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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die toten Augen vom Natruper Holz
Zwischenüberschrift:
Das unvollendete Wehrmachts-Lazarett wurde zum Klinikum-Standort
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Die Ruine am Natruper Holz war ein schauriger Abenteuerspielplatz für die halbwüchsigen Kinder der 50er-Jahre - wenn sie nicht gerade am Sonntag, als kleine Erwachsene verkleidet, davor für den Fotografen schaulaufen mussten. Foto: Archiv Radßat
Die Ruine am Natruper Holz war ein schauriger Abenteuerspielplatz für die halbwüchsigen Kinder der 50er-Jahre - wenn sie nicht gerade am Sonntag, als kleine Erwachsene verkleidet, davor für den Fotografen schaulaufen mussten. Foto: Archiv Radßat
Osnabrück. Etwas unheimlich waren sie ja, die leeren Fensterhöhlen der Lazarettruine an der Sedanstraße, die wie " tote Augen" in die noch wildnisähnliche Nachkriegslandschaft blickten. Manches Kind der 1950er-Jahre, das damals rund um das Natruper Holz auf Entdeckungstour ging, mag sich wohl an Muttis Hand wohler gefühlt haben, wenn der Abend dämmerte. Denn es machten ja auch allerlei Gerüchte von darin hausenden entlaufenen Gefangenen die Runde.
Von Joachim Dierks - Auch Osnabrück hatte sein kleines Prora. Ähnlich jenem Kolossalbauwerk für den KdF-Tourismus auf Rügen war der Bau eines Standortlazaretts zwischen Natruper und Heger Holz 1936 begonnen worden. Im Rohbau war das Lazarett fertig, als mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ein Baustopp verfügt wurde. Das Bauwerk überstand den Bombenkrieg relativ unbeschadet. Nur der seitliche Wirtschaftsflügel hatte einen Volltreffer bekommen.
Die auf der historischen Aufnahme erkennbaren Deckeneinstürze hatten einen anderen Grund. Die Osnabrücker wollten ihre Häuser wiederaufbauen, aber es fehlte an Baumaterial. Da kam die Rohbau-Ruine als " Steinbruch" gerade recht. Ein außergesetzlicher lebhafter Abbaubetrieb entwickelte sich. Elf tragende Wände wurden zerlegt. In der Folge stürzte der Mitteltrakt ein. Clevere Schwarzarbeiter tauschten die von ihnen herausgebrochenen Mauersteine und Sandstein-Gewände an Ort und Stelle gegen Lebensmittel und Zigaretten. Ab Juni 1946 setzte die Stadt nachts Wachen ein. Das aus der Not geborene Baustoff-Recycling kam zum Erliegen.
Die " ruinierte Ruine", wie das Osnabrücker Tageblatt sie 1952 nannte, erschien dennoch viel zu schade für einen Komplettabriss, da umbauter Raum Mangelware war. Ausgebombte Familien und Flüchtlinge richteten sich im Erdgeschoss notdürftige Wohnstätten ein. Das Wohnungsamt erfuhr davon, " ließ sie aber kramen", wie das Tageblatt schrieb, denn bei einer Zwangsräumung hätten sie die Liste der Wohnungssuchenden nur noch länger gemacht.
Unterschiedliche Nutzungskonzepte wurden heftig diskutiert. Die Stadt wollte kein Krankenhaus an der Stelle, weil sie dann weiteren Flächenbedarf im Landschaftsschutzgebiet befürchtete. Das Bundesverteidigungsministerium setzte sich durch und verkündete im Jahr 1956, dort ein 200-Betten-Lazarett einrichten zu wollen.
Der Anblick der Ruine blieb den Osnabrückern jedoch noch weitere neun Jahre erhalten. 1965 erst wurde mit Teilabbrüchen begonnen, 1967 feierte man Richtfest. Und bis die ersten kranken Soldaten hereingerollt werden konnten, vergingen noch sechs Jahre. Der Bau eines unterirdischen atombombensicheren Notlazaretts unter dem eigentlichen Bundeswehrkrankenhaus, " für den Ernstfall", wie man damals sagte, hatte Zeit und Geld verschlungen, von 30 Millionen DM war die Rede.
Der Zusammenbruch des Warschauer Paktes stellte die geschrumpfte Bundeswehr vor neue Aufgaben. Nachdem 1990 noch einmal weitere acht Millionen DM in die Modernisierung von Intensivstation und Röntgendiagnostik gesteckt worden waren, wurde die Schließung verkündet. Nach nur 20 Jahren Betrieb kaufte die Stadt das Bundeswehrkrankenhaus für 16 Millionen DM, um hier einen Zweitstandort des städtischen Klinikums einzurichten. Bereits im Folgejahr 1994 nahmen die Geriatrie und eine Abteilung für Schädel-Hirn-Verletzungen die Arbeit auf.

Autor:
Joachim Dierks


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