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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Schon damals war es viel zu warm.
Zwischenüberschrift:
Im Januar 1910 erste Debatten über eine Klimaveränderung.
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Im Durchschnitt hat sich das Klima kaum verändert"

Ein Wetterforscher im Jahr 1910

OSNABRÜCK. Mit einem Leichenzug begann das neue Jahr im Lokalteil des Osnabrücker Tageblattes. Im 88. Lebensjahr war um die Jahreswende der in Stadt und Land bekannte Schäfer Ströker verstorben. Ströker hatte seinen Beruf als Schäfer bis zuletzt ausgeübt, seine Widerstandskraft und eiserne Gesundheit waren sprichwörtlich geworden.

Gewöhnlich hatte Schäfer Ströker die Tiere auf den Wiesen im Fledder gehütet, bei Wind und Wetter hielt er Wache. Noch zu Lebzeiten wurde dieses Osnabrücker Original zum Vorbild für die Brunnenfigur des guten Hirten". Die Skulptur fand damals ihre Aufstellung beim Polizeigebäude vor dem Johannistor, später am Rosenplatz. Im Januar 1910 folgte dem Trauerzug des beliebten Mannes eine große Zahl von Menschen zum Johannisfriedhof, wo er seine letzte Ruhe fand.

Oberbürgermeister Rißmüller hielt am Handgiftentag Rückschau auf die vielen 1909 durchgeführten Maßnahmen in der Stadt und auf all die Entscheidungen der städtischen Kollegien. Gas-, Elektrizität- und Wasserwerk waren erweitert worden und bedurften in den nächsten Jahren keinerlei großer Investitionen, bilanzierte Rißmüller. Die Eisenbahnverhältnisse jedoch führte er als stehende Rubrik" auf, hier gab es noch viel zu entscheiden und zu tun.

Eine Fertigstellung der meisten Arbeiten hatte die Eisenbahndirektion für den Oktober 1910 zugesagt. Nun gilt es Geduld zu haben. Die Maßnahmen auf dem zukünftigen Giiterbahnhofsgelände Fledder wurden noch immer durch Grundstücksquerelen aufgehalten. Die Zustände im Güterverkehr waren aber mittlerweile so chaotisch, dass der Ausbau dringend vorangetrieben werden sollte.

Auch der Ausbau des Stich-Kanals und des Hafens stand an, seit 1908 waren alle Planfeststellungsverfahren abgeschlossen. Noch schien die Koordination der Baumaßnahmen schwierig, denn Hafen und Kanal sollten gleichzeitig fertig werden. Aber im Januar ruhte die Arbeit an beiden Baustellen.

Zur Chefsache machte Rißmüller auch die Frage der Löhne und Gehälter, die zwar im vergangenen Jahr im Bereich des öffentlichen Dienstes angepasst worden waren, die aber für die Arbeiter noch immer kaum zum Leben ausreichten. Die wachsenden Arbeitslosenzahlen bereiteten den zuständigen Stellen zu dem Sorgen.

Kerner stand die Krage der Kingemeindung von Schinkel im neuen Jahr an. Damit verbunden waren auch die Kragen der Anbi ndu ng d ieses immer noch wachsenden Ortes an die städtische Kanalisation, um die Hase zu entlasten.

Der Johannisfriedhof musste erweitert werden, verschiedene Schulen fragten nach Erweiterungs- und Ergänzungsbauten, das städtische Badewesen bedurfte der Überarbeitung, und die Feuerwehr wartete aufdringend fällige Modernisierungen.

Nach all diesen Aufzählungen sah der Oberbürgermeister davon ab, im Anschluss noch die Finanzlage der Stadt darzulegen. Dafür sei bessere Gelegenheit während der Beratung des Kämmereretats. Rißmüller schloss mit dem Wunsch, dass sich die Stadt Osnabrück auch im Jahr 1910 glücklich weiterentwickeln möge.

Ein Gesetzentwurf aus Berlin sah die Schulpflicht für taubstumme Kinder vor. Noch bestand keine Einigung, wer dafür die Kosten übernehmen sollte, private Institutionen oder der Staat? Sicher war nur, dass immer mehr Eltern sich weigerten, ihre Kinder in Internate zu geben.

Milde Witterung brachte bereits den ersten Maikäfer hervor, den ein Leser des Osnabrücker Tageblattes in die Redaktion brachte. Der kleine Braune wurde in einem Garten gefunden und war so gut und vollständig entwickelt, hieß es, wie im Wonnemonat Mai. Auch erste Kirschblüten wurden gemeldet und ebenfalls im Schaufenster der Zeitung ausgestellt. Im Freien standen Haselsträucher und Weiden an günstigen Standorten ebenfalls in Blüte.

Seit einer Reihe von Jahren versuchte sich eine Gruppe von Unermüdlichen mit wachsendem Erfolg darin, den Osnabrückern mehr (rheinischen) Humor zu vermitteln. Im Januar 1910 lud der Karnevalsverein Rheinländer" zu einer rauschenden Session im Hotel Germania.

Nach den beliebten Büttenreden lockte ein Ball die bunt-bemützten Narren.

Gegen das Monatsende hatten die Kinder doch noch Grund zum Jubel: Der Winter kam zurück und brachte viel Schnee mit sich. Gedenket der hungernden Vögel!" wurde wieder zur Losung der frostigen Tage. Neben der Frankfurter Straße in Nahne eröffnete eine neue Rodelbahn, die vierte in Osnabrück.

Natürlich wurde darüber diskutiert, warum es denn kaum Frost und Schnee gäbe im Winter 1909/ 10. Zum einen gab es den Hinweis auf den Halley' schen Kometen, der sich nach Angaben eines Franzosen in direktem Anflug auf die Erde befinde. Zum anderen gab es Wissenschaftler, die auf eine Klimaveränderung hinwiesen. Das sei in keiner Weise eine Antwort auf die Krage nach dem Warum", schrieb der Reporter des Osnabrücker Tageblattes. Milde Winter habe es immer gegeben, dieser sei keine Ausnahme. Im Weiteren wurden den geneigten Lesern sämtliche milden Winter seit Beginn der abendländischen Geschichte aufgezählt, wobei 838, 844, 1172, 1186, 1716 und 1822 dabei besonders herausstachen. Demgegenüber ließen sich auch die besonders starken Winter aufführen, die aber insgesamt nur beweisen würden, dass sich im Durchschnitt das Klima nicht erheblich geändert hat". Für 1910 hieß das einfach: ein milder Winter, wenig Schnee und viel Regen. Europaweit gab es Erdrutsche, Überschwemmungenund schlechtes Wetter.

Der Schäferbrunnen soll an den guten Hirten" Schafer Ströker erinnern. Er starb im Januar

1910. Foto: Jörn Martens


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