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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
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Überschrift:
Neue Gemeinde sollte Konflikte lösen
Zwischenüberschrift:
Moralische "Übelstände" geben vor 150 Jahren den Anstoß zur Gründung Georgsmarienhüttes
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Georgsmarienhütte. Vier Jahre ist es her, dass das Stahlwerk groß das 150-jährige Bestehen feierte. Jetzt steht das nächste große Jubiläum an: Am 1. Mai 2010 ist es eineinhalb Jahrhunderte her, dass offiziell die Gemeinde Georgsmarienhütte gegründet wurde. Ein historischer Rückblick von Inge Becher, Leiterin des Museums Villa Stahmer.
Georgsmarienhütte. Als 1856 das Eisenhüttenwerk auf Malberger Gemeindegrund gebaut wird, herrscht Chaos. In die 400 Einwohner umfassende Gemeinde Malbergen strömen zu Beginn der Bauarbeiten rund 1000 Handwerker. Noch einmal 600 bis 800 Bergleute nehmen in den umliegenden Gemeinden Quartier, um Kohle und Eisenerz abzubauen.
Die Einheimischen sind nicht glücklich über König Georgs Idee, ausgerechnet hier die " vaterländische Industrie zu heben" und ein Eisenhüttenwerk zu bauen. Die Menschen in der Region bezeichnen das Werk als " Unglück für Gegend", und renitente Oeseder versuchen sogar, einen Schornstein umzuwerfen. Den aus dem Harz stammenden Fremden gewähren sie nur zu völlig überzogenen Preisen Kost und Logis. Denen bleibt nichts anderes übrig, als den Wucher mitzumachen, denn der Bau werkseigener Wohnungen verzögert sich. In Hannover hat man vergessen, den Ausbau der Arbeiterkolonie im Finanzplan einzukalkulieren. Lediglich eine Hauszeile auf dem Osterberg, auf Oeseder Gemeindegrund gelegen, wird in aller Eile hochgezogen.
Als König Georg einen weiteren Zuschuss für den Aufbau des Werkes gewährt, kann auf der anderen Seite der Anlagen weitergebaut werden. Es entstehen 32 Häuser mit 98 Wohnungen, wo die ersten Arbeitskräfte der Georgsmarienhütte eine Bleibe finden. Doch es kehrt keine Ruhe ein. Bei den Vorstehern der umliegenden Gemeinden gehen pausenlos Beschwerden ein: In Hagen bleibt die evangelische Leiche des Bergmanns Arndt stehen, weil die Hagener sich weigern, ihn in katholisch geweihter Erde zu bestatten.
Auch die Wege- und Wassernutzung führt zu Konflikten. Es werden Holzdiebstahl, Bettelei und Hausiererei gemeldet.
In Malbergen kommt es zu Beschwerden über die Störung der Sonntagsruhe. Die Hochöfen dürfen nicht ausgehen und arbeiten nicht nur Tag und Nacht, sondern auch an allen Sonn- und Feiertagen. Eine Zeiteinteilung, für die die katholische Landbevölkerung kein Verständnis hat.
Überhaupt diese protestantischen Arbeiter! Dass sie über Land ziehen und sich die nicht erbberechtigten und daher sitzen gebliebenen Mädchen von den umliegenden Höfen zu Frauen nehmen, macht sie nicht beliebter. Menschen ohne Land, die nur von ihrer Hände Arbeit leben, traut man nicht zu, eine Familie zu ernähren.
Das sehen die Gemeindevorsteher genauso und erteilen den Arbeitssuchenden nur ungern das Wohnrecht. Der Verwaltungsrat des Werkes muss mehrfach einschreiten, denn Arbeitskräfte werden in der Aufbauphase händeringend gesucht.
Noch öfter verweigern die Gemeinden aber Heiratswilligen den Trauschein, ohne den kein Paar die Ehe eingehen konnte. Zu groß ist die Sorge, sich Menschen in die Gemeinde zu holen, die später als Familie der Armenkasse zur Last fallen. Eine Kündigung wegen Unpünktlichkeit, Trunksucht oder Arbeitsunfähigkeit könnte hohe Kosten für die Gemeindekasse bedeuten.
Kosten, an denen das Werk nicht verpflichtet ist, sich zu beteiligen. Es befindet sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem wahren Steuerparadies. Da das Steuerrecht den Typ Industrieunternehmen noch nicht kennt, wird das Werk nach Fläche veranlagt. So zahlt es bis zur Gemeindgründung eine Summe von 14 Reichstalern, 3 Groschen und 7 Pfennigen pro Jahr, den Gegenwert des Brotbedarfs einer fünfköpfigen Familie im Monat.
Die Angst der umliegenden Gemeinden ist nicht unbegründet und ihre finanzielle Belastung während der Gründungsphase nicht von der Hand zu weisen.
Als der Verwaltungsrat des Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein 10. Juli 1857 ein " Gehorsamstes Gesuch auf Bildung einer eigenen Gemeinde" stellt, sind sich in der Sache alle einig: Um die zahlreichen Konflikte, die sich beim Aufbau des Werkes ergeben, leichter lösen zu können, muss eine eigene Gemeinde gebildet werden.
Aber die Sache zieht sich hin. Ämter, Landdrostei, Gemeinden und das Werk legen ihr Interesse an der Gemeindebildung vor dem Innenministerium mehrfach dar, und nichts geschieht. Möglicherweise wartet man in Hannover auch nur ab, bis das Werk auf einigermaßen sicheren Füßen steht. Fast jährlich muss König Georg einen neuen Zuschuss gewähren. Doch dann bringt ein Brief Bewegung in die Sache.
Am 21. September 1859 schreibt der Iburger Schlossprediger Schmerfeld an das königliche Konsistorium, welches die Gemeindebildung bearbeitet: " Unter den moralischen Uebelständen, welche bei den protestantischen Arbeitern des Georgs-Marien-Hütten- und Bergwerksvereins sichtbar hervorgetreten sind, ist die Unzucht eine der vorzüglichsten."
Dahinter steckt Folgendes: Bekommen zwei von der zuständigen Gemeinde keinen Trauschein, weil die Gemeinde Angst hat, dass Verdienst und Arbeitsfähigkeit des Arbeiters nicht ausreichen, um eine Familie zu ernähren, dann gehen die beiden eben eine außereheliche Verbindung ein, d. h., sie treiben " unzüchtigen Verkehr" und heiraten später, sobald die Gemeinde bereit ist, den Trauschein auszustellen. Nicht selten treten Paare dann aber bereits mit Nachwuchs vor Schmerfelds Traualtar. Ein moralischer " Uebelstand", der sofortige Abhilfe verlangte.
Entwürfe für ein Gemeindestatut werden über Land geschickt, verbessert, ergänzt und schließlich verkündet. Am 1. Mai 1860 tritt es in Kraft. Die neue Gemeinde heißt genau wie das Werk " Georgsmarienhütte", und da das Werk alle Kosten trägt, hat es auch das Sagen. Die Erteilung von Wohnrecht, Trauschein und Gewerbezulassungen geschehen nun ganz im Interesse des Werkes.
Der Ausbau des Ortes beginnt. So wie die Konjunktur es zulässt, wird gebaut: Ein Park, das Gesellschaftshaus (Kasino), eine Kirche (Lutherkirche), ein Krankenhaus (Diakoniekrankenhaus), ein Freibad (Waldbad) und eine Volksschule. Aus der Mittelschule geht später die Realschule am Carl-Stahmer-Weg hervorgeht. Viele Vereine werden gegründet, die sich vor allem um eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung der Menschen im Ort kümmern. Von diesen Vereinen existieren heute noch der TVG, der Männergesangverein Liedertafel, der Orchesterverein und der Verschönerungsverein.
Ob dem " unzüchtigen Verkehr" mit der Gemeindegründung tatsächlich ein Ende bereitet wurde, sei dahingestellt, von einem " Unglück für die Gegend" spricht aber in Bezug auf Georgsmarienhütte schon lange niemand mehr.

Bildtext: Eine der ältesten Darstellungen des Stahlwerkes Georgsmarienhütte zeigt dieses Bild, das um 1870 entstanden ist. Foto: Museum Villa Stahmer.

Am Osterberg, auf Oeseder Grund, entstanden die ersten Arbeiterwohnungen. An den Außenwänden wurden sie mit Tonziegeln versehen. Aufnahme um 1915. Foto: Archiv Werner Beermann

Die Alte Kolonie wurde schnell hochgezogen, nachdem die Zugezogenen bei den Einheimischen nur zu völlig überzogenen Preisen wohnen konnten. Foto: Archiv Beermann

Er war blind und bewies mit dem Bau des Stahlwerks dennoch Weitblick: König Georg V. von Hannover. Das Originalgemälde befindet sich im Historischen Museum Hannover.
Autor:
Inge Becher


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