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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
"Schloss Murmeljan" erzeugt Strom
Zwischenüberschrift:
Die Haster Mühle liegt an einer der verkehrsreichsten Kreuzungen Osnabrücks
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Bereits vor 85 Jahren hatte Osnabrück schon eine Art " Masterplan Mobilität". Der damalige Stadtbaurat Friedrich Lehmann (1869-1961) stellte Betrachtungen darüber an, wie sich der motorisierte Verkehr weiterentwickeln würde. Von 1914 bis 1926 war er um das Sechsfache angewachsen. Ganz falsch lag Lehmann nicht, als er 1926 mutmaßte, dass damit das Maximum noch nicht erreicht sei.
Das Bestreben des Spitzenbeamten war, wenigstens den Durchgangsverkehr aus dem engen altstädtischen Gassengewirr herauszuhalten. Dafür sollte ein " Äußerer Ring" um die Stadt gelegt werden, der an der Haster Mühle die Bramscher Straße kreuzte, dann dem Römereschweg folgte, um schließlich " über den tiefsten Sattel des Westerbergs in den Lieneschweg" einzumünden. Damit hatte Lehmann in etwa den Verlauf der " Entlastungsstraße West" antizipiert, für die es derzeit keine politische Mehrheit gibt.
Im Zuge des Ringstraßen-Projekts galt es, auch die Hauptausfallstraße nach Norden, die Bramscher Straße, zu ertüchtigen. Der gesamte Verkehr musste die schmale, baufällige Nettebrücke passieren. Das kleine Schild am rechten Brückengeländer forderte: " Langsam fahren!" Vor der Brückenverbreiterung hatte das Stadtbauamt den Fotografen Rudolf Lichtenberg beauftragt, den alten Zustand festzuhalten. Links im Bild ist bereits mit Arbeiten an der Uferbefestigung des Mühlenstaus begonnen worden.
Dies alles ist nachzulesen in Rolf Spilkers Buch " Lichtenberg - Bilder einer Stadt". Spilker beschreibt darin das für die Nachwelt segensreiche Zusammenspiel zwischen dem Stadtbaurat als Auftraggeber und dem Fotografenmeister Rudolf Lichtenberg jr. (1875-1942), der die Aufträge technisch und ästhetisch perfekt umsetzte.
Beim Vergleich mit der aktuellen Situation fällt auf, wie richtig Senator Lehmann lag, als er ein steigendes Verkehrsaufkommen erwartete. Dass aus den zwei Fahrspuren an dieser Stelle einmal sieben werden würden, dürfte seine seherischen Fähigkeiten allerdings überstiegen haben.
In den 1960er-Jahren mussten die Verkehrsplaner sich Gedanken machen, wie der Zubringerverkehr zur Autobahn Hansalinie Richtung Bremen zu verkraften sei. Klar war, dass die Baufluchten der Bramscher Straße zwischen Hasetor und Haster Mühle einen Ausbau nicht hergaben. So projektierten sie parallel einen vierspurigen Ausbau und eine Verlängerung der Hansastraße, die zunächst nur vom Hasetor bis zur Wachsbleiche ging, bis zur Haster Mühle. Auf der Aufnahme von 1926 ist folglich noch nichts von der Hansastraße zu sehen.
Das Hauptgebäude der Haster Mühle am rechten Bildrand hat sich hingegen seit dem letzten Umbau 1909 kaum verändert.
Ein früher Mühlenstandort am Nette-Übergang des alten Heerweges nach Bramsche, zum Zisterzienserinnenkloster Harste (Haste), später Rulle gehörig, ist 1230 belegt. Durch die Säkularisierung 1803 fiel die Mühle an die Klosterkammer. Es folgten wechselnde Verpachtungen. Nach 1828 stellten die Gebrüder Gülich hier Tuche und Stoffe für das Militär her. Ihre Tuch-Manufaktur galt als die größte im Königreich Hannover. Ab 1907 betrieb Familie Kirk sie als Getreidemühle mit drei Schrotgängen, drei Walzenstühlen und einer Haferquetsche. Weil das Mühlrad angeblich nicht klapperte, sondern murmelte, nannte Müller August Kirk sein Anwesen liebevoll " Schloss Murmeljan", wie der Haster Autor Wido Spratte in seinem Buch " Osnabrück-Haste" schreibt.
In der Notzeit nach dem Krieg konnten die Haster Bürger aufgesammelte Bucheckern anliefern und bekamen im Tausch Öl zurück. Mit dem Bau der Hansastraße 1967/ 68 wurden die zur Mühle gehörenden landwirtschaftlichen Gebäude abgerissen. Ende 1971 stellte die Haster Mühle endgültig ihren Mahlbetrieb ein. Mühlentechnik und Mahlgänge blieben allerdings erhalten und dienen heute als urige Staffage einer Weinhandlung. Die Weinverkostung setzt eine Tradition aus dem 18. Jahrhundert fort. Bereits zu Mösers Zeiten gab es hier eine von Gelehrten und Honoratioren gern besuchte Weinstube. Spratte berichtet, die Weinfreunde hätten die Zahlung der Akzise an die Stadt umgangen, indem sie sämtliche Vorräte als für das Kloster bestimmten Messwein deklarierten.
Heute murmelt eine Francis-Kesselturbine in der Haster Mühle weiter friedlich vor sich hin. Mit dem Laufwasser-Kraftwerk gewinnen die Stadtwerke Strom. Die etwa 25 000 Kilowattstunden im Jahr reichen für sechs Haushalte. Das ist zwar nicht das Allermeiste, aber gerade auch aus umweltpädagogischen Gründen passt diese regenerative Energiegewinnung gut ins Konzept der Stadtwerke.

Bildtext:

So schmal war die Bramscher Straße vor der Haster Mühle (rechts im Bild) noch 1926. Links hinter dem Nettestau liegt das Gasthaus " Haster Turm" von Albert Fleddermann.

Fotos:

Rudolf Lichtenberg, aus: Rolf Spilker, Lichtenberg - Bilder einer Stadt, Bramsche 1996
Autor:
Joachim Dierks


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