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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
"Deutsche Scholle" mit bunter Mischung
Zwischenüberschrift:
Osnabrücker Kleingärtner feiern am Sonntag multikulturelles Erntedankfest
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Kohlrabi verbindet. Auf dem Gelände der " Deutschen Scholle" in der Osnabrücker Wüste wächst und gedeiht die multikulturelle Gesellschaft. Rund zwei Drittel der Kleingärtner haben ausländische Wurzeln. Libanesen und Spanier, Russlanddeutsche und Türken leben einträchtig Zaun an Zaun. Aber nicht nur das: Am Sonntag präsentieren sie beim internationalen Erntedankfest die Früchte ihrer Arbeit, verwöhnen sich gegenseitig mit Spezialitäten aus ihrer Heimat.
- Antonio Pereira hat die Sardinen schon eingekauft. Am Vereinshaus an der Limberger Straße wird er die Speisefische, die hierzulande frisch nur schwer zu bekommen sind, in einer großen Pfanne brutzeln und mit einer pikanten Soße servieren. In Nordportugal, wo Antonio Pereira aufwuchs, bevor er 1972 nach Deutschland auswanderte, lecken sich die Leute die Finger danach.
Seit zwei Jahren besitzt der Portugiese einen Kleingarten, hat die Laube renoviert, neue Fenster eingebaut und die Außenwände leuchtend rot gestrichen. Stolz ist er auf das Beet, in dem dicht gedrängt der Weihnachtskohl steht. Das Wintergemüse mit den großen Blättern ist Bestandteil eines traditionellen Gerichtes, das mit Kabeljau und Kartoffeln Heiligabend auf den Tisch kommt. Antonio Pereira hat die Samen aus seiner alten Heimat mitgebracht und im Frühjahr gesät. Die Ernte wird so reichhaltig sein, dass er zahlreiche Landsleute in Osnabrück und Umgebung versorgen kann. " Die warten schon darauf."
Emil Zuleia schmunzelt darüber. Er ist Vorsitzender des Kleingärtnervereins und freut sich über die neuen Mitglieder - nicht nur, weil auf einmal außergewöhnliche Pflanzen wie der Weihnachtskohl wachsen. Die Zuwanderer bringen frischen Wind in das Vereinsleben, tragen nicht zuletzt dazu bei, dass frei werdende Kleingärten immer wieder schnell verpachtet werden können. Der Vorsitzende schätzt, dass sich mittlerweile 15 Nationalitäten auf dem Gelände der " Deutschen Scholle" tummeln - eine bunte Mischung. Die größte Gruppe sind Russlanddeutsche aus verschiedenen Herkunftsländern. Aber auch viele Türken sind inzwischen heimisch geworden.
" Die sind nicht scharf", versichert Senem Tugay und beißt beherzt in eine Peperoni, die sie gerade gepflückt hat. Tatsächlich brennen die kleinen grünen Schoten wie Feuer auf der Zunge. Seit zwölf Jahren haben die Türkin und ihre Familie einen Kleingarten - südlich der Bahnlinie am Burenkamp. Zum Erntedankfest am Sonntag wird Senem Tugay Börek beisteuern. Das sind dünne, in Butter gebackene Blätterteigpfannkuchen, die sie mit Kartoffeln, Hackfleisch und Käse füllt.
Ein wahres Paradies
Senem Tugay gehöre zu den Mitgliedern im Kleingärtnerverein, die zunächst etwas zurückhaltend gewesen seien, erzählt Emil Zuleia - auch aufgrund der sprachlichen Hürden. Bei einem Rundgang über das Gelände haben er und seine Vorstandskollegen die Frau und ihre Familie angesprochen und so näher kennengelernt. Die Türkin war sofort bereit, sich an gemeinsamen Veranstaltungen zu beteiligen. Jetzt ist sie mit Feuer und Flamme dabei. So gelingt Integration: Aufeinander zugehen, miteinander ins Gespräch kommen.
Francisco Bolivar ist schon ein alter Hase im Kleingärtnerverein. Paco, wie seine vielen Freunde ihn nennen, ist 1969 mit 19 Jahren aus Andalusien nach Deutschland gekommen, hat bei Karmann, Schoeller und auf der Georgsmarienhütte gearbeitet. Jetzt ist er im Ruhestand, engagiert sich im spanischen Club und verbringt jede freie Minute in seinem Garten mit der Nummer 409. In den vergangenen 25 Jahren hat er sich am Burenkamp ein wahres Paradies geschaffen. Den Mittelpunkt bildet eine große mediterrane Veranda. Zehn Öllampen hängen unter dem Kunststoffdach und sorgen nach Sonnenuntergang für stimmungsvolles Licht. Ans öffentliche Stromnetz ist kaum ein Grundstück auf dem Gelände der " Deutschen Scholle" angeschlossen.
Margret Schmidt, seit acht Jahren Fachberaterin des Vereins, interessiert sich für Pacos Kleingarten ganz besonders. Der Spanier kompostiert direkt auf seinem Gemüsebeet - ein Verfahren, das ihm über die Jahre immer fruchtbare Erde beschert hat. Im Sommer und Herbst sammelt er Gartenabfälle offen in einem zwei Meter breiten Graben, den er erst im folgenden Frühjahr mit Erde bedeckt und neu bepflanzt. Unten verrotten die Pflanzenreste, während sich oben das junge Gemüse prächtig entwickelt. Zusätzlichen Dünger benötigt Francisco Bolivar nicht. In diesem Jahr hat sein Mutterboden 3, 85 Meter große Sonnenblumen hervorgebracht.
" Im Kleingarten gibt es immer etwas zu tun", sagt Margret Schmidt und pflückt in ihrem Gewächshaus die letzten Tomaten der Saison. Bis weit nach Weihnachten erntet sie Endiviensalat, Möhren sogar noch wesentlich länger - vorausgesetzt, sie sind gut abgedeckt. Seitdem sie ihren Garten hat, braucht sie im Supermarkt kein Gemüse mehr zu kaufen.
Ein paar Grundstücke weiter sieht Hans Witte das etwas gelassener, obwohl auch er rund acht bis zehn Stunden pro Woche seine Flächen beackert. Bei ihm herrscht die klassische Aufteilung: ein Drittel Gemüsebeet, ein Drittel Blumen, ein Drittel Rasen. Hans Witte verbringt seine Freizeit im Kleingarten, solange er denken kann. Schon seine Eltern hatten in den Fünfzigerjahren ein Grundstück gepachtet. Derweil sind der Kleingärtner und seine Frau schon ganz heiß auf das Erntedankfest - wegen der " Kohlrabi-Olympiade", die seit Jahrzehnten ausgetragen wird. Das Ehepaar rechnet sich gute Chancen aus, dieses Mal vorne mit dabei zu sein. Ein Kohlrabi ist inzwischen so groß wie ein Medizinball und bringe bestimmt 13 Kilo auf die Waage, vermutet Hans Witte. " Regelmäßig gießen, gut zureden und gelegentlich streicheln", nennt er augenzwinkernd als Erfolgsrezept. Dieses Jahr gehörte außerdem Glück dazu, denn die Nacktschnecken haben in vielen Beeten ganz Arbeit geleistet.
Kohlrabi verbindet. Voriges Jahr haben der türkische Junge Hüsein Keskin und sein Vater die dickste Knolle geerntet - und alle Gartenfreunde haben den Erfolg gemeinsam gefeiert. Das werden sie und ihre Gäste am Sonntag wieder tun.

703 Kleingärten
Das Kleingartengelände zwischen der Wüste und dem Kalkhügel entstand 1916. Russische Kriegsgefangene hatten zuvor nasse Wiesen kultiviert. Aufgrund der schwierigen Bodenverhältnisse wechselten in den Anfangsjahren häufig die Pächter. 1918 wurde ein Kleingärtnerverein gegründet - mit dem Namen " Moskau". So hieß im Volksmund das Gelände südwestlich der Innenstadt. 284 Gärten gehörten dem Verein an, der zu Beginn derNS-Zeit in " Deutsche Scholle" umbenannt wurde. 1956 hatte der Kleingärtnerverein 960 Gärten, heute sind es 703. Die Grundstücke sind 155 bis 735 Quadratmeter groß. Die Pacht beträgt 21 Cent pro Quadratmeter und Jahr. Hinzu kommen 50 Euro Vereinsbeitrag. Das Areal beiderseits der Bahnlinie ist mit 32 Hektar das größte zusammenhängende Kleingartengelände in Niedersachsen. Eigentümer der Flächen sind unter anderem die Stadt Osnabrück, die Evangelischen Stiftungen und die Kirchengemeinde St. Johann.

Festprogramm
Das multikulturelleErntedankfest am morgigen Sonntag im und am Vereinshaus an der Limberger Straße beginnt um 10.30 Uhr. Gartenfreunde und Gäste sind willkommen. Prämiert werden zunächst der größte Kohlrabi (bisheriger Rekord 17, 6 Kilogramm) und die dicksten Zwiebeln. Anschließend gibt es internationale Spezialitäten. Ein Kleingärtner aus Bosnien brät unter anderem ein Lamm am Spieß.
Vereinswirt Michael Werner bietet außerdem eine deftige Erbsensuppe an. Am Nachmittag zeigt eine ukrainische Volkstanzgruppe in traditionellen Trachten ihr Können. Geplant ist darüber hinaus der Auftritt eines Harmonikaspielers aus Russland.

Autor:
Holger Jansing


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