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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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"Ich bin gegen diese Aussonderung"
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Nach einer UNO-Konvention dürfen behinderte Schüler in die Regelschule - aber die Praxis sieht anders aus
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Behinderte Schüler haben das Recht, gemeinsam mit nicht behinderten unterrichtet zu werden - an regulären Schulen. So schreibt es eine UNO-Konvention vor, der Deutschland 2008 beigetreten ist. Doch die Aussonderung behinderter Kinder in die Förderschulen bleibt einstweilen der Normalfall. Engagierte Eltern und Lehrerinnen wollen das ändern. Sie haben das Netzwerk Inklusion gegründet.
Von Rainer Lahmann-Lammert - Viele Eltern, die ein Kind mit geistigen Defiziten auf eine Regelschule schicken wollten, haben in der Vergangenheit resigniert. Auch Bernd Winkler und Christel Brandau. Ihre Tochter Lena hat das Down-Syndrom. Dass die Altstädter Grundschule eine Integrationsklasse einrichtete, empfanden Lena und ihre Eltern als Glücksfall." Für alle Beteiligten war es nur positiv", sagt Bernd Winkler rückblickend.
Das Problem stellte sich ab Klasse 5. Trotz aller Integrationsanstrengungen war auf einer regulären Hauptschule nichts zu machen. Lena kam zur Montessorischule. Bernd Winkler findet zwar anerkennende Worte für die Arbeit dieser Förderschule. Aber ihm geht es um etwas Grundsätzliches:" Ich bin gegen diese Aussonderung von Behinderten!" Dieser Umgang mache Menschen mit Handicap auch im Alltag zu Fremdkörpern. Lena werde von manchen Menschen regelrecht angeglotzt.
Tipp für den Personalchef
Von ähnlichen Erfahrungen berichtet Annegret Westerheider. Sie setzte sich erfolglos dafür ein, dass ihr Sohn Dirk eine Regelschule besucht. Auch er hat das Down-Syndrom, und auch ihm blieb nur die Montessorischule. Jetzt ist er 20 und arbeitet in den Osnabrücker Werkstätten der Heilpädagogischen Hilfe." Warum müssen unsere Kinder alle nach Sutt hausen?", fragt Annegret Westerheider. Sie stellt sich vor, dass Dirk eine ganz normale Schule besucht hätte und ein Klassenkamerad wäre jetzt Personalchef:" Wenn der einen braucht, der die Einkaufswagen zusammenschiebt, dann weiß der, das kann so einer!"
Anders als bei Lena und Dirk ist der Zug für die neun-jährige Sandra (Name geändert) noch nicht abgefahren. Sie hat eine Lernbehinderung, die Verzögerungen bei der sprachlichen Entwicklung und in Mathematik mit sich bringt. Aber Sandra bekommt in der Rosenplatzschule eine optimale Förderung, wie ihre Mutter Silke Möller schwärmt. Unterrichtet wird die Schülerin zwar im Klassenverband, aber wenn sie nicht mitkommt, nimmt eine Förderlehrerin sie stundenweise aus dem Unterricht heraus und arbeitet gezielt die Defizite ab.
So ist es im Regionalen Integrationskonzept (RIK) festgelegt, nach dem Sandra seit ihrer Einschulung gefördert wird. Doch bisher gibt es eine solche Förderung fast nur für Grundschulen. Was geschieht mit Sandra ab Klasse 5? Silke Möller will nicht zulassen, dass ihr Kind auf eine Förderschule abgeschoben wird. Notfalls werde sie klagen, aber das sei wohl gar nicht nötig, sagt sie zuversichtlich, denn die Integrierte Gesamtschule in Eversburg zeige sich schon jetzt sehr kooperativ.
Keine Chance ab Klasse 5
Auf jeden Fall bedeutet individuelle Förderung, dass die Schulbehörde mehr Lehrkräfte zur Verfügung stellen müsste. An diesem Punkt sind in der Vergangenheit viele gute Absichten gescheitert. Nur für die Grundschulen gibt es bislang eine sonderpädagogische Grundversorgung. Sie sieht vor, dass für eine Klasse zwei Förderschullehrerstunden pro Woche bereitgestellt werden.
Wechselt ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf in die 5. Klasse, dann kann an der Schule zwar theoretisch eine Integrationsklasse eingerichtet werden, aber in der Praxis blieb diese Möglichkeit den meisten Schülern bislang verschlossen. Wenn es um mehr geht als Aufzüge oder breitere Türen für Rollstuhlfahrer, führt der Weg meist ganz automatisch in eine Förderschule.
In Osnabrück gibt es zwar verschiedene Integrationsmodelle (siehe Kasten) , aber das vor einigen Monaten gegründete Netzwerk Inklusion beruft sich auf die UNO-Behindertenrechtskonvention, nach der alle Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf das Recht haben, an regulären Schulen gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet zu werden." Inklusion bedeutet, dass Schulen alle Kinder einschließen und als unbedingt zugehörig einbeziehen, ihre Strukturen dementsprechend verändern sowie Heterogenität und Vielfalt wertschätzen", sagt die Förderschullehrerin Astrid Müller, die sich im Netzwerk engagiert.
Zur Inklusion bekennt sich auch das niedersächsische Kultusministerium. Das Angebot der sonderpädagogischen Grundversorgung sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgeweitet worden, sagt Pressesprecherin Corinna Fischer. Seit Beginn des Schuljahrs würden dafür rund 1200 Lehrerstunden zusätzlich zur Verfügung gestellt.
Konkrete Zahlen für Osnabrück waren von der Ministeriumssprecherin und der Schulbehörde nicht zu erfahren. Offenbar gibt es auch noch kein Konzept, wie die Inklusion ab Klasse 5 flächendeckend verankert werden soll." Niedersachsen handelt mit der schrittweisen Ausweitung ganz im Sinne der UNO-Konvention", sagt Corinna Fischer. Ihre Umsetzung mit dem Ziel einer inklusiven Schule sei" eine langfristige gemeinsame Aufgabe von Bund, Ländern und Kommunen".

Inklusion
In pädagogischen Debatten ist neben" Integration" immer häufiger von" Inklusion" die Rede.Dabei geht es um die Wertschätzung der Vielfalt in Bildung und Erziehung. Befürworter derInklusion betrachten die Unterschiedlichkeit der Menschen als Normalität. Ziel ist die Schaffung einer Schule, die auf dieBildungs- und Erziehungsbedürfnisse aller Schüler eingeht.
Kontakt: netzwerk-inklusion-osnabrueck@ web.de

Kooperation auch ab Klasse 5
Werden die Förderschulen überflüssig, wenn Eltern ihre behinderten Schüler in der Regelschule anmelden können? Tony Reimann, der Leiter der Anne-Frank-Schule für Körperbehinderte, rechnet eher mit größerer Nachfrage. So sei für die wachsende Zahl von Schülern mit psychischen Problemen die Hauptschule nicht der richtige Ort, schon wegen der großen Klassen. Reimann ist dagegen, Schüler auszusortieren, wie er sagt, er will die" Inklusion ins Haus holen". Schon jetzt unterhält die Anne-Frank-Schule Mobile Teams , bestehend aus Lehrern in Schulen der Region, um Schüler mit Förderbedarf zu unterstützen. Meist handelt es sich um blinde oder sehbehinderte Schüler.
Die Montessorischule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung setzt auf Kooperationsklassen als Form des gemeinsamen Lernens, wie es Leiterin Annette Geiger ausdrückt. Sechs solcher Klassen mit jeweils sieben Schülern werden an vier Grundschulen unterrichtet - einige Fächergemeinsam mit der jeweiligen Partnerklasse, andere getrennt.
Ab Klasse 5 bietet die Montessorischulekooperativen Hauptschulunterricht neuerdings mit der Domschuleund der Hauptschule Innenstadt an." Ein spannender Prozess", sagt Annette Geiger. rll

Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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