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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Arroganz der Center-Betreiber
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Umriss des geplanten Einkaufszentrums am Neumarkt mit Überbauung der Seminarstraße. Grafik: Sascha Nabrotzky

Zur Diskussion um ein zusätzliches Einkaufscenter in Osnabrück nimmt Dirk Lührmann, der 1992 in Osnabrück ein gleichnamiges bundesweit tätiges Einzelhandelsimmobilienunternehmen gründete und bis 2010 führte, detailliert Stellung.

" Die politische Diskussion ist in vollem Gange. Braucht Osnabrück ein Center oder nicht? Und wenn ja, in welcher Größe? Grundsätzlich sollte man ja zunächst noch einmal die Frage stellen, was ein Center dieser Größenordnung überhaupt für Osnabrück bedeutet - egal an welchem Standort, ob am Neumarkt, im ehemaligen Wöhrl-Kaufhaus oder im Gerichtsgebäude oder sonst wo. Da geht es erst einmal um die tatsächliche Größe.
Derzeit wird die angestrebte reine Verkaufsfläche mit 22 000 Quadratmetern angegeben. Und damit fangen die Center-Betreiber schon an zu mogeln. Denn zu diesen 22 000 Quadratmetern gehören keine Gastronomieflächen und keine Dienstleister. Ein Frisör etwa zählt nicht als Einzelhändler, er ist Dienstleister. Ruck, zuck werden es somit durch eine kleine Unvollständigkeit in den Angaben 30 000 Quadratmeter Nutzfläche. Wenn man nun davon ausgeht, dass es in der gesamten Osnabrücker Innenstadt derzeit rund 110 000 Quadratmeter Nutzfläche gibt, spricht man über einen schlagartigen Zuwachs von etwa 30 Prozent Fläche.
Noch dramatischer stellt sich der Vergleich mit der gewachsenen 1-a-Lage dar. Ein Center dieser Größenordnung bietet in der Regel Platz für bis zu hundert Ladenlokale. Da die komplette Osnabrücker 1-a-Lage selbst derzeit lediglich etwa hundert Ladenlokale umfasst, führt ein Center von heute auf morgen zur Verdoppelung der Anzahl an Ladenlokalen in Bestlage. Und jetzt wollen die Center-Betreiber dem Bürger, der sich nicht täglich mit dem Thema beschäftigt, weismachen, dass dies zur Attraktivität des Standortes beitrage. Das Gegenteil ist der Fall. Das Center sorgt für eine äußerst bedrohliche Konkurrenzsituation in der Innenstadt. Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass kein Hunkemöller, New Yorker, Footlocker etc. an einem Standort wie Osnabrück auf die Idee käme, gleich zwei Ladenlokale zu betreiben. Die Unternehmen beschäftigen sich daher nicht mit der Frage, ob sie einen zweiten Standort im Center beziehen, sondern überlegen vielmehr, an welchen Standort sieüberhaupt gehen.
Es ist damit klar, wird in Osnabrück ein Center dieser Größe gebaut, werden viele Einzelhändler ihr bisheriges Ladenlokal in der Fußgängerzone aufgeben und ins neue Center ziehen. Und was passiert dann mit den alten Läden? Da Footlocker & Co. in der Großen Straße mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht durch Armani, Gucci oder Prada ersetzt werden, wird das Niveau sinken und die Attraktivität der Innenstadt somit nachlassen. Und was ein solcher Niveaurutsch bedeutet, sehen wir schon jetzt tagtäglich am ehemaligen C & A-Standort an der Möserstraße.
Ich frage mich langsam, was die Politik eigentlich will. Auf der einen Seite beschäftigt sie sich jahrelang mit der gelungenen Aktivierung unseres Altstadtbereiches und initiiert verschiedene Maßnahmen, um hier eine Belebung herbeizuführen. Sie schafft es zudem, durch gute und feinfühlige Stadtentwicklung, die Kamp-Promenade zu integrieren und auch andere Bereiche im Umfeld der Innenstadt nachhaltig zu stärken - nur um jetzt plötzlich das Risiko einzugehen, mit dem schlagartigen Zuwachs von 30 000 Quadratmeter Fläche die gesamten Bemühungen der letzten Jahre über den Haufen zu werfen.
Weiterhin frage ich mich, wie arrogant und ignorant Center-Betreiber eigentlich sind. Eine Stadt entwickelt sich über Jahrhunderte. Mit welcher Berechtigung kann da ein Investor kommen und mit einer einzigen Investition jahrzehntelang bestehende Laufgewohnheiten und Flussrichtungen in einer Stadt derart beeinflussen wollen? Müssen wir als Bürger es ausbaden, wenn irgendein ausländischer Investor eine Immobilie zu teuer gekauft hat und nun nur durch eine brachiale Entwicklung und Arrondierung wieder an sein Geld herankommt? Vielleicht ist dieser Standort durch die Stadtentwicklung der letzten Jahrzehnte ja gar kein Einzelhandelsstandort mehr. Dafür würde sprechen, dass Wöhrl in verschiedenen Städten Deutschlands noch immer sehr erfolgreich agiert, an diesem Standort jedoch nicht zurechtkam. Vielleicht muss man an dieser Stelle auch über alternative Nutzungen nachdenken, die nicht im Einzelhandelsbereich liegen. Ist nicht auch unsere Universität immer weiter gewachsen, und sind hier nicht alternative Überlegungen vielleicht im Bereich der Uni-Bibliothek oder sonstiger UniNutzungen zu suchen? Es wäre doch verwerflich für die Stadtentwicklung, wenn man an dieser Stelle nur durch maximale Größe des Objektes wieder einen funktionierenden Einzelhandelsstandort schaffen könnte. Wir sollten aufpassen, dass unsere Stadt, die im Vergleich zu vielen anderen deutschen Städten dieser Größe sehr attraktiv ist, sich weiter sorgsam und vorsichtig entwickelt. Die hiesigen Verantwortungsträger sollten die Neumarkt-Entwicklung auf jeden Fall weiter angehen - jedoch mit dem Feingefühl der vergangenen Jahre und nicht mit der Brechstange. Unsere Stadtentwicklung hat sich in der Vergangenheit immer durch sehr viel Weitsicht ausgezeichnet. Das hat Osnabrück so attraktiv gemacht. Der Titel, dass wir es geschafft haben, innerhalb von gerade einmal zwei Jahren unsere innerstädtischen Einzelhandelsflächen zu verdoppeln, wird dazu jedoch nicht weiter beitragen."
Dirk Lührmann
Osnabrück



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