User Online: 2 | Timeout: 09:00Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Goldgrube Müllhalde
Zwischenüberschrift:
Urban mining - warum aus Abfalldeponien wertvolle Rohstoffdepots werden können
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Die Rohstoffe auf der Erde werden knapp. Die natürlichen Vorkommen einiger Metalle, die für Hightech-Produkte gebraucht werden, sind bald erschöpft - deutlich früher als Erdöl. Dann könnte die Müllhalde zu einer Goldgrube werden. Experten sprechen von urban mining″, Bergbau am Stadtrand. Wissenschaftler untersuchen, was auf den Müllkippen zu holen ist.
- Hechingen im Zollernalbkreis und Reiskirchen im Landkreis Gießen - für Jörg Nispel, Doktorand an der Gießener Justus-Liebig-Uni bei Professor Stefan Gäth, heißt das im Müll wühlen. Probebohrungen in den Deponien und dann sortieren. Die Forschungsgruppe des Instituts für Landschaftsökologie und Ressourcenma nagement ermittelt das Potenzial an brauchbaren Rohstoffen in diesen Deponien.
Theoretische Werte und Annahmen gibt es schon. In Hausmüllanalysen haben die Kommunen in den vergangenen Jahren dokumentiert, was auf den Müllhalden abgelagert wurde. Dazu kommen Werte für bestimmte Produkte. Beispiel Haushaltsgroßgeräte″: Sie bestehen zu etwa zwei Dritteln aus Eisenmetallen, sechs Prozent Nichteisenmetall, 13 Prozent Kunststoffen und kleineren Anteilen Glas, Gummi, Beton und Elektrobauteilen.
Großes Sparpotenzial
Für die Deponie Reiskirchen können die Gießener Müllforscher inzwischen ziemlich genau Zusammensetzung und Wert beziffern. Sie erwarten dort über 35 000 Tonnen an Metallen, rund 70 000 Tonnen Papier, Pappe und Karton, etwa ebenso viel Kunststoff und noch mehr Glas. Den Metallwert schätzen die Wissenschaftler auf derzeit 15 bis 30 Millionen Euro, verheizbares Material im Wert von 10 bis 50 Millionen. Dazu kämen bei einer systematischen Gewinnung der Wertstoffe Einsparungen für Abdichtung und Deponienachsorge. Unterm Strich 65 bis 120 Millionen Euro.
Warum wiederausgraben?
Der Wert der in den Hausmülldeponien verborgenen Materialien steigt. Zum einen, weil die Schwellenländer den Lebensstandard des Westens anstreben. Ein Beispiel: Die Entwicklung der Autoproduktion (s. Grafik) wird sich nach aktuellen Vorhersagen in den kommenden 40 Jahren versiebenfachen. Gleichzeitig wächst die Erdbevölkerung nur um das Anderthalbfache. Zum anderen werden einige Stoffe, ohne die kein iPad, kein ABS-System oder kein Flachbildschirm funktioniert, in der Natur bald nicht mehr gewonnen werden können. Beispiel Indium: Dieses Metall wird zum größten Teil zu Indiumzinnoxid verarbeitet; das braucht man für Flachbildschirme und Touch screens. Weltweit gibt es nur 16 000 Tonnen Indium, wirtschaftlich abbaubar sind davon 11 000 Tonnen. Diese derzeit bekannten Vorkommen dürften bei gleichbleibender Nachfrage in 19 Jahren erschöpft sein.
Es gibt viele weitere seltene Stoffe, ohne die der technische Fortschritt so nicht funktionieren würde: Neodym für starke Dauermagnete in Elektromotoren, Ruthenium für speicherstarke Festplatten, Tantal für Hochleistungskondensatoren.
Direkt zurückgewinnen
Noch wirkungsvoller, als aus der Deponie wiederauszugraben, ist das direkte Recycling, auch das wird zum urban mining gerechnet. In einer Tonne Computermüll findet man 250 Gramm Gold, so eine Veröffentlichung der Fachhochschule Münster. Bei der gleichen Menge Mobiltelefone sind es sogar 350 Gramm. Im Gold-Tagebau in Südafrika bekommt man dagegen nur fünf Gramm aus einer Tonne Gestein. In jedem Handy und jedem Computer befinden sich nur wenige Milligramm Gold, Silber oder Palladium. Aber multipliziert mit weltweit verkauften 1, 3 Milliarden Mobiltelefonen (im Jahr 2008) und 300 Millionen Computern läppert sich das.
Weniger Abhängigkeit
Die westlichen Industriestaaten, die auf die gefragten Materialien angewiesen sind, haben noch ein Problem. Das wertvolle Zeug findet man meist nicht bei uns, sondern in den Weiten Russlands oder in China, quasi bei der Konkurrenz. Und die weiß sehr gut, was dieser Besitz wert ist.
Erste Reaktionen
Einige Deponiebetreiber und Kommunen wollen die Vorteile des urban mining nutzen. Michael Winkler vom Förderverein Klima schutz Vogtland zum Beispiel votierte gegen die Komplettsanierung der Deponie. Stattdessen wollen die Klima schützer die rund 1, 2 Millionen Tonnen deponierten Müll heben und das Material nutzen, unter anderem auch als Energieträger. Der Gießener Doktorand Jörg Nispel und seine Kommilitonen freuen sich über solche Reaktionen. Das rege Interesse an ihrer Forschung motiviert bei der Arbeit und bestätigt, dass sie mit ihren Erkenntnissen auf dem richtigen Weg sind. Nispel demonstriert das auch in seinem Büro an der Justus-Liebig-Uni. An der Tür hängt der Leitspruch seiner Arbeit: Es gibt keinen Abfall. Es gibt nur Rohstoffe am falschen Platz.″

Stefan Gäth
Osnabrück. Prof. Dr. Stefan Gäth hat an der Justus-Liebig-Universität Gießen die Professur für Abfall- und Ressourcenmanagement inne. Eines seiner Arbeitsgebiete: Stoffstrommanagement in der Abfallwirtschaft. Hiebei beschäftigt er sich unter anderem mit dem sogenannten urban mining″. Die Stadt als Bergwerk, aus dem einmal für wertlos gehaltene Stoffe wieder ans Tageslicht gefördert werden können. Gäth ist unter anderem Mitglied der Internationalen Bodenkundlichen Gesellschaft und des Arbeitskreises für die Nutzbarmachung von Siedlungsabfällen.

Es geht um neue Denk-Ansätze″

Osnabrück. Piesbergkenner Josef Thöle (CDU), Ratsvorsitzender der Stadt Osnabrück, hat Müllprofessor Stefan Gäth nach Osnabrück ins Piesberger Gesellschaftshaus eingeladen.
Herr Thöle, Sie haben Stefan Gäth an der Uni Gießen besucht. Was hat Sie so beeindruckt, dass Sie ihn gleich nach Osnabrück eingeladen haben?
Neben der fachlichen Kompetenz und den wissenschaftlich-konkreten Forschungsprojekten, die Prof. Dr. Gäth bereits seit mehr als zwei Jahren begleitet und dokumentiert, hat mich besonders der neue und innovative Denk- und Forschungsansatz für drängende Fragen unserer Zeit beeindruckt. Die Herangehensweise, Müll als Ressource zu betrachten, ist besonders unter den Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit interessant und kann vor dem Hintergrund der weltweiten Verknappung von Rohstoffen sowohl technologische Innovation, ökologisches und politisches Verantwortungsbewusstsein effektiv miteinander verknüpfen. Darin sehe ich ein erhebliches Innovationspotenzial für einen verantwortungsvollen Umgang mit Natur, technologischer Innovationskraft und damit zukunftweisende Impulse für unsere Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
Was ist die wichtigste Schlussfolgerung, die Sie aus den Gießener Forschungsergebnissen für die Abfallwirtschaft in Osnabrück ziehen?
Es geht um wirtschaftliche und ökologische Visionen. Müll unter dem Gesichtspunkt des Wertstoffes zu betrachten setzt zunächst einmal eine eingehende Wertstoffanalyse der gelagerten Deponieinhalte voraus. Konkrete Schritte bedürfen also einer langfristigen, komplexen und strategischen Planung, deren Realisierungszeiträume 10 bis 15 Jahre beanspruchen.
Wollen Sie Gäth und seine Studenten auch auf den Piesberg holen?
Mir ging es zunächst um den Ideentransfer, um zukunftweisende, konzeptionell neue Denkansätze. Da sich das Projekt in der Forschungsphase befindet, reden wir über langfristige Zeiträume, in denen man hoffen darf, dass ein solches Projekt auch für den Piesberg umsetzbar sein kann.

Urban mining
Schürfen in der Stadt, so könnte man das langsam in Mode kommende Fachwort urban mining″ übersetzen. Dabei wird die Stadt als riesiges Bergwerk betrachtet.
Beim Metallschrott hat das Verfahren eine lange Tradition. Inzwischen sind auch Bauschutt - Recycling oder die Wiederverwertung von Kunststoffen Routine.
In wenigen Jahren wird man aus dem Hausmüll weitere rar gewordene Stoffe gewinnen müssen. Urban mining mindert Umweltbelastungen und verringert die Abhängigkeit von steigenden Rohstoffpreisen.

Autor:
Michael Schwager


Anfang der Liste Ende der Liste