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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
"Der Meiler schläft nicht"
Zwischenüberschrift:
450 Jahre Heger Laischaft - Köhlerfest für Interessenten, Nauberslüe un tolopen Volk
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. " Gut Brand" statt " Olle use": Gestern entzündete der Köhler Herbert Nowak mit Oberbürgermeister Boris Pistorius einen Kohlenmeiler im Heger Holz. Anlass ist das 450. Jubiläum der Heger Laischaft, das zehn Tage lang gefeiert wird, bis die Buchenstämme im Inneren des Meilers zu Holzkohle geworden sind. Zum Fest unter Eichen und Buchen eingeladen sind Interessenten, Nauberslüe un tolopen Volk.
- Nervös? " Nein", sagt Herbert Nowak. Aber kribbelig sei ihm schon zumute. " Sonst wäre mir das alles hier ja gleichgültig." Der Mann mit dem schwarzen Hut nickt in Richtung Meiler und blickt dann auf die mehreren Hundert Gäste. Und von Gleichgültigkeit kann wahrlich keine Rede sein bei dem Einsatz, den er und seine drei Mitstreiter seit Montag an den Tag legen.
Wie ein überdimensionaler Maulwurfshügel sieht der Meiler aus. Fast drei Meter hoch, verbirgt er jedoch kein unterirdisches Wegenetz, sondern fein säuberlich aufgeschichtete Buchenscheite. 20 Raummeter sind es, um genau zu sein. Darüber liegt eine Schicht Gras, eine Decke aus Erde schließt das Gebilde ab.
Hier drin soll das Holz in den kommenden zehn Tagen zu Kohle verglimmen. Der Hügel wird um zwei Drittel Höhe verlieren, das Holz um vier Fünftel Gewicht schrumpfen. So entsteht hochwertige Holzkohle, wie alle Beteiligten nicht müde werden zu betonen. " Biokohle", setzt Heinz Sprengel, der Präsident der Europäischen Köhlervereinigung, noch eins drauf. Holzkohle sei ohnehin ein umweltfreundlicher Energieträger. " Sie enthält keinen Schwefel", sagt Sprengel. Und so, wie sie im Heger Holz produziert werde, sei sie an Qualität nicht zu überbieten.
" Das liegt an der Zeit, die sie im Meiler hat", erklärt Herbert Nowak. Ein schnelles Verschwelen wie bei industriell hergestellter Holzkohle sei nicht gut, der Sauerstoffgehalt in der Kohle sei dann wesentlich geringer, der Energieumsatz schlechter.
Seltenes Handwerk
Es sind auch solche Informationen, die die Köhler aus Leidenschaft vermitteln wollen. Es ist ein Handwerk, das nahezu ausgestorben ist. Aber: " Holzkohle hat den Fortschritt erst ermöglicht", betont Sprengel und zählt ihren Nutzen auf, der eben nicht nur im Schmelzen von Eisenerz liege: " Fleisch wurde mit Holzkohle haltbar gemacht", berichtet der studierte Lehrer von einer Zeit, als an Kühlschränke noch nicht einmal zu denken war. Schmieden war ohne Holzkohle nicht möglich. Mit ihrer Hilfe wurde Schwarzpulver hergestellt. In der Medizin spielte sie wegen ihrer Sterilität eine Rolle, nicht zu vergessen die beruhigende Wirkung der Holzkohletabletten auf einen nervösen Darm. Die ersten Bügeleisen plätteten mithilfe von Holzkohle Hemden und Spitzendeckchen - und zahlreiche Stubenmädchen verbrannten sich an ihr die Finger.
Warum die Heger Laischaft ihr Jubiläum mit einem Köhlerfest begeht, erläutert Frank Henrichvark: " Weil die Köhlerei die älteste Form der Holznutzung ist", sagt der Wort- und Buchhalter der Laischaft. 55 000 Jahre sind die ältesten Funde alt, sie stammen aus der Schweiz. Funde aus dem Teutoburger Wald werden immerhin mit 5000 Jahren beziffert.
Zu Hochzeiten der Köhlerei hätte ein Wald von der Größe des Heger Holzes höchstens drei Jahre Bestand gehabt, so groß sei der Holzbedarf einst gewesen, rechnet Sprengel.
300 Jahre Heger Holz
Doch es ist 300 Jahre her, dass das Heger Holz angepflanzt wurde. Zum Wohle der Heger Laischaft sollte es sein, als die Herren Vorsteher damals Bucheckern und Eicheln nicht an die Schweine der Interessenten, so nennen sich die Mitglieder der Laischaft, verfütterten, sondern in die Erde steckten. So vermerkte es Laischafts-Vorsteher Rudolph von der Bippen im November 1702 im Protokollbuch. Damals hatte sich die Laischaft nach 150 Jahren Bestehen von einer Weidegemeinschaft zu einer Forstgenossenschaft entwickelt.
Im Jahr 1560 hatten die Vorsteher der Heger Laischaft die Verwaltung der Viehtrift im Rubbenbruch vom Rat der Stadt übernommen. In der Laischaft hatten sich die Bürger zusammengeschlossen, die gemeinsame Anteile an den Weidegründen im Nordwesten vor den Stadtmauern bewirtschafteten. Es gab fünf weitere Laischaften, allein die Heger Laischaft ist heute noch aktiv.
Im Mittelalter war das Leben in der Stadt vor allem von der Sorge um das täglich Brot bestimmt. Außer Räuchern, Trocknen und Salzen gab es keine Möglichkeit, Lebensmittel haltbar zu machen, deshalb mussten auch Städter Milch, Butter und Käse selbst herstellen. So lebten die Stadtbewohner als Ackerbürger. Sie hatten einen Beruf als Handwerker oder Händler und betrieben daneben eine kleine Landwirtschaft. Es ist Stadtgeschichte, die bis heute zu sehen ist: Manche Häuser in der Altstadt haben ein großes Dielentor. Durch dies fuhr einst der Erntewagen ins Haus.
" In der Altstadt richtet die Heger Laischaft bis heute alle sieben Jahre den Schnatgang aus", erläutert Frank Henrichvark. Beim Schnatgang (Schnat ist der niederdeutsche Begriff für Grenze) wurden die Grenzen der gemeinsam bewirtschafteten Flächen abgeschritten und kontrolliert. Am Grenzstein wurde der Nachwuchs der Interessenten mit einer Ohrfeige und einem " Olle use" (Alles unseres) daran erinnert, wo das Gebiet verläuft.
Im 19. Jahrhundert wurde der Schnatgang zu einer Tradition, die heute mit einem sieben Tage dauernden Volksfest verbunden ist. 2011 werden Interessenten und Gäste wieder gemeinsam von der Innenstadt ins Heger Holz ziehen, und das amHeger Tor gelegene Altstadtviertel wird liebevoll geschmückt.
Tradition pflegen
Es sind auch solche Geschichten, die Herbert Nowak, Wilhelm Papen, Heinz Sprengel und Dieter Marggraf erfahren, wenn sie als Köhler durch Deutschland reisen. " Wir lernen Land und Leute kennen", freut sich Sprengel.
Nur Dieter Marggraf verdient mit einem eigenen Betrieb im sächsischen Sosa seinen Lebensunterhalt als Köhler. Die anderen drei sind Forstwirt, Schreiner und Lehrer und haben auf Umwegen ihr Herz für die traditionelle Herstellung von Holzkohle entdeckt.
Sprengel zum Beispiel war bis 1992 Schulleiter und hat dann an einer Fortbildungsakademie gearbeitet. Als er dort eine Tourismus-Studie erarbeitet hat, stieß er auf die Köhlerei im Erzgebirge. Das war nicht nur für Touristen interessant.
Heinz Sprengel lernte das Handwerk und gründete 1997 mit Marggraf und weiteren Köhlern den Europäischen Köhlerverein, um dafür Sorge zu tragen, dass die Tradition gerade jüngeren Menschen vermittelt wird. Nicht nur, um ihnen zu zeigen, dass es mehr gibt als Computer. " Die Arbeit mit Kindern macht besonderen Spaß", sagt der Pädagoge, der in den kommenden Tagen rund um die Uhr im Einsatz sein wird.
" Der Meiler schläft nicht", nennt Wilhelm Papen den Grund. Auch nachts werden die Köhler ein Auge auf den glimmenden Hügel werfen, um neue Zuglöcher zu graben, alte zu verschließen und dafür zu sorgen, dass am Ende einwandfreie Holzkohle verkauft werden kann. Jeweils zu zweit werden sie Tag und Nacht vor Ort sein. " Wir haben uns gefunden", sagt Heinz Sprengel über das Zusammenspiel mit Nowak, Papen und Marggraf. Direkt neben dem Meiler haben sie sich ein kleines Wächterhäuschen errichtet.
Jetzt aber steht das Entzünden des Meilers an. " Es ist toll, dass die Köhler hier ihr altes Handwerk vorführen", sagt Oberbürgermeister Boris Pistorius. " Dass die Tradition lebt, dafür sorgt die Heger Laischaft", fügt er hinzu, bevor er über die Leiter den Meiler erklimmt und das Zündhölzchen zückt. Besonders darauf habe er sich gefreut, gesteht er augenzwinkernd.
" Wir blicken zurück auf 450 Jahre. Und das Schönste, was wir Osnabrück geben können, ist das Heger Holz. Es bietet Erholung, gute Luft, gutes Holz und gute Laune." Ob das stimmt, wird bis kommenden Sonntag überprüft.
Mehr unter www.heger-laischaft.de »
Autor:
Marie-Luise Braun


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