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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Stadt öffnet Neumarkt-Investoren die Tür
 
Einzelhandel wirbt für kleines Center
 
Fakten-Check: Das sollten Sie wissen, wenn Sie über das Center diskutieren
 
Einkaufszentrum am Neumarkt rückt ein Stück näher
Zwischenüberschrift:
Weiter Gespräche über Einkaufszentrum - Pistorius: Wir nehmen die Sorgen ernst
 
Brief an die Ratsmitglieder
Artikel:
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Originaltext:
Der neue Neumarkt: Die Fläche vor dem Gericht wird als Platz wahrnehmbar. Auf dem Baulos 2 soll ein Gebäude entstehen, um den Plaz zu begrenzen und den Übergang zu markieren. Das Einkaufszentrum kann über die Seminarstraße hinausreichen. Grafik: Matthias Michel

Osnabrück. Der Stadtrat hat einem Investor die Tür zum Bau eines Einkaufszentrums geöffnet, behält die Türklinke aber in der Hand. Sollte sich das Center zu einer Gefahr für die Innenstadt auswachsen, kann der Rat die Tür schnell wieder zuschlagen.

Von Wilfried Hinrichs - 22.35 Uhr am Dienstagabend. Am Ende einer fast sechsstündigen Sitzung gehen die Hände der Mitglieder von SPD, Grünen, FDP, UWG und des Linken-Vertreters in die Höhe: Die Ratsmehrheit will die Planungen für den Neumarkt vorantreiben und die Gespräche mit dem Investor über den Bau eines Einkaufszentrums fortsetzen. Die CDU-Mitglieder stimmen dagegen. Sie wollen eine Größenbegrenzung für das Center auf 12 000 Quadratmeter.
Zumindest in einem Punkt sind sich (fast) alle Ratsmitglieder einig: Der Bebauungsplan für den Neumarkt soll weiter bearbeitet werden, damit die Fläche vor H & M bebaut und der Busverkehr neu geregelt werden kann. Nur Horst Simon (SPD) stimmt dagegen. Sein Einwand: Zunächst seien Rechtsfragen zu klären und die Verkehrsströme zu untersuchen.
OB: Richtige Größe
Oberbürgermeister Boris Pistorius (SPD) wirbt in der Ratssitzung eindringlich dafür, die Gespräche mit dem Investor fortzusetzen. Das Einkaufszentrum am südlichen Neumarkt hält er im Interesse der ganzen Stadt für nötig, um die Anziehungskraft als Handelszentrum nicht zu verlieren und das Quartier am Neumarkt " qualitativ aufzuwerten". " Was wird aus dem Kachelhaus und dem leeren Wöhrl-Gebäude, wenn das Einkaufszentrum nicht kommt?", fragt Pistorius in die Runde und gibt die Antwort selbst: " Das wird zu einem weiteren Absinken führen und Mieter anlocken, die wir dort nicht haben wollen." Die Stadt nehme die Sorgen des Osnabrücker Einzelhandels ernst, doch dürften sie nicht zum alleinigen Maßstab werden. Pistorius wörtlich: " Das Einkaufszentrum wird genau die Größe haben, dass es lebensfähig ist und die Innenstadt nicht gefährdet."
Grüne: Ohne Barriere
Michael Hagedorn (Grüne) räumt ein, dass die Center-Entscheidung " für uns Grüne keine einfache Frage ist". Viele hätten gewiss ein Nein von den Grünen erwartet. " Das wäre vielleicht auch so, wenn es um einen anderen Standort gehen würde", so Hagedorn. Die Barrierewirkung der Straße müsse aufgehoben werden, um der südlichen Innenstadt eine Entwicklungschance zu geben. Die Barriere verstärkte sich noch, wenn nur am nördlichen Teil des Neumarktes investiert würde und die Dreispurigkeit erhalten bliebe.
SPD: Zu Fuß ins Center
Ulrich Hus (SPD) äußert sich ähnlich: " Was sollte mich veranlassen, von der Großen Straße in die Johannisstraße zu gehen? Das grüne Kachelgebäude ist es gewiss nicht." SPD-Fraktionschef Frank Henning lehnt ein großes Parkhaus mit 700 Stellplätzen ab. " Die Leute sollen im Ledenhof oder Kollegienwall parken und dann zu Fuß ins Center gehen", sagt Henning. Damit werde das Center stärker mit der City vernetzt.
FDP: Kaum Unterschiede
Thomas Thiele (FDP) bemühte sich um einen Brückenschlag: " So groß sind die Unterschiede zwischen uns doch gar nicht." Er schlug vor, sich nicht auf eine Quadratmeterzahl festzulegen, sondern die Chance zu nutzen und mit den Investoren " vertrauensvoll" im Gespräch zu bleiben.
UWG: Chance annehmen
Nils Peters (UWG) sagte, auch die Bürgerschaft sei in der Center-Frage gespalten. Wer möglichst wenig verändern und das Bestehende bewahren wolle, der sei bei der CDU gut aufgehoben. " Wir wollen aber die Chance zur Weiterentwicklung annehmen", so Peters. Wulf-Siegmar Mierke warnte, ohne Einkaufscenter werde es mit der Johannisstraße weiter bergab gehen.
Linke: Nicht ängstlich
Christopher Cheeseman (Linke) warf der CDU vor, sich mit der Größenbeschränkung auf 12 000 Quadratmeter selbst zu belügen. Dafür werde es keinen Investor geben. Der Neumarkt sei ein Relikt der 60er-Jahre, als die Stadt autogerecht habe sein müssen. Cheeseman: " Seien wir keine ängstlichen Krämerseelen. Lassen Sie uns einen Meilenstein für kommende Generationen hinzufügen."
CDU: In Gefahr
Die CDU-Fraktion teilt die Bedenken des Einzelhandels. Katharina Pötter sagte, verträglich sei nur ein Center in der Größe der heute am Neumarkt leer stehenden Flächen. Und das seien 12 000 Quadratmeter. Claudia Galitz warnte, ein größeres Center würde die über Generationen gewachsenen Strukturen in der Stadt zerschlagen. Der Rat solle sich keiner Illusion hingeben: " Die Investoren wollen ein geschlossenes Center."

Kommentar
Keine Zeit verlieren
Von Wilfried Hinrichs - Ob Osnabrück ein Center braucht, wird zu entscheiden sein, wenn alle Fakten vorliegen. Was Osnabrück ganz sicher nicht braucht, ist schon entschieden: eine lange, vielleicht Jahre währende Grundsatzdiskussion über das Einkaufszentrum. Eine Hängepartie würde dem Handelsstandort erheblichen Schaden zufügen.
Denn solange die Center-Planungen in der Luft hängen, lähmen sie die Risikobereitschaft der Kaufmannschaft. Viele Ladeninhaber werden vor jeder Investitionsentscheidung doppelt und dreifach überprüfen, ob ihr Geschäftsplan angesichts der Entwicklungsszenarien am Neumarkt tragfähig ist. Keiner weiß heute genau, wie groß ein Center würde, welche Sortimente es böte, wie sich die Passantenströme in der City dadurch veränderten. Wer kann vor diesem Hintergrund verlässlich planen?
Es haben nicht viele ein Potenzial wie L + T. Der Textiler ergriff 2004 die Initiative, als ECE für das Landgericht große Pläne schmiedete. L + T war schneller, schuf rechtzeitig ein Gegengewicht und erwies der City damit einen großen Dienst. Aber solches wird sich nicht wiederholen. Deshalb darf die Stadt keine Zeit verlieren.

Das hat der Rat beschlossen
1. Die Bauleitplanung von 2007 wird weitergeführt, die Offenlegung des Bebauungsplanes vorbereitet (Gegenstimme: Horst Simon, SPD).
2. Die Gespräche mit den Projektentwicklern sind zügig fortzusetzen mit dem Ziel, an diesem Standort ein Einkaufszentrum in einer für Osnabrück verträglichen Größenordnung zu realisieren. Die Stadt nimmt Einfluss auf die Sortimente (Gegenstimmen: CDU, Simon).
3. Sollte der Investor die Voraussetzungen zum Bau eines Einkaufszentrums über die Seminarstraße hinaus bis zur Großen Rosenstraße schaffen, wird für diese Fläche ein Bebauungsplan aufgestellt (Gegenstimmen: CDU).
4. Die Verkehrsuntersuchung wird vertieft (Gegenstimmen: CDU, Simon).
5. Es wird ein Gestaltungswettbewerb ausgelobt, wenn die Ergebnisse der Verkehrsuntersuchung vorliegen und geklärt ist, ob die Tunnel-Rampe in der Johannisstraße abgerissen werden kann.
6. Rückbau auf drei Fahrstreifen mit Option auf zwei Spuren, Sperrung für den Autoverkehr und Erhalt einer Schienentrasse (Gegenstimmen: CDU, Simon, OB Pistorius).
7. Das Cima-Gutachten wird veröffentlicht.
8. Der Bau von Wohnungen im Center soll geprüft werden (beides einstimmig).

Einzelhandel wirbt für kleines Center
Brief an die Ratsmitglieder
hin Osnabrück. Die Spitzen von sechs Werbegemeinschaften haben in einem Brief an die Ratsfraktionen vor voreiligen Beschlüssen zugunsten eines Einkaufscenters gewarnt.
" Klarstellen möchten wir an dieser Stelle sehr deutlich, dass wir uns nicht generell gegen ein Center am Neumarkt aussprechen wollen", heißt es in dem Schreiben der Werbegemeinschaften Große Straße, Georgstraße, Herrenteichsstraße, Kamp-Promenade, Hase-Quartier, Krahn straße und Hasestraße.
Der Brief sei nicht als " reflexartiger Ruf nach Besitzstandswahrung" zu verstehen. Aber die voraussichtliche Größenordnung sei " sehr kritisch" zu beurteilen.
Die aktuell diskutierten Dimensionen bedeuteten einen " massiven Stadtumbau" und würden Passantenströme umleiten. Die Umsatzverschiebungen wären für viele Einzelhändler " ein schwer zu verkraftender Schlag". Investitionen würden unterbleiben, Stellen abgebaut. Auch kleinere Center seien wirtschaftlich zu betreiben, schreiben die Kaufleute und zeigen auf Oldenburg, wo vor einem Monat ein 12 500 Quadratmeter großes Zentrum eröffnet wurde. Ein Drittel der 50 in Deutschland zurzeit geplanten Center gehöre in diese Größenordnung.

Fakten-Check: Das sollten Sie wissen, wenn Sie über das Center diskutieren
Hier soll der Eingang zum Center entstehen. Foto: Westdörp
Cima-Gutachten: Die Stadt hat die Cima Beratung und Management GmbH, Lübeck, beauftragt, die Wirkungen und Verträglichkeit eines Einkaufscenters zu untersuchen. Eine vergleichbare Studie legte die Cima 2004 vor, als der Centerentwickler ECE das Landgericht kaufen wollte. Das Gutachten hat die Theo-Bergmann-Immobilien-Gesellschaft bezahlt. Die Ergebnisse werden in der Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses am 26. Mai öffentlich vorgestellt.
Größe: Das Center müsste laut Gutachten mindestens 18 000 Quadratmeter Verkaufsfläche (ohne Gastronomie, Lebensmittel, Dienstleister) haben, um lebensfähig zu sein und als Magnet zu wirken. Die Obergrenze liegt demnach bei 22 800 Quadratmetern (einschließlich Gastronomie, Dienstleister, Lebensmitteln). Der Investor mfi peilt 23 500 Quadratmeter an.
Umsatz: 99, 4 Millionen Euro erwartet mfi als Jahresumsatz in einem großen Center. Davon würden 62, 8 Millionen Euro, also zwei Drittel, innerhalb der gesamten Stadt umverteilt. Das betrifft also auch die Zentren am Stadtrand. Aus dem Umland würden 36, 6 Millionen Euro Umsatz abgeschöpft. Der durchschnittliche Umsatzverlust anderer Betriebe in der Innenstadt (Verdrängungsquote) wird auf 9, 2 Prozent taxiert. Ab 7 Prozent gilt als kritisch.
Lage: Denkbar ist ein Center in Ost-West-Ausrichtung zwischen Johannisstraße und Lyrastraße. Auch eine Nord-Süd-Lage mit Überbauung der Seminarstraße wird angedacht.
Verkehr: Das Verkehrsgutachten ist noch nicht fertig. Vorläufiges Ergebnis für ein Groß-Center (700 Stellplätze): An Spitzentagen wird es Rückstaus geben.
Gefahren: Die mittlere Große Straße mit L + T halten die Gutachter für stark genug, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Für die Krahnstraße werden " wegen der besonderen Angebotsqualität" nur geringe Auswirkungen erwartet. Es besteht die Gefahr, dass Großbetriebe wie P & C, Kaufhof oder Saturn in das Center wechseln und deren heutige Lagen abgehängt werden. Ist das Center erfolgreich, wird es " negative Auswirkungen auf Teile der Innenstadt haben".
Baulos 2: Das ist das Grundstück vor H & M. Es gehört der Stadt. Immobilienbesitzer Theo Bergmann besitzt Nutzungsrechte an den unterirdischen Zugängen.

Nach leidenschaftlicher Debatte hat der Osnabrücker Stadtrat am späten Dienstagabend die Weichen für die Entwicklung des Neumarktes gestellt. Die Stadt will die Gespräche mit den Investoren über den Bau eines Einkaufszentrums im ehemaligen Wöhrl-Gebäude am Neumarkt/ Ecke Johannisstraße (vorn rechts) fortsetzen. Eine bunte Koalition aus SPD, Bündnis90/ Grünen, FDP, UWG und Linker stimmte dafür. Die CDU wehrte sich dagegen. Sie forderte aus Sorge um die Innenstadt und den Osnabrücker Einzelhandel eine Größenbegrenzung auf 12 000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Auch der Handel äußert sich kritisch über die Pläne.
Foto:
Gert Westdörp
Autor:
Wilfried Hinrichs


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