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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die besondere Geschichte von L+T
Zwischenüberschrift:
Norddeutschlands größtes Mode-Kaufhaus wird 100 Jahre alt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
hin Osnabrück. L+ T wird 100 Jahre alt. 100? L+ T-Chef Mark Rauschen bezieht sich auf das Jahr 1910, als das Modehaus Alsberg & Co. ein revolutionäres Geschäft an der Großen Straße eröffnete. Das war der Ursprung des heutigen Kaufhauses, zu dessen Geschichte auch das Jahr 1935 gehört: das Jahr, als die Nazis die jüdischen Besitzer aus dem Geschäft drängten.

" Eindeutig von dieser , Arisierung? profitiert"
Wibke Schmidt, Historikerin

Mark und Dieter Rauschen verschweigen dieses Kapitel ihrer Unternehmensgeschichte nicht. Im Gegenteil: Sie haben Fachleute, das Geschichtsbüro Köln, beauftragt, ohne Vorbehalte die Historie aufzuarbeiten und in einem Jubiläumsbuch zu veröffentlichen. Das Geschichtsbüro erforscht nach eigenen Angaben Firmengeschichten nach wissenschaftlichen Grundsätzen und stellt die Ergebnisse in Büchern, Filmen, Ausstellungen dar - je nach Wunsch des Auftraggebers. " Nicht alles, was in dem Buch steht, hat uns gefallen", sagt Mark Rauschen, " aber es ist die Wahrheit."
Alsberg & Co. war ein reichsweit agierender Konzern, der 1930 zum drittgrößten Warenhausunternehmen aufstieg. Als Alsberg 1910 in Osnabrück " ein modernes Spezialhaus für gediegene Manufakturwaren, Konfektionen, Mode- und Kurzwaren" eröffnete, setzte das Unternehmen neue Maßstäbe: ein Kaufhaus! Es galt als Sinnbild der Moderne.
Die Warenhäuser luden zur " zwanglosen Besichtigung" ein. Das neue Geschäftsmodell habe die Menschen " fasziniert und verstört", schreibt die Historikerin Wibke Schmidt im Jubiläumsbuch. Dass die Ware zu Festpreisen verkauft und beim Bezahlen Bares verlangt wurde, habe den Kunden Neues abverlangt. " Sie waren es gewohnt, um den Preis zu feilschen und anschreiben zu lassen. Wirklich innovativ aber war die Einladung, vorbeizukommen und zu staunen, ohne dabei etwas kaufen zu müssen."
Heute würde das Geschäftsmodell von Alsberg & Co. als Franchise-System bezeichnet. Alsberg hatte das Konzept, vor Ort trugen die jeweiligen Inhaber die volle unternehmerische Verantwortung. In Osnabrück waren es Max Katz, Ludwig Stern und Gustav Falk. Die drei führten das Unternehmen durch die schweren Zeiten des Ersten Weltkriegs, der Inflation und der Weltwirtschaftskrise 1929/ 30.
Die Nazis begannen nach ihrer Machtübernahme im Januar 1933, jüdische Geschäftsinhaber zu bedrängen. Beim Boykottaufruf am 1. April 1933 zogen SA-Männer vor dem Modekaufhaus von Katz, Stern und Falk auf, war es doch mit 151 Beschäftigten das größte Geschäft in jüdischem Besitz in Osnabrück. Die antisemitische Hetze ließ den Umsatz um 75 Prozent einbrechen. Die drei Eigentümer sahen sich zum Verkauf gezwungen. " Arisierung" nannten die Nationalsozialisten die Enteignung der Juden. Der Begriff bezieht sich auf eine angebliche " arische Herrenrasse", zu der die Juden nicht gehörten.
Die Kaufleute Alfred Triesch mann aus Essen und Friedrich Lengermann aus Osnabrück übernahmen das Geschäft an der Großen Straße. Am 20. November 1935 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Zehn Tage später eröffnete das Modekaufhaus unter dem neuen Namen " L+ T".
Die Historikerin schreibt dazu: " Lengermann und Trieschmann haben eindeutig von dieser , Arisierung? profitiert, indem sie das Kaufhaus unter Wert kaufen konnten. Sie hatten im Vorfeld allerdings nichts unternommen, um die wirtschaftliche Notlage der jüdischen Vorbesitzer zu verschärfen oder besonders auszunutzen. Nach dem Krieg waren sie in einem Entschädigungsverfahren sofort zu einem Vergleich mit den Vorbesitzern oder deren Erben bereit, auch wenn die Entschädigungszahlungen das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt schwer belasteten." Der Umgang miteinander sei " fair" gewesen, die Kapitalabfindung " so schnell wie möglich" gezahlt worden.
Der Kontakt zu Nachkommen der jüdischen Vorbesitzer blieb lange erhalten, wie Seniorchef Dieter Rauschen berichtet. Zum 50. Jubiläum von L+ T war Rolf Stern, der Sohn von Vorbesitzer Ludwig Stern, auf Einladung von L+ T aus den USA angereist.
Am Kriegsende lag das Modehaus in Trümmern. Erst mit der Währungsreform 1948 lebte auch L+ T wieder auf. 1951 begannen Friedrich Lengermann und Alfred Triesch mann mit dem Wiederaufbau. Beim Richtfest am 27. September 1952 waren die 14-jährigen Zwillingsbrüder Dieter und Klaus Rauschen - Enkel von Alfred Trieschmann - schon dabei. Sie sollten später das Geschäft übernehmen.
Alfred Trieschmann starb 1959. Fünf Jahre später stieg Dieter Rauschen als 25-Jähriger ein - als Verkäufer in der Wäscheabteilung für Männer. 1968 trat sein Bruder Klaus als Mitinhaber und Geschäftsführer für den kaufmännischen Bereich ein.
Es begann ein Prozess der permanenten Modernisierung. Rolltreppen, Selbstbedienungsfahrstühle, Klimaanlage. L+ T blieb in Ausstrahlung und Angebot auf der Höhe der Zeit. Und die Zeiten wurden härter, denn das Discountprinzip und der Fabrikverkauf machten dem klassischen Textilhandel zunehmend zu schaffen. L+ T eröffnete eine Filiale in Lingen mit 600 Quadratmetern. Ein Versuch, der 1981 beendet wurde. Dieter Rauschen entschied sich gegen die Filialisierung. Sei hindere den Inhaber daran, " persönlich zu regieren", sagt er. Er wolle den direkten Kontakt zu Kunden und Mitarbeitern nicht verlieren. Rauschen vergrößerte das Haus in Osnabrück, statt seine Zeit auf der Autobahn zu verbringen. Und L+ T setzte das Shop-in-Shop-Prinzip konsequent um. Jetzt hängt nicht Bluse neben Bluse, sondern ganze Kollektionen einer Marke werden auf einer Fläche zusammengefasst.
Als 2003 in Osnabrück Pläne reiften, am Neumarkt ein Einkaufscenter mit 25 000 Quadratmeter Verkaufsfläche zu bauen, wagten Dieter und sein Sohn Mark Rauschen den großen Schritt. Sie kauften das Wilhelmsstift, das ehemalige Elektrokaufhaus Brinkmann, eröffneten die Schlemmermeile " Markthalle", bauten ein neues Parkhaus, schnitten einen riesigen Lichthof ins Kaufhaus, gestalteten die Fassade neu.
Das Familienunternehmen investierte eine zweistellige Millionensumme in die nächsten 100 Jahre von " Norddeutschlands größtem Modekaufhaus".

Autor:
hin


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