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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Keine Angst vor kippenden Grabsteinen
Zwischenüberschrift:
Stadt testet nach Vorschrift
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Wackelt? Hat Luft? Keinesfalls: Dieser von Friedhofsgärtner Manfred Bury auf dem Friedhof Schinkel mit dem schonenden Testgerät geprüfte Grabstein erfüllt die Standfestigkeitsanforderungen der TA Grabmal vorbildlich. Foto: Hermann Pentermann
Osnabrück. Manchmal werden Menschen von Grabsteinen erschlagen. Deshalb müssen die Steine in Deutschland regelmäßig auf ihre Standsicherheit geprüft werden. Die Regelung dient der Sicherheit von Friedhofsbesuchern und - arbeitern. Dennoch gibt es manchmal Ärger.
Von Michael Schwager - Edith Heese wunderte sich, als sie den Aufkleber mitten auf dem Grabstein des Familiengrabes auf dem Pyer Friedhof entdeckte. " Unfallgefahr, Grabstein ist lose. Bitte umgehend befestigen lassen", stand da auf dem leuchtend orangen Klebeetikett. Nachdem ihre eigenen Rüttelversuche keinerlei Bewegung am Stein verursachten, schickte sie ihren Sohn zur Familiengruft. Auch der bewegte den Grabstein keinen Millimeter. " Wie kommt die Stadt auf die Idee, dass der Grabstein umkippen könnte?", mit dieser Frage wandten sie sich an die Friedhofsabteilung beim Osnabrücker Servicebetrieb. Das Testgerät habe die Kippgefahr klar angezeigt, hieß es dort.
Die Standsicherheit von Grabsteinen werde regelmäßig geprüft, erfuhr die Pyerin ferner. Wenn der Test Mängel ergebe, werde der Aufkleber zur Info an die Angehörigen auf den Stein gepappt. Denn die Hinterbliebenen sind für die Standfestigkeit der Grabmale verantwortlich. Das heißt auch: Sie müssen die Reparatur bezahlen. Im Falle des Familiengrabs in Pye kommen da wohl 300 bis 600 Euro auf die Witwe zu.
Eva Güse, Friedhofsabteilungsleiterin beim Osnabrücker Servicebetrieb, bestätigte diese Testpraxis auf Anfrage unserer Zeitung. Bei Gefahr im Verzug müssten die Friedhofsmitarbeiter den Grabstein sogar sofort flachlegen. Ob ein Grabstein zu wackelig ist, wird nicht willkürlich entschieden, sondern mit einem in der TA Grabmal genau geregelten Verfahren geprüft. Die TA Grabmal wurde von der Deutschen Naturstein-Akademie ausgearbeitet, einer Bildungseinrichtung der Natursteinbranche, und steht für " Technische Anleitung zur Standsicherheit von Grabmalanlagen". Sie umfasst 61 Seiten in der Version von 2009 und regelt die Einzelheiten.
Mit einem speziellen Prüfgerät, das die von der TA Grabmal festgelegte Testbelastung von 50 Kilogramm grabsteinschonend überträgt, prüft Manfred Bury seit etwa einem Jahr auf dem Schinkeler Friedhof die Grabsteine. Vorher hatte er einfach an den Steinen gerüttelt. Die Zahl der Beanstandungen habe sich nicht erhöht, seit nun das neue Gerät im Einsatz ist. 50 bis 80 wackelige Steine seien pro Jahr auf dem Friedhof in Schinkel zu beanstanden.
Die Stadt ist insgesamt für die Verkehrssicherheit auf den Friedhöfen verantwortlich. Außerdem verlangt die Berufsgenossenschaft (BG) Gartenbau die regelmäßige Überprüfung der Grabsteine. Uwe Böckmann, stellvertretender Leiter der Präventionsabteilung der BG in Kassel, bestätigt, dass die Unfallverhütungsvorschriften eine Überprüfung der Grabsteine vorsähen - im Interesse der Versicherten. Das sind vor allem die Friedhofsgärtner. Ende der 90er-Jahre sei ein Friedhofsgärtner von einem Grabstein erschlagen worden. 80 Grabstein-Berufsunfälle pro Jahr verzeichne die Berufsgenossenschaft in den allermeisten Fällen nicht tödlich. In Osnabrück ist in den letzten Jahren überhaupt kein Vorfall aktenkundig geworden.
Auch Friedhofsbesucher kommen zu Schaden. Viele ältere Menschen würden sich bei der Grabpflege an den Grabmalen abstützen, so Böckmann. Dabei kann ein loser Stein, manchmal tonnenschwer, umkippen - mit verheerenden Folgen. Immer mal wieder erschüttern Meldungen von umstürzenden Grabsteinen, unter denen Kinder zu Tode gekommen sind. Im Juni 2003 starb so eine Sechsjährige im bayerischen Mettendorf am Grab der Großmutter. Der letzte bekannt gewordene Fall ereignete sich auf Rügen 2008. Hier kam eine Vierjährige ums Leben, allerdings nicht auf einem Friedhof, sondern auf dem Ausstellungsgelände eines Steinmetzes.
Einige Bürgermeister haben sich dennoch gegen die regelmäßige Grabstein-Wackelprüfung gewandt. Thomas Schäuble, Bruder des Bundesfinanzministers, hat 1998 als Innenminister von Baden-Württemberg versucht, die seiner Ansicht nach " unnötigste Verordnung des Landes" abzuschaffen - vergeblich.

Kommentar
Ist sicher sicher?
Von Michael Schwager - Mancher schätzt sich glücklich, in einem Land zu leben, in dem man fast sorgenfrei den Friedhof betreten kann. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Grabstein erschlagen zu werden, ist in Deutschland nahe null.
Aber dürfen wir uns wirklich sicher fühlen? Wer prüft mit der Akribie einer TA Grabmal die Standfestigkeit von Ampelschaltkästen, Dachpfannen, Obstbäumen und Aktenschränken im Finanzamt?
Im Ernst: Die Frage ist, ob in dem Land mit den sichersten Friedhöfen, aber mit 4000 Verkehrstoten im Jahr und einer ungeklärten Atommüllentsorgung die Prioritäten richtig gesetzt werden. Thomas Schäuble hat recht: Von den nötigen Prüfungen ist die Grabstein-Wackelprüfung eine, die vielleicht sogar durch gesunden Menschenverstand komplett ersetzt werden könnte.
Autor:
Michael Schwager


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