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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
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Überschrift:
Fridolin wohnt in der Brusttasche
Zwischenüberschrift:
Tierarzt zieht verwaiste Eichhörnchenbabys auf
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Putzmunter und immer hungrig: Findelkind Fridolin hat sich in den vergangenen vier Wochen prächtig entwickelt und wird bald ausgewildert.Fotos: Jörn Martens

Kopfüber den Kittel hinunter: Fridolin auf Entdeckungsreise.
Taschenkind: Fridolins Zuhause ist die Brusttasche von Sven Hein.

Dissen. Fridolin war Flaschenkind und ist Taschenkind. Tierarzt Sven Hein hat das verwaiste Eichhörnchenbaby mit der Flasche aufgepäppelt. Heute schätzt Findelkind Fridolin neben Haferbrei auch Knäckebrot und lebt in Heins Brusttasche.

Gerade so viel wie ein halber kleiner Apfel, ganze 55 Gramm, wog der Waldbewohner, als er mit etwa vier Wochen bei Sven Hein in Dissen abgegeben wurde. Er war dehydriert und halb verhungert.
" Autos und Katzen sind die größten Feinde der Eichhörnchen", erzählt Sven Hein. Nicht selten liegen Eichhörnchenbabys deshalb mutterseelenallein unter Bäumen oder versuchen, am Hosenbein eines Spaziergängers hochzukrabbeln. Diese Suche nach Körperkontakt ist kein Anzeichen von Tollwut, sondern schlichte Verzweiflungstat.
Eichhörnchenexperte Hein rät, die Mini-Nager dann sofort mit nach Hause zu nehmen, zuvor aber noch nach dem Rest der Familie Ausschau zu halten. Eichhörnchen haben zwischen zwei und acht Geschwistern, die sich wahrscheinlich im Gebüsch verstecken.
Die Pflege der Zwerge, die erst ein bisschen tollpatschig durch die Gegend torkeln, ist aufwendig und voller Fallstricke. " Geben Sie ihnen nicht gleich etwas zu trinken. Sie brauchen am Anfang vor allem Wärme und Geborgenheit."
Fridolin wurde 90 Kilometer von Dissen entfernt gefunden. Doch weil Hein als Eichhörnchen-Ersatzvater bekannt ist, brachten Tierfreunde das Findelkind in den Südkreis. Dessen Stiefbruder, noch namenlos, tauchte vor wenigen Tagen in Melle auf einer Fußmatte auf umringt von drei höchst interessierten Katzen. Wie Menschen brauchen Eichhörnchenbabys viel Körperkontakt. Deshalb kuschelt sich Fridolin am liebsten in die Brusttasche von Sven Heins Tierarztkittel. So ist er immer dabei, hat es warm und kann jederzeit auf Hein herumturnen. Fridolins Neugier ist riesengroß und macht auch vor Reportern, Kameras, Kugelschreibern und Fingerknöcheln nicht halt. " Er ist halt ein Nagetier."
Nach jeder Fütterung muss Hein Fridolins Bauch mit dem Finger leicht massieren, um die Verdauung anzuregen. " Ohne die Massage treten schwere Verdauungsstörungen auf, die tödlich enden können", sagt Hein, der Fridolin in den ersten Wochen alle zwei Stunden mit Fencheltee vermischte Katzenaufzuchtmilch einflößte auch nachts. Inzwischen schmecken Fridolin Äpfel, Pinienkerne, Haferflockenbrei. Täglich frisst er ein Viertel seines eigenen Gewichts. Sonnenblumenkerne kann er sogar schon alleineöffnen. So hat er es auf stolze und kerngesunde 135 Gramm und einen schönen, buschigen Eichhörnchenschwanz gebracht.
Morgens hüpft er auf Hein herum, schmust und knabbert an dessen Zehen. Aber damit ist es bald vorbei. Mit achteinhalb Wochen ist Fridolin langsam so mobil, dass er den nächsten Schritt in Richtung Auswilderung gehen kann. Dafür wird Fridolin Zug fahren, wenn ihn Hein zu einer Kollegin nach Hannover bringt, wo das Eichhörnchen in einer Voliere gemeinsam mit Artgenossen auf die Wildnis vorbereitet wird. Hein: " Sie werden in der Gruppe sozialisiert und auch in der Gruppe ausgewildert."
Noch ein Jahr lang füttern die Tierärzte die flügge gewordenen Eichhörnchen. " 70 Prozent von ihnen schaffen das Überleben im Wald", freut sich Hein. Eines ist ihm ganz wichtig: " Eichhörnchen sind keine Haustiere und gehören auch nicht für längere Zeit in eine Voliere. Das ist grausam."
Er kam wie die Jungfrau zum Kinde zu seinem ersten Eichhörnchen: " Vor zwei Jahren brachten mir Kinder ein drei Wochen altes. Da hatten sie ihm schon Kuhmilch gegeben, was völlig verkehrt ist." Hein adoptierte es und ist seitdem passionierter Eichhörnchen-Ersatzvater. Diese sind natürlich nicht nur niedlich. Im Wald haben sie wichtige Funktionen. Eine hängt mit ihrem ausgesprochen schlechten Gedächtnis zusammen. Denn wenn sie mit Eicheln und Samen Wintervorräte anlegen, vergessen sie 90 Prozent ihrer Reserven und forsten so den Wald wieder auf auch Fridolin.

Autor:
Stefanie Adomeit


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