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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Überschrift:
Lebensretter für gefiederte Patienten
Zwischenüberschrift:
Frost und eisiger Wind bedrohen Wildvögel: Patientenansturm in der Artenschutz-Betreuungsstation von Wolfgang Herkt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Hinter Wolfgang Herkt liegen stressige Wochen. Einen Termin mit ihm auszumachen war fast unmöglich. Und hatte man doch Glück, dann war nicht garantiert, dass der Tier- und Artenschützer wirklich am vereinbarten Ort anzutreffen ist. Schließlich hatte Herkt Wichtigeres zu tun: Vögel vor dem Tod zu retten. Denn denen machten die extremen Frosttemperaturen besonders zu schaffen.
Von Dirk Fisser
Osnabrück. Vergangene Woche hatten Schnee und Eis das Osnabrücker Land noch fest im Griff. Nach langem Hin und Her war endlich ein Treffen in Herkts Betrieb in Osnabrück-Hellern vereinbart. Doch wer war nicht da? WolfgangHerkt. Ihn hatte der Anruf ereilt, ein Bussard säße benommen am Straßenrand. Da lässt Herkt alles stehen und liegen, versetzt den Reporter und fährt los.
15 Minuten später taucht er doch noch auf, den Bussard in der Hand. Zur Begrüßung bleibt kaum Zeit. Der Patient muss versorgt werden. Herkts Tochter Birge wie ihr Vater Textilunternehmer nimmt das Tier entgegen. Sie hat Tiermedizin studiert, über Störche promoviert und ist auch für die tierärztliche Versorgung dieses Patienten zuständig. Die übereinstimmende Diagnose der beiden: eine leichte Gehirnerschütterung. " In zehn Tagen müsste der wieder fit sein", sagtHerkt.
Für ihn ist das Alltag. 1963 begann der Unternehmer in Osnabrück eine Artenschutz-Betreuungsstation für verletzt, krank oder hilflos aufgefundene Wildvögel aufzubauen. " Vom Eisvogel bis zum Storch, vom Steinkauz bis zum Uhu, vom Baumfalken bis zum Adler, von der Bekassine bis zum Großen Brachvogel, von der Bergente bis zum Höckerschwan", zählt er das Spektrum seiner Patienten wie aus dem Schlaf auf. " Und natürlich auch sämtliche Singvögel."
100 verletzte Wildvögel
So einen Ansturm wie in diesem Winter hat Herkt in den vergangenen Jahren selten erlebt. " Der Winter 1978/ 79 war deutlich dramatischer, aber die letzten Wochen waren schon heftig", bemerkt Herkt. Etwa 100 verletzte und kranke Wildvögel habe er in den vergangenen vier frostigen Wochen aufgenommen, rechnet er vor. " Mit natürlicher Auslese hat das jedoch nichts zu tun."
Die Ursachen für einen Aufenthalt in der Betreuungsstation sind fast immer die gleichen: " Annähernd 100 Prozent der Patienten sind Opfer von Zivilisationseinrichtungen wie Straßen- und Schienenverkehr, Einzäunungen in der freien Landschaft wie Stacheldraht, Hochspannungsleitungen oder verglasten Fronten." Deswegen bezeichnet Herkt seine Betreuungsstation als " Reparaturwerkstatt".
Auch der Bussard prallte vermutlich gegen ein Auto. In solchen Fällen waren Schnee und niedrige Temperaturen Fluch und Segen zugleich. Der Nachteil: " Die Kälte frisst unendlich Energie", so Herkt. Wenn ein verletztes Tier sich nicht mit Nahrung versorgen könne, drohe bei den Frost-Temperaturen mit zum Teil eisigem Wind innerhalb weniger Tage und Nächte der Tod. Andererseits hätten viele Verkehrsteilnehmer verletzte Vögel aufgrund des Schnees am Wegesrand entdeckt, die sie in der Landschaft ohne Schnee kaum gesehen hätten.
Das Telefon klingelt. Eine Frau berichtet von einem Graureiher, der regungslos an einem zugefrorenen Gewässer steht. " Da fahre ich gleich hin und gucke mir das an", sagt Herkt. Ähnliche Anrufe erreichten ihn gerade in den vergangenen 14 Tagen rund um die Uhr. " Wenn nachts das Telefon klingelt, frage ich nur noch Wo?′. Wenn mir die verunfallten Vögel dann gebracht werden, bin ich froh. Ansonsten fahre ich eben selbst los."
Urlaub ist für ihn ein Fremdwort. Sein ehrenamtlicher Einsatz für die Betreuungsstation summiert sich im Jahr auf etwa 1800 Stunden, wie ihm einmal vorgerechnet wurde. Seine eigene Arbeit stellt Herkt aber nicht gerne in den Vordergrund. Lieber redet er über das " exzellente Netz" der Erfassung von verletzt, krank oder hilflos aufgefundenen Wildvögeln in Osnabrück und Umgebung: Notrufzentrale des Landkreises, Feuerwehr, Polizei, Tierärzte, Tierheim und Tierschutzvereine wie der in Melle. " Ohne diese Infrastruktur würden viele besonders geschützte Vögel nicht gesund gepflegt und wieder ausgewildert werden können."
Acht Hektar Fläche
Gut einen Kilometer von seinem Unternehmen entfernt befindet sich das Gelände der vom Land Niedersachsen anerkannten Artenschutz-Betreuungsstation. Für die Station hat Herkt gut acht Hektar Flächen gekauft, um auf dem Gelände die Volieren, Teichanlagen, Gehege und Gebäude für unterschiedliche Patienten positionieren zu können.
In seine ehrenamtliche Arbeit lässt er sich nicht reinreden, auch wenn es gelegentlich Meinungsverschiedenheiten mit anderen Vogelschützern gibt. Der Erfolg gibt ihm irgendwie recht: Die Auswilderungsquote, die laut Herkt bei über 85 Prozent der eingelieferten Vögel liegt, spricht angesichts der Schwere vieler Verletzungen für " die gute tierärztliche Versorgung und Rehabilitationsbehandlung der Patienten", wie es der Stationsbetreiber formuliert.
Dauerpfleglinge
Es gibt aber auch Patienten, die aufgrund der Art der Verletzungen in freier Natur nicht überleben könnten und Dauerpfleglinge bleiben. Gleiches kann bei einer Fehlprägung auf den Menschen passieren. Im Fall eines Jung-Uhus, der von der Polizei in einer Art Besenkammer im Landkreis sichergestellt wurde, ist Herkt sich aber trotz der Vorgeschichte des Tieres sicher, dass eine Auswilderung gelingen wird. Und das, obwohl der Vogel nach der Anlieferung in der Betreuungsstation kleinkindähnliche Laute von sich gab, " wie ich sie bei Jung-Uhus noch nie gehört habe", sagt der Experte. Die Fehlprägung erschwerte es, den Uhu an eine Auswilderungsvoliere mit Artgenossen zu gewöhnen, da er immer wieder versuchte, hinter seinem Pfleger herzuhüpfen oder zu fliegen. Zwischenzeitlich ist die Entwöhnung gelungen. Der Vogel wird derzeit mit anderen Uhus auf die freie Wildbahn vorbereitet.
Ein Storchenpaar ist dagegen zum Dauergast der Betreuungsstation geworden. Seit dem Frühjahr 2001 haben die beiden " ihr genetisches Material weitergegeben", wie Herkt es ausdrückt. Die insgesamt über 30 Jungstörche der beiden haben in all den Jahren dann jeweils ab Ende August die Station in Richtung Südwesten verlassen.
Neben den ungezählten Stunden ehrenamtlichen Einsatzes investiert Herkt auch jede Menge Geld. Eine genaue Zahl nennt er nicht, doch die Ausgaben für die Station lägen jährlich über 100 000 Euro. Zum Vergleich: Das Niedersächsische Umweltministerium unterstützt seit 2009 auf Vertragsbasis landesweit 15 Betreuungsstationen mit insgesamt 500 000 Euro bei den laufenden Kosten. " Eine gute Sache", sagt Herkt, " denn einige ehrenamtliche Betreiber geben ihr letztes Hemd her".
So ist Wolfgang Herkt. Für ihn zählt, dass möglichst viele Vögel wieder ausgewildert werden. Das sieht er als seinen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Und dieser Beitrag dürfte in den nächsten Tagen wieder besonders gefragt sein. Die Wettervorhersage kündigt Dauerfrost an.

Bildtext: Die Ausmaße der Volieren überraschen den Laien. Doch im Innern finden unter anderem Störche Platz. Das rechte Foto zeigt dasPärchen, das selbst nicht mehr ausfliegt, dafür aber 30 Jungstörche gezeugt hat.

Der Storch mit dem Rufnamen " 09" (abgeleitet von seiner Kennungsnummer) ist Wintergast in Hellern.

Dieser kleine Steinkauz erreichte die Betreuungsstation von Wolfgang Herkt vor einigen Tagen. Fotos: Dirk Fisser

Keine Scheu: Wolfgang Herkt betritt das Gehege der Adler und bringt den Vögeln ihr Futter. Heute gibt es tote Eintagshähnchenküken.

Spuren im Schnee: Hier stapfte ein Storch über das acht Hektar große Grundstück der Station.
Autor:
Dirk Fisser


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