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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
"Wettermaschine schaltet einen Gang höher"
Zwischenüberschrift:
Überschwemmungen für Diplom-Meteorologen der Münchener Rück keine Überraschung
Artikel:
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Originaltext:
Von Waltraud Messmann - München. Als Leiter des Bereichs Geo-Risiko-Forschung der Munich Re hat der Diplommeteorologe Prof. Peter Höppe fast täglich mit Katastrophen in aller Welt zu tun. Für das Münchner Rückversicherungsunternehmen analysiert er systematisch Naturgefahren und die Schäden, die sie verursachen. Die schweren Überschwemmungen in unserer Region kommen für den Fachmann nicht überraschend. Denn die Zahl schadenrelevanter Überschwemmungsereignisse hat sich seinen Angaben nach global seit 1980 mehr als verdreifacht. Und auch in Deutschland gebe es einen klaren Trend zu immer mehr Wetterlagen, die Starkniederschläge begünstigen, so der Professor. Besonders gefährdet seien aber die Abflussgebiete der Alpen und der Mittelgebiete.
Munich Re analysiert seit mehr als 35 Jahren Naturgefahren und die Schäden, die sie verursachen. Dazu haben Sie die umfangreichste Datenbank der Welt über Naturkatastrophen aufgebaut. Sie dokumentiert derzeit 28 000 Ereignisse. Welche Schlüsse ziehen Sie aus den gespeicherten Daten ?
Aus unserer Datenbank erkennen wir eindeutig, dass die Anzahl der jährlichen wetterbedingten Naturkatastrophen stark zunimmt und ebenso die Höhe der volkswirtschaftlichen wie der versicherten Schäden. So hat sich zum Beispiel die Zahl schadenrelevanter Überschwemmungsereignisse global seit 1980 mehr als verdreifacht. Auch die Zahl von durch Stürme verursachten Schadenereignisse hat sich mehr als verdoppelt.
Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel?
Der Trend zu immer mehr und vor allem zu immer teureren Schadenereignissen liegt sicher zum großen Teil an der sozioökonomischen Entwicklung: Die Bevölkerung wächst in vielen Ländern, immer mehr Menschen leben in Risikogebieten, zudem sind die betroffenen Sachwerte heute höher als früher. Außerdem hat sich die Informationslage über Ereignisse in abgelegenen Gebieten verbessert. Es spricht aber viel dafür, dass die weit stärkeren Anstiege bei den jährlichen Anzahlen wetterabhängiger Ereignisse im Vergleich zu den geophysikalischen Ereignissen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüchen auch mit dem Klimawandel zu tun haben. Lägen beiden Trends ausschließlich soziodemografische Ursachen zugrunde, müssten die Anstiegsmuster für wetterbedingte und geophysikalische Ereignisse näher beieinanderliegen.
Wie stehen Sie zu der Diskussion, dass der Klimawandel menschenverursacht ist?
Der heutige Kenntnisstand, dokumentiert im 4. Sachstandsbericht des Weltklimarats, ist, dass mit sehr großer Wahrscheinlichkeit der Klimawandel der letzten Jahrzehnte durch den Menschen verursacht ist. Es gibt zwar keine Gewissheit darüber, dass die gegenwärtige Häufung von Wetterextremen vom Klimawandel verursacht oder einzelne Ereignisse durch ihn intensiviert werden, aber dennoch lassen viele Indizien auf einen Beitrag des Klimawandels schließen. So ist z. B. das Jahr 2010 bisher das wärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen vor ca. 130 Jahren.

Im Raum Osnabrück, im Kreis Steinfurt und in weiteren Regionen Nordrhein-Westfalens hat es am Wochenende erhebliche Überschwemmungen gegeben. Außerdem richteten örtlich begrenzt auch Windhosen Schäden an. Hat Sie das überrascht?
Nein. Infolge der Erwärmung der Weltmeere um etwa ein halbes Grad in den letzten 30 Jahren vergrößert sich die Verdunstung. Die ebenso gestiegenen Lufttemperaturen führen dazu, dass die wärmere Luft auch mehr Wasserdampf aufnehmen und zu den Kontinenten transportieren kann, wo sie dann oft schlagartig abregnen. Auch haben wir einen klaren Trend in Deutschland zu immer mehr Wetterlagen, die Starkniederschläge begünstigen, die wiederum zu Überschwemmungen führen können. Betroffen davon sind nicht nur Menschen, die an Flüssen leben, immer häufiger kommt es zu Starkregen und Sturzfluten weitab von traditionellen Überschwemmungsgebieten. Das kann jeden treffen. Tornados, also Windhosen, haben wir in Deutschland in jedem Jahr ca. 30 bis 40, bis jetzt sind es in 2010 20 bestätigte Tornados.
Müssen die Menschen in dieser Region in Zukunft häufiger mit solchen Extremwetterlagen rechnen?
Ich sehe für diese Region kein besonderes Risiko außer dem allgemeinen Trend hin zu mehr Wetterextremen. Anders sieht es etwa für die Abflussgebiete der Alpen und der Mittelgebiete aus. Wir sehen dort eine Zunahme der sogenannten Vb-Wetterlagen: Das sind Tiefs, die vom Mittelmeer her kommen, östlich an den Alpen vorbeiziehen und sich dann an der Nordseite der Alpen oder der Mittelgebirge, etwa dem Erzgebirge, stauen. Eine solche Wetterlage hatten wir zuletzt bei den Überschwemmungen an der Neiße, aber auch beim Hochwasser im August 2002, der bislang teuersten Naturkatastrophe in Deutschland.
Besteht ein Zusammenhang mit dem extrem heißen Sommer?
Nein, man kann nicht sagen, weil es in Russland so heiß war, fällt hier jetzt so viel Regen. Das sind, zunächst jedes für sich, einzelne extreme Wetterereignisse, die zeitlich zusammenfallen. Dennoch gibt es einen Zusammenhang zwischen großräumigen Verteilungen von Hochs und Tiefs. Oftmals haben wir es im westlichen Europa eher mit Tiefs zu tun, wenn sich in Russland ein Hochdruckgebiet aufbaut, und umgekehrt.
Wie ordnen Sie diese Wetterlage in die weltweite Entwicklung ein?
Unsere Naturkatastrophenstatistiken, gestützt durch nachweisbare Veränderungen bei den rein meteorologischen Daten, lassen klar einen Trend zu immer mehr Extremwetterereignissen erkennen, der nur durch den Klimawandel komplett erklärbar ist. Für viele Wetterextreme bzw. Regionen ist die Datenlage für solche Nachweise noch nicht ausreichend. Doch es gibt erste Hinweise, dass zum Beispiel Ereignisse, die mit starken Gewittern assoziiert sind, wie Unwetter, Hagel, Wolkenbrüche, etwa in den USAöstlich der Rockies, in Südwestdeutschland und in der Schweiz zugenommen haben. Zunahmen werden auch beobachtet bei der Intensität der stärksten tropischen Wirbelstürme in vielen Ozeanbecken, Starkniederschlagsereignissen und Überschwemmungen in diversen Regionen sowie Hitze- und Dürre episoden etwa im mediterranen Raum, im südwestlichen Nordamerika, in Südwest- und Südostaustralien sowie im südlichen Afrika. Durch den Klimawandel haben sich bereits die Meeresoberflächentemperaturen erhöht, was zu erhöhter Verdunstung und damit zu einem größeren Energieeintrag in die Atmosphäre führt - die Wettermaschine schaltet quasi einen Gang höher. Die sich abzeichnenden Muster der Veränderungen passen gut zu den aus Klimamodellen abzuleitenden Erwartungen.

Welche Konsequenzen sollten Städte und Gemeinden ziehen?
Wir werden uns anpassen müssen, also etwa Deiche erhöhen, Flüssen mehr Raum geben und in Einzelfällen sogar aus extremen Risikogebieten absiedeln. In Frankreich hat man nach der großen Hitzewelle von 2003 spezielle Notpläne entwickelt, um etwa alten Menschen den Aufenthalt in klimatisierten Gebäuden zu ermöglichen. Auch in Deutschland gibt es bereits Hitzewarnsysteme. Solche Anpassungsmaßnahmen fallen sicher den reichen Industrieländern leichter als den Entwicklungsländern. Von den knapp eine Million Menschen, die seit 1980 bei Wetterkatastrophen weltweit ums Leben kamen, entfallen 90 Prozent auf Entwicklungs- oder Schwellenländer.
Welche Konsequenzen sollte der Verbraucher ziehen?
Der Klimawandel wird uns als Gesellschaft das ganze Jahrhundert be schäftigen. Wir in den Industrieländern müssen konsequent umsteuern von fossilen Energien auf erneuerbare, und das geht jeden an. Bei der Mobilität wird der Trend zu Elektrofahrzeugen gehen, deren Energie von Sonne oder Wind kommt. Natürlich sollte man sich gegen Elementarschäden versichern - nur etwa 10 Prozent der Häuser in Deutschland sind heute gegen Überflutung versichert. Daher lag bei der großen Flut 2002 der gesamtwirtschaftliche Schaden in Deutschland zwar bei 11, 6 Milliarden Euro, aber versichert waren davon nur circa 1, 8 Milliarden.
Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für Sie als Rückversicherer?
Der Klimawandel ist ein Änderungsrisiko für Munich Re, aber er eignet sich aus Versicherungssicht nicht zu Panikmache. Zwar erwarten wir deutliche Effekte auf der Schadensseite in den nächsten Jahrzehnten. Doch der Klimawandel wird die Änderungen langsam mit sich bringen, sodass wir in ihm ein gut kalkulierbares Risiko sehen, das mit zunehmend besserer Datenlage in die Schadensmodelle und in die Prämien einfließen wird.
Werden Sie Ihre Tarife erhöhen müssen?
Die erhöhten Hurrikanrisiken in den USA haben bereits dort zu Tariferhöhungen geführt. Langfristig müssen immer dann die Prämien erhöht werden, wenn wir klare Indikatoren dafür haben, dass sich die Gefährdung bezüglich einer Naturgefahr in einer Region nachhaltig erhöht hat.

Autor:
Waltraud Messmann


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