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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Der Remarque-Skandal
Zwischenüberschrift:
Warum es mehrere Jahre dauerte, eine Straße nach dem Osnabrücker Schriftsteller zu benennen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Heute vor 40 Jahren beschloss der Rat, den Karlsring in " Erich-Maria-Remarque-Ring" umzubenennen. Es dauerte vier Jahre und drei Monate, die Widerstände gegen diese Entscheidung aus dem Weg zu räumen. Die Absicht, eine Straße nach dem Osnabrücker Schriftsteller zu benennen, ließ einige Zeitgenossen sogar in dumpfe Nazipropaganda abgleiten.
Wer für würdig erachtet wird, Namenspatron einer Straße zu sein, liegt gewöhnlich schon unter der Erde. So erging es auch Erich Maria Remarque, der mit seinem Antikriegsroman " Im Westen nichts Neues" Weltruhm erlangt hat. Am 21. Oktober 1970, knapp vier Wochen nach seinem Tod, stellte die SPD-Fraktion im Rat den Antrag, eine Straße nach dem Schriftsteller aus Osnabrück zu benennen.
Für diesen Antrag gab es zwar eine überwältigende Mehrheit, weil CDU und SPD geschlossen dafür stimmten. Aber es gab eben auch drei Enthaltungen, die in den folgenden Wochen noch für Diskussionsstoff in den Leserbriefspalten sorgten. Die NPD war damals mit einem Sitz im Rat vertreten, und ihr Vertreter enthielt sich ebenso der Stimme wie die beiden FDP-Männer.
Dass die " führenden Vertreter der liberalen Partei nicht für diesen Antrag stimmten und sich so gemeinsam mit der NPD von Remarque distanzierten, halte ich für einen politischen Skandal!", schrieb der damals 22 Jahre alte Fritz Brickwedde, heute Fraktionsvorsitzender der CDU.
Damit provozierte er den FDP-Politiker Horst Wetterling, in einem weiteren Leserbrief Remarques Schriften eine " allenfalls mittelmäßige Qualität" zu bescheinigen. Außerdem könne " man nicht behaupten, dass sich Remarque im Widerstand gegen das Regime Hitlers bewährt und ausgezeichnet hat". Die Kritik an seiner Stimmenthaltung konterte Wetterling mit dem Hinweis, Brickwedde habe sich wohl der Hetze angeschlossen, " der die FDP deshalb ausgesetzt ist, weil sie eine Bundesregierung mit dem Kanzler Willy Brandt stützt".
Bis zum März 1971 kehrte Ruhe ein, bis die Stadtverwaltung bekannt gab, dass die Parkstraße nach dem Schriftsteller umbenannt werden solle. Begründung: Remarque habe im Stadtteil Wüste einen großen Teil seiner Jugend verbracht. Am 1. Januar 1972 sollte der feierliche Akt stattfinden. Doch dazu kam es nicht. Anwohner der Parkstraße empörten sich, dass sie ihre Briefköpfe ändern müssten. Zudem wüssten die meisten Menschen gar nicht, wer dieser Remarque überhaupt sei.
Unternehmen droht
Die Parkstraße war Sitz der Firma " Seifen-Platz", des Vorläuferunternehmens von " Ihr Platz". Aus der Geschäftsleitung kam die unverhüllte Drohung, Osnabrück zu verlassen, falls die Adresse in " Remarquestraße" geändert werden müsse, schreibt die Stadthistorikerin Ilsetraut Lindemann. Offenbar ein gewichtiges Argument für Rat und Verwaltung, immerhin war der " Seifen-Platz" damals bundesweit auf Expansionskurs.
Es dauerte nicht lange, und die Stadt präsentierte eine neue Straße, die sie dem Schriftsteller widmen wollte den Karlsring, der vom Berliner Platz zum Hasetor führte. Am 15. Juni 1971, heute vor 40 Jahren, beschloss der Rat die Umbenennung mit zwei Gegenstimmen und sechs Enthaltungen.
Obwohl deutlich weniger Briefköpfe von der Änderung betroffen waren als an der Parkstraße, gab es massiven Widerstand. Vor allem von einem Facharzt, der gegen die Entscheidung klagte und bis zum Oberverwaltungsgericht ging. Er machte geltend, seine Patienten, die überwiegend aus dem ländlichen Raum stammten, würden nicht mehr zu ihm finden. Beim Anblick der neuen Adresse könnten sie den Eindruck gewinnen, die Praxis sei umgezogen.
Weitere Argumente gegen den schon beschlossenen " Erich-Maria-Remarque-Ring" lauteten, der Name sei zu lang, die meisten Menschen hätten mit der Aussprache ihre Schwierigkeiten, erst recht aber mit der korrekten Schreibweise. Alles Begründungen, die für das Gericht einer Umbenennung nicht im Wege standen. So bekam die Stadt mit ihrer Auffassung in erster Instanz recht, verlor jedoch vor dem Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht (OVG) in Lüneburg. Aber auch nur, weil die Juristen einen Formfehler anprangerten, der wie wir heute wissen keiner war. Ausgerechnet Karl den Großen machten die OVG-Richter zum Gegenspieler Remarques. Als Beweis wurde die nahe gelegene Wittekindstraße herangezogen. Wo der sächsische Herzog seine Spuren hinterlassen hat, da kann sein Widersacher Karl nicht weit gewesen sein, lautete die Schlussfolgerung. Die Stadt hatte hingegen den früheren Bürgermeister Carl Bertram Stüve als Namenspatron des Karlsrings benannt, was ihr die Verwaltungsrichter wegen des " willkürlich gewählten Vornamens" nicht abnahmen.
Damit habe der Rat seine Entscheidung auf falsche Tatsachen gestützt, urteilte das OVG triumphierend und hob den Beschluss zur Straßenumbenennung auf. Eine Rolle rückwärts, die den Erich-Maria-Remarque-Ring wieder zum Karlsring machte. Allerdings nur für kurze Zeit, denn der Rat ließ sich auf die Richterschelte ein und traf im September 1975 einen neuen Beschluss, der ausdrücklich auf Karl den Großen Bezug nahm.
Es war Ilsetraut Lindemann, die nach der Lektüre alter Protokolle darlegte, dass die Stadt mit ihrem ursprünglichen Stüve-Bezug durchaus richtig gelegen hatte. Der Karlsring, so vermerkte sie, lehnte sich nicht nur räumlich an die Karlstraße an. 1865 hatte der Parallelweg zur neuen Eisenbahnstrecke den Namen " Carlstraße" bekommen wohlgemerkt mit C.
Der beliebte Alt-Bürgermeister Carl Bertram Stüve lebte noch, als ihm diese Ehrung zuteil wurde, gerade ein Jahr zuvor war er aus dem Magistrat ausgeschieden. Mit der Beschränkung auf den Vornamen hielt die Stadt den Personenkult in Grenzen. Dass die Schreibweise zunächst variierte und dass im 20. Jahrhundert aus " Carl" dauerhaft " Karl" wurde, hätten die Richter herausfinden können, wenn sie nicht vorschnell Karl dem Großen verfallen wären.
Fünfjähriges Gezerre
Und Remarque? Um den berühmten Sohn der Stadt aufs Straßenschild zu bekommen, ließ sich der Rat darauf ein, seinen Erich Maria auf ein knappes " E.-M." zusammenzustreichen. Damit sollte der unseligen Geschichte nach fünf Jahren ein Ende bereitet werden, was auch gelang.
Der Beigeordnete Hawighorst nannte die Straßenbenennung 1975 eine " politische Entscheidung". Ihm habe sich immer der Verdacht aufgedrängt, " dass vereinzelt im Volk noch der Geist auftaucht, der damals Remarques Bücher verbrennen ließ".

Bildtexte:

Ein Kompromiss: Das Straßenschild für Erich Maria Remarque durfte nicht zu lang sein. Deshalb entschied sich der Rat für die Pünktchen.

Im Osnabrück der Nachkriegszeit gab es noch viele Vorbehalte gegenüber dem Schriftsteller Erich Maria Remarque.

Foto: Jörn Martens/ Archiv
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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