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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Grünkohlernte hat begonnen
 
Strippen lohnt sich nicht
 
Wissen, was serviert wird
Zwischenüberschrift:
Viel Tradition für ein außergewöhnliches Gemüse
 
Gefrier-Kohl verdrängt den frisch geernteten
 
Grünkohl-Experte Olfa Melzer hilft weiter
Artikel:
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Originaltext:
Die Palme des Nordens: Grünkohlpflanzen bei Landwirt Jürgen Biewener in Melle. Nach dem ersten Frost ist es Zeit für die Ernte.Foto: Pentermann
Osnabrück. Nach dem ersten Frost ist der Grünkohl am schmackhaftesten. Das weiß jeder Liebhaber des gesunden Gemüses. Während die großen Anbaugebiete im Norden schon wesentlich früher abgeerntet werden und der Kohl die Supermarktregale füllt, gibt es ihn nun auch frisch in den Hofläden und auf dem Markt. Ein Blick auf das Gemüse mit viel Tradition.
Von Christian Wopen - Der Grünkohl, regional auch Braunkohl genannt, gehört zu den gesündesten Lebensmitteln. Besonders sein hoher Vitamin-C-Gehalt schlägt jede Orange. Er enthält aber auch große Mengen anderer Vitamine, wichtige Mineralien und Eiweiß. Wer Grünkohl isst, der tut sich etwas Gutes. Gerne Nachschlag, und " dafür dann eine Portion Fleisch oder Kartoffeln weniger", schlägt Olaf Melzer von der Hochschule Osnabrück vor. An der Fakultät für Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur forscht er im Bereich Gemüsebau.
Der leckere Kohl findet sich nicht nur in Mitteleuropa, auch Nordamerika und Ost- sowie Westafrika gehören zu den Anbaugebieten. Schon zur Zeit des Heiligen Römischen Reiches war der Grünkohl ein beliebtes Gericht.
So, wie wir ihn heute kennen, also mit Kartoffeln und der deftigen, geräucherten Wurst und vor allem dem entsprechenden Kult - Wandern, Radeln und Boßeln gehören schließlich zu jedem Grünkohlessen dazu -, wird er dann doch nur in Norddeutschland genossen.
Wie weit es dabei gehen kann, zeigt zum Beispiel die Existenz des Vereins zur Förderung des Grünkohls in Auggen, einer Gemeinde im Markgräferland. Gegründet wurde der Verein Anfang 2000, wird also im kommenden Jahr bereits seinen elften Geburtstag feiern.
Da heißt es beispielsweise in der Satzung in Paragraf 5: " Die Mitgliedschaft endet durch den Tod oder durch erwiesene Grünkohlallergie." Ein anderer Weg, den Verein zu verlassen, ist übrigens nicht vorgesehen.
Und dann sind da noch die Grünkohl-Könige. In Osnabrück regierte 2009 Hans-Gert Pöttering. 2010 wurde bei der 57. Osnabrücker Mahlzeit in der Osnabrückhalle der Reiterhof-Besitzer und " Horses & Dreams"- Festivalier Ullrich Kasselmann zum Regenten über den größten Männerstammtisch Europas gekürt.
Ist man etwas genauer, gibt es allerdings Dutzende Könige im Osnabrücker Land, da zahlreiche Gruppen ihren eigenen Herrscher über den Kohl küren. Doch Konkurrenzdenken gibt es nicht: Viel wichtiger ist schließlich, dass man einen schönen Abend verbringt und das Essen schmeckt.
Noch beliebter ist die sogenannte Palme des Nordens allerdings bei unseren Nachbarn in Oldenburg. Das jährliche Essen mit prominenten Teilnehmern zelebrieren die Oldenburger allerdings nicht in der Heimat, sondern in der Hauptstadt Berlin.
" Das sieht aus wie schon einmal gegessen" - auch diesen Satz dürften viele Grünkohl-Feinschmecker schon einmal gehört haben. Sicher ist, der Kohl hat es nicht leicht, je weiter man in der Republik nach Süden zieht. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen jedoch, wo mit 845 von 934 Hektar über 90 Prozent der bundesweiten Grünkohl-Anbaufläche liegen, ist sein guter Ruf ungebrochen.

Fakten zum Grünkohl
Ein einzelner Kohl bringt etwa ein Gewicht zwischen
750 und 850 Gramm. Die Erträge sind stark von der Sorte und dem Wetter abhängig. Sie liegen pro Hektar etwa im Bereich von
20 bis 40 Tonnen.
Da in Süddeutschland kaum Grünkohl gegessen wird, gilt ein Genuss von etwa 0, 5 Kilo im Jahr pro Kopf als realistisch. Die Norddeutschen
langen selbstverständlich deutlich mehr zu.
Der Ursprung des Kohls ist unklar. Olaf Melzer von der Hochschule Osnabrück nennt " den Mittelmeerraum als Ursprungsgebiet, und dort vermutlich weniger den spanisch-afrikanischen Bereich. Die Römer werden für den Export nach Mitteleuropa verantwortlich gemacht."
Der erste Frost tut dem Kohl tatsächlich gut, da ein Teil der Kohlenhydrate umgebaut wird und sich der Zuckergehalt im Kohl erhöht. Früh gesäter oder gepflanzter Grünkohl ist dem später gepflanzten aber durchaus ebenbürtig, da er frühzeitig reichlich Licht bekommt und so seine Süße entfalten kann.
Der Grünkohl trägt erst in seinem zweiten Jahr Blüten.
Bei den meisten Sorten sind diese hellgelb. Blattfarbe und Kräuselung
variieren je nach Sorte. Die Länge
des Strunkes bestimmt, ob von einer niedrigen, halbhohen und hohen Sorten die Rede ist.

Strippen lohnt sich nicht
Gefrier-Kohl verdrängt den frisch geernteten
Ein Vergleich: Die Reste des Grünkohls nach dem Strippen per Hand zeigt Landwirt Biewener. Sie landen bei maschineller Verarbeitung oft in der Packung.Foto: Pentermann
cwo Melle. Landwirt Jürgen Biewener baut Gemüse an. In Melle hat er große Felder für Blumenkohl, Eisbergsalat oder auch Brokkoli. Zwischen August und Ende Oktober pflanzt er auch Grünkohl, aber nur für den eigenen Hofladen. " Mehr lohnt sich nicht", sagt er.
Die großen Anbaugebiete liegen weiter im Norden, zum Beispiel um Oldenburg, der Grünkohlhochburg. " In Langförden ist eine große Frosterei", erklärt Biewener. In deren Umkreis wird massenweise Grünkohl gepflanzt und teils von Hand, teils maschinell geerntet.
Zwar sei die Qualität des gefrorenen Kohls nicht schlechter, aber manchmal werde er mit dem Stängel zusammen gehäckselt. " Die haben ja auch ihr Gewicht", sagt Biewener. Die alten Stängel seien oft zäh und landen mit in der Packung. Darauf sollte man beim Kauf achten. Sicher geht auch, wer den Kohl von Hand gestrippt kauft, wenn also die Blätter sauber vom Stängel abgezogen werden. Doch das Verfahren ist aufwendig und daher teuer. Daher gibt es ihn so nur noch selten in der Region Osnabrück zu kaufen, zum Beispiel in Hofläden, wie dem von Biewener. In den Supermärkten sind die Chancen gering.
Auch die Schädlinge erschwerten den Anbau des Kohls. Die weiße Fliege sei seit zwei, drei Jahren aufgetaucht. " Früher gab es die nur in den Gewächshäusern", erklärt der Landwirt. Sie legt ihre Eier unter die Blätter, wo man sie schwer bekämpfen kann. Auch den Wirsing befällt das Insekt. Ihm ist praktisch nicht beizukommen.
Dazu kommt noch die Kohlfliege, gegen die noch am besten Fliegennetze helfen. " Dann ist allerdings die Lüftung schlechter und die Sonneneinstrahlung, da kann es Probleme mit Pilzen geben", ergänzt Biewener.
Will der Osnabrücker frischen Kohl essen, so muss er also entweder zu einem Hofladen fahren oder selbst Kohl-Bauer werden.
Anfang Juli säen und Ende Oktober ernten, so sollte es laufen. Aber nur wenn das Wetter mitspielt. " In diesem Jahr war es anfangs zu trocken und später zu nass", sagt Biewener. Die starken Regenfälle, die auch zu den Hochwassern in der Region geführt haben, konnten nicht abfließen, und die Pflanzen hätten keine Luft mehr bekommen, gelbe Blätter mussten entfernt werden. Zum Beweis hebt er einen Grünkohl auf die Waage: etwa 600 Gramm. Kein guter Ertrag.

Wissen, was serviert wird
Grünkohl-Experte Olaf Melzer hilft weiter
Eier der weißen Fliege unter einem Blatt. Foto: Pentermann
cwo Osnabrück. Essen ist für fast alle Menschen mehr als bloße Nahrungsaufnahme. Essen ist Genuss, Essen wird zelebriert. Zu gutem Essen gehört auch, dass man weiß, was man auf dem Teller hat. Olaf Melzer von der Hochschule Osnabrück ist Experte für die Palme des Nordens. Er erklärt, was man über Grünkohl in diesem Jahr wissen sollte.
Die Ernte 2010: " Die diesjährige Witterung war zu kalt und zu nass für eine schnelle und ausreichende Entwicklung der Pflanzen. Die hohen Niederschläge hatten Nährstoffverluste im Boden zur Folge, wodurch die Qualität zum Beispiel hinsichtlich der Farbe der Grünkohlblätter zu wünschen übrig lässt. Durch die in September und Oktober sehr früh einsetzenden niedrigen Temperaturen kann der Grünkohl seine übliche Massenentwicklung in dieser Zeit nicht realisieren. Durch weniger Sonne sind auch die Vitamin- und Zuckergehalte eventuell geringer."
Schädlinge: " Zu den Pflanzenschutzmaßnahmen gegen den Kohlweißling möchte ich als biologische Methode den Einsatz von ? Bacillus thuringiensis? erwähnen, einem selektiv wirkenden Präparat, das die Raupen mit dem Protoxin eines Bakteriums infiziert, an dem die Raupen zugrunde gehen. Diese Methode muss den Einsatz der Netze ergänzen, da durchaus Eier des Kohlweißlings durch die Maschen des Netzes abgelegt werden können, sodass die Raupen den Kohl sehr wohl schädigen.
In den vergangenen Jahren hat ein weiterer Schädling an Bedeutung zugenommen, vermutlich im Zusammenhang mit der Klimaveränderung: die Kohlmottenschildlaus oder weiße Fliege. Sie ist schwer zu bekämpfen, für die Netze zu klein, durch den Bazillus nicht zu erreichen. Nach geeigneten Verfahren und Mitteln wird noch gesucht."
Eigenanbau: " Der Eigenanbau ist unproblematisch, allerdings: Auf der Fläche sollten wenigstens vier Jahre keine Kohlgewächse gestanden haben, und der pH-Wert des Bodens sollte über sechs liegen.
Jungpflanzen vom Markt oder selbst gesäte Pflanzen ab Juli bis Anfang August pflanzen oder etwa vier bis fünf Wochen früher direkt im Freiland säen. Auf eine ausreichende Düngergabe achten, aber Grünkohl ist kein ausgesprochener Starkzehrer, also auch nicht zu viel düngen.
Die Beikrautflora im Zaum halten, vor allem aber gegen die genannten Schädlinge Netzabdeckung vom Tag der Pflanzung an (mit Gemüsefliegennetz). Auf Raupen achten, absammeln oder behandeln."
Grünkohl-Sorten: " Halbhoher grüner Krauser und Lerchenzungen sind samenfeste Sorten, die für relativ wenig Geld zu erhalten sind. Daher haben sie immer noch eine große Verbreitung in den Gärten. Im Erwerbsanbau geht der Trend ganz klar zu sogenannten F1-Hybriden, deren Saatgut zwar wesentlich teurer ist, die aber den alten Sorten auch weitaus überlegen sind, was den Ertrag und zum Teil auch die Frosthärte angeht.
Die Sorte Redbor als rote Hybride hat für den Erwerbsanbau keine Bedeutung, ist aber ganz nett anzusehen, daher für den Kleingartenanbau von Interesse."

Autor:
Christian Wopen


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