierspurige Ausbau von Dielinger- und Lortzingstraße rief Proteste hervor, die sogar in Hausbesetzungen gipfelten. Nachdem die Bürgerbeteiligung über einen Sanierungsbeirat sichergestellt und die Diskussionen versachlicht worden waren, gab es keine weiteren Flächensanierungen mehr.

So wurde auch die Idee einer Verschwenkung der Lotter Straße zwecks Direktanbindung an die Dielinger straße aufgegeben. Die ebenfalls von der Abrissbirne bedrohte Villa Schlikker, die heute das Kulturgeschichtliche Museum beherbergt, blieb somit erhalten. Doch die breite Verkehrsschneise für die neue Dielingerstraße war geschlagen und nicht mehr rückgängig zu machen. Aus heutiger Sicht wird sie überwiegend als unnötige Bausünde empfunden.

In alten Zeiten war die Dielingerstraße Sitz zahlreicher Handwerker gewesen. Sattler, Schmied, Wagenbauer, Schlachter, Schuhmacher, Böttcher und Droschkenhalter hatten hier ihren Betrieb. Die an den Fassaden angebrachten Ausleger mit Handwerkszeichen weisen darauf hin. Das Haus Dielingerstraße 11, links auf der historischen Ansicht, wurde 1912 von Karl-Otto Früh für seine " Osnabrücker Buchdruckerei G.m.b.H." gebaut. Früh war Herausgeber und Drucker des ersten " Telephon-Adressbuchs für Osnabrück und Umgebung". 1927 trat Ludwig Schmidt der Gesellschaft bei. Seine Nachfahren stellen bis heute, 1976 nach Georgsmarienhütte umgesiedelt, das örtliche Telefonbuch her. In den 1950er-Jahren druckte Schmidt im großen Stil Schallplattenetiketten, bis zu 50 Millionen Stück pro Jahr.

Heute befindet sich in dem Haus das Fahrradgeschäft Röwer. Der rechte, grün-graue Gebäudeteil mit dem Erker als Erinnerungsposten enthält alte Bausubstanz, auf die nach Bombenschäden wiederaufgebaut wurde, während die linke, hellblaue Fassade einen Neubau markiert.

Im Wege eines Grundstückstauschs war Röwer 1978 hierhin gezogen, da der alten Firmenstandort an der Hakenstraße ebenfalls sanierungsbedingt aufgegeben werden musste. Damals, an der Hakenstraße, verkaufte Röwer nicht nur Fahrräder, sondern auch Autos. " Für keine 5000 Mark" konnte man hier den DDR-Trabant bekommen, wie sich Margret Pfitzner, geborene Röwer, erinnert, " denn mein Vater hatte noch alte Handelskontakte zur Auto-Union in Mitteldeutschland aus der Vorkriegszeit".

Bildtexte:

Die Nordseite der Dielingerstraße ist heute von neuen Gebäuden auf alter Bauflucht gekennzeichnet.

Die Dielingerstraße um das Jahr 1914 in Blickrichtung Krahnstraße zeigt den für Osnabrücks Altstadtgassen typischen Mix aus Handwerks- und Wohnhäusern. Ansichtskarte des Verlags ETO aus der Sammlung Helmut Riecken

Foto:

Joachim Dierks
Autor:
Joachim Dierks


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