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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Osnabrücker und ihr Fluss: Lebensspender, Bollwerk und Kloake
Zwischenüberschrift:
Immer der Hase nach: Ein Streifzug durch die Vergangenheit
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Immer rein damit. Buchstäblich jahrhundertelang war das die Devise der Osnabrücker im Umgang mit der Hase.
Der Fluss lieferte Trinkwasser, bewässerte die Badeanstalten, es wurde darin gewaschen, gleichzeitig war er die Kloake der Stadt, in die ungeklärte Abwässer aller Art eingeleitet wurden. Ein fatales Zusammenspiel: Der Fluss spielte bei Cholera-Epidemien eine Rolle, aber auch die Fische und Vögel wurden krank und starben. Die Hase verschlammte und wucherte zu, es ging ein widerwärtiger Gestank von ihr aus.
Das sind keine uralten Geschichten. Bis in die 1970er-, 1980er-Jahre hinein machte der Fluss vor allem eins - negative Schlagzeilen: Fischsterben, Entschlammung gegen den Gestank, Ölalarm durch fehlende Trennung von Schmutz- und Regenwasser, Gifteinleitungen von Industrieanrainern. Und wäre es nach den Osna brückern der Wirtschaftswunderzeit gegangen, hätten eigentlich mehr Flussmeter unter Beton verschwinden sollen. Erst mit dem Umweltbewusstsein der neuen Zeit kam das Umdenken. Es war Rettung in letzter Minute für die Hase.
Die Wende kam Mitte der Siebzigerjahre: Der Naturwissenschaftliche Verein Osnabrück brachte erstmals die wahren Ursachen für den desolaten Zustand des Flusses auf den Tisch. Der Verein veröffentlichte 1976 am Beispiel der Hase die erste groß angelegte Untersuchung eines Fließgewässers in Deutschland. Die Untersuchung brachte ans Licht, dass der Fluss nicht nur am Gift aus den Fabriken krankte, vor allem organische Verschmutzungen und eingespülte Rückstände aus der Landwirtschaft machten ihm zu schaffen. Außerdem gelangten nach starken Regenfällen immer wieder Öl- und Abgasablagerungen von den Straßen in den Fluss.
Getrieben vom neuen Umweltbewusstsein, wurden in den 1980er-Jahren zahlreiche Gesetze zum Natur- und Gewässerschutz auf den Weg gebracht, etwa ein neues Abwasserabgabengesetz, von denen auch die Hase unmittelbar profitierte. Umfangreiche Programme zum Schutz von Fließgewässern traten in Kraft. Besonders die landwirtschaftliche Nutzung von Uferbereichen wurde eingeschränkt. In der Stadt Osnabrück wurde Anfang der 1990er-Jahre mit der Renaturierung von Gewässern wie Düte und Seelbach begonnen. Gleichzeitig wurden viele Kilometer neue Trennkanäle verlegt, Ufer wurden renaturiert und ganze Abschnitte wie auf dem ehemaligen Klöckner-Areal hinter dem Bahnhof wurden wieder in einen naturnahen Zustand zurückversetzt. Der Fluss wird geschätzt - als natürlicher Lebensraum und nicht nur wegen seiner Funktion.
Das ist neu. In der Vergangenheit war der Fluss vor allem wegen seiner Funktionen wichtig für die Stadt. An Aufgaben mangelte es der Hase nicht: Sie diente als Verteidigungsanlage, war Handelsweg, lieferte Trinkwasser, tränkte Tiere und wurde zum Fischfang genutzt, sie war Waschplatz und Badeanstalt, versorgte die Handwerker und war immer auch der große Abfluss, in den ungefiltert die Fäkalien aus der Stadt eingeleitet wurden. Jahrhundertelang wurde die Hase dem Willen der Städter untertan gemacht. Anfangs war vor allem die Schutzfunktion wichtig:
Die Rekonstruktionen des Stadtbilds im Frühmittelalter zeigt die Domburg und die ersten Ansiedlungen auf allen Seiten von der Hase und ihren Nebenläufen umflossen. Die Historiker haben Belege dafür gefunden, dass die Hase bereits im 11. und 12. Jahrhundert umgeleitet wurde, um Platz für die Ausdehnung der Stadt zu schaffen. Der Verlauf wurde im Lauf der Jahrhunderte immer wieder geändert. Die Hase und ihre Nebenflüsse wurden ganz gezielt in die Verteidigungsanlagen der Stadt einbezogen.
Aber der Fluss war auch als Handelsweg wichtig: Die Hase war bis in die frühe Neuzeit hinein schiffbar. Es verkehrten acht bis zehn Meter lange Kähne mit kleinen Segeln auf dem Fluss, die Osnabrück über Hase und Ems an das Handelssystem der Hanse anbanden. Der Fluss war auch die Kloake der Stadt, in den durch Gräben und Kanäle die Hinterlassenschaften der Städter, der Kot der Tiere und der Unrat von den Straßen abgeleitet wurden. Hygienische Bedingungen, die aus heutiger Sicht unvorstellbar sind - vielfach suchten dann auch Krankheiten die Stadt heim, etwa um 1350 die Pest.
Mit einer Stadt, die zunächst wenige Hundert, schließlich wenige Tausend Einwohner zählte, dürfte der Fluss immer noch irgendwie fertig geworden sein. Im 19. Jahrhundert wurde es der Hase dann aber einfach zu viel. Der Fluss kippte um - mit den Abwässern einer Stadt, die sich im Zeitalter der industriellen Revolution rasant entwickelte, war das Gewässer schlichtweg überfordert.



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