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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Impfstoff gegen das Gift der Neonazis
Zwischenüberschrift:
Wie der Holocaust-Überlebende Sally Perel Jugendliche zu Zeitzeugen macht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Ob an diesem Vormittag womöglich auch Schüler im Musiksaal sitzen, in deren Köpfen braunes Gedankengut herumspukt, kann Sally Perel nicht wissen. Doch selbst, wenn es am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium (oder an den anderen Schulen in und um Osnabrück, die er seit Montag besucht hat) keine Rechtsausleger geben sollte, so gibt es sie an anderen deutschen Schulen.
Das schmerzt den 85-jährigen Juden, der, als Hitlerjunge getarnt, den Holocaust überlebt hat, und er widmet ihnen die letzten Minuten seines Vortrags. Er hoffe, dass sie zumindest gefühlt hätten, dass er die Wahrheit gesagt habe und " dass meine Worte aus meinem Herzen kommen".
Wenn er bei seinen bewegenden und zugleich humorvollen Auftritten in ganz Europa auch nur einen einzigen Neonazi davon überzeugen könne, sich von der rechten Szene loszusagen, so sei er erfolgreich gewesen, sagt Perel und zitiert zunächst auf Hebräisch und dann auf Deutsch eine Talmud-Weisheit: " Hast du die Seele eines einzigen Menschen gerettet, hast du die ganze Welt gerettet."
Ein Rechtsradikaler sei nicht sein Feind, betonte der 1925 in Peine geborene Zeitzeuge. " Vielleicht verstehe ich ihn sogar besser als jeder andere." Denn unter dem falschen Namen Josef " Jupp" Perjell war er vier Jahre lang in der Hitlerjugend.
Mit der Behauptung, er sei " Volksdeutscher", konnte er sich vor dem sicheren Tod retten, als er 1941 der Wehrmacht in die Hände fiel. Aus der spontanen Notlüge wurde eine neue Identität, mit deren Hilfe es Perel nach vier langen Jahren (" vier Ewigkeiten") gelang, die NS-Terrorherrschaft zu überleben.
Dass seine wahre Identität niemals aufflog, lag nicht zuletzt daran, dass die perfide Nazi-Propaganda, der er als Hitlerjunge permanent ausgesetzt war, auch bei ihm ihre Wirkung nicht verfehlte. " Ich spielte keine Rolle. Ich wurde ein echter Hitlerjunge", erzählt er den Schülern. Gemeinsam mit den Kameraden habe er leidenschaftlich " Sieg heil" gebrüllt und dem " Endsieg" entgegengefiebert obwohl kein Tag verging, an dem er nicht unter der Angst litt, als Jude entlarvt und ermordet zu werden. Doch als 1945 die Nachricht vom Tode Hitlers kam, sei er tieftrauig gewesen. " Ich glaube, ich war der einzige jüdische Nationalsozialist des Dritten Reichs", sagt Perel.
In seiner Autobiografie " Ich war Hitlerjunge Salomon" hat Perel das Doppelleben beschrieben, das er gelebt hat und das er bis heute lebt. Denn den Hitlerjungen konnte er nach dem Krieg nicht einfach ablegen wie einen ausgedienten Mantel. Er ist ein Teil seiner Seele geblieben, und inzwischen hat er gelernt, ihn zu akzeptieren. Wenn er aus seiner Wahlheimat Israel in sein " Mutterland" reist und sich mit seinen alten Kameraden trifft, dürfen die ihn weiterhin Jupp nennen.
Systematisch sei den Jugendlichen damals das Nazi-Gedankengut eingeträufelt worden " wie Gifttropfen". So habe aus intelligenten jungen Menschen ein Mordwerkzeug werden können. Er selbst wolle jede Gelegenheit nutzen, die heutige Jugend dagegen zu impfen – " mit den Tränen der in Auschwitz ermordeten Kinder".
" Vielleicht hört Ihr heute den letzten Zeitzeugen", sagt Perel. Doch die Schüler seien nun ihrerseits Zeitzeugen. " Ich bitte euch: Überliefert diese Wahrheit weiter an eure Kinder und Kindeskinder. Auf dass es den Neonazis nicht gelingt, auch eure Zukunft zu zerstören."
Als die meisten der rund 100 Zehntklässler den Musiksaal bereits verlassen haben, bleibt Sally Perel noch eine Weile sitzen, um Bücher zu signieren. Am Ende der langen Schlange wartet eine Schülerin. Sie kämpft sichtlich mit ihren Emotionen. Als sie schließlich an der Reihe ist, bedankt sie sich mit stockender Stimme für Perels Vortrag. Dann beginnt sie zu schluchzen. Auch ihre Familie sei damals in den Wirren des Zweiten Weltkrieges auseinandergerissen worden, erzählt sie unter Tränen. Der alte Mann steht auf und nimmt die junge Frau in die Arme. Ihr Herz hat er an diesem Vormittag erreicht. In den Gesichtern vieler anderer Schüler steht zu lesen, dass sie nicht die Einzige ist.

Die Nähe der Jugend sucht der 85-jährige Sally Perel wie hier im Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium. Mit seinem Zeitzeugenbericht will der in Israel lebende Holocaust-Überlebende seinen Teil zum Frieden beitragen. Foto: Jörn Martens
Autor:
ack


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