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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Sie schämte sich für das Zeichen auf ihrer Kleidung
 
Nach der Geburt hatte sie es ganz besonders schwer
Zwischenüberschrift:
Ausstellung erinnert an Zwangsarbeiter im Marienhospital
 
Erfahrungen von Zwangsarbeiterinnen
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Die Erinnerung an ihren Aufenthalt in Osnabrück belastet Krystyna S. noch heute: " Die Zeit im Marienhospital in Osnabrück war die schlimmste Erfahrung meines Lebens", erinnert sich die ehemalige Zwangsarbeiterin mit Schrecken an die Monate zwischen April 1941 und September 1942. Den erzwungenen Arbeitseinsatz im kirchlichen Dienst thematisiert die Ausstellung " Auch wir hatten einen Russen Zwangsarbeit und katholische Kirche im Bistum Osnabrück", die am kommenden Dienstag, 26. Januar, um 18 Uhr im Marienhospital eröffnet und dort bis zum 18. Februar zu sehen sein wird.
Von Hermann Queckenstedt
Osnabrück. Die Fälle der heute 87-jährigen Polin und ihrer beiden Schwestern sind nicht untypisch. Auf der Straße ihres Heimatortes Kielce wurden die 17-jährige Krystyna S. und ihre drei Jahre ältere Schwester Helena bei einer deutschen Vergeltungsaktion für Partisanenanschläge aufgegriffen und nach Osnabrück deportiert, nachdem man den jungen Frauen den Kopf kahl geschoren hatte. Beide Schwestern arbeiteten vom 6. April 1941 an als Hausmädchen im Marienhospital, wo ihre Schwester Aniceta bereits seit dem 27. September 1940 tätig war.
" Ich habe darum gebeten, in Osnabrück eingesetzt zu werden, weil Aniceta dort lebte", erinnert sich Krystyna S. und räumt ein, dass es ihr im Marienhospital im Vergleich zu anderen Einsatzorten noch verhältnismäßig gut ergangen sei. Die Ordensschwestern vom Heiligen Karl Borromäus hätten sie gut behandelt: insbesondere eine ältere Nonne, die sie noch heute als " moja mama" – " meine Mama" bezeichnet.
Allerdings sei ihr die Arbeit nicht zuletzt wegen ihres zierlichen Körperbaus sehr schwergefallen: Putzen, Straße säubern, alles " erledigen, was eben zu tun war" ohne Pausen und freie Tage und ohne den Besuch von Gottesdiensten. Übernachtet habe sie gemeinsam mit ihrer Schwester Aniceta im großen Raum eines Nebengebäudes, der durch Bretterverschläge in einzelne " Holzkäfige" unterteilt war.
Ihre Schwestern konnte sie lediglich abends treffen, da diese auf anderen Stationen arbeiteten. Im Gegensatz zu Helena und Aniceta habe sie das Krankenhaus nicht verlassen, weil sie ihr Zwangsarbeiterzeichen nicht auf der Kleidung habe tragen wollen: Sie habe sich dafür geschämt.
Während ihre Schwestern bis 1944 im Marienhospital blieben, konnte Krystyna bereits im September 1942 auf eine schriftliche Anfrage ihrer Mutter hin nach Polen zurückkehren, weil ihr Vater schwer erkrankt war. Hier setzte die Arbeitsverwaltung sie in einem Lazarett ein, wo sie bis zum Kriegsende als Hilfskrankenschwester arbeitete.
Seit 1940 beschäftigte das Marienhospital Zwangsarbeiter, die damals vom Arbeitsamt zugewiesen wurden. Für den Zeitraum bis 1945 nennt das Personalbuch 14 Arbeitskräfte, die vermutlich unter Zwang gekommen waren. Zehn von ihnen waren Hausmädchen oder Hausgehilfinnen, von denen sieben aus Polen, zwei aus den Niederlanden und eine aus Belgien stammten. Das Krankenhaus beschäftigte aber auch einen Arzt aus Frankreich sowie einen Medizinstudenten und einen Heizer aus den Niederlanden. Der kirchliche Suchdienst konnte von diesen 14 Arbeitskräften nur Krystyna S. und den französischen Medizinstudenten lebend ausfindig machen.
Mit Krystyna S. steht das Bistum Osnabrück noch heute in Kontakt. Diesen hält die Historikerin im Bistumsarchiv, Urszula Ornat, die selbst Enkelin einer ehemaligen polnischen Zwangsarbeiterin ist. Ihr gegenüber hatte Krystyna S. große emotionale Schwierigkeiten, die Umstände ihrer Verschleppung zu schildern. Heute lebt sie gesundheitlich sehr angeschlagen im Osten Polens.
Seit ihrem Zwangsaufenthalt im Marienhospital leide sie unter Kopfschmerzen und Albträumen und versuche eigentlich nur, diese Zeit zu vergessen. Das Bistum Osnabrück hat ihr eine kostenlose Behandlung an ihrer ehemaligen Wirkungsstätte angeboten, die sie jedoch ablehnte. Seither wird ihre Behandlung in Polen finanziell unterstützt.
Das Beispiel der drei polnischen Frauen im Marienhospital verdeutlicht, wie ungerecht der Versuch einer finanziellen Entschädigung seit dem Jahr 2000 sein konnte: Während Helena S. 1980 also vor Beginn der Entschädigungsfrist verstarb und somit auch ihre Erben leer ausgingen, erhielten die Angehörigen ihrer 1999 verstorbenen Schwester Aniceta S. den vollen Geldbetrag von 5000 DM. Krystyna S. war damit die einzige Schwester, die noch persönlich entschädigt werden konnte.
Mit der Beschäftigung von Zwangsarbeitern war das Marienhospital keine Ausnahme, denn die Recherchen zur Entschädigung der Betroffenen im heutigen Bistum Osnabrück ermittelten insgesamt 96 wahrscheinliche Zwangsarbeitsverhältnisse zumeist in Krankenhäusern. Davon waren 74 Frauen und 22 Männer und von diesen wiederum 12 Kriegsgefangene.
Sie arbeiteten in 18 Einrichtungen, in denen zwischen 52 wie im St.-Joseph-Stift Bremen und einem Zwangsarbeiter wie im St.-Matthäus-Hospital Melle beschäftigt waren.
Betroffen waren Einrichtungen in Aschendorf, Börger, Bremen, Fürstenau, Glandorf, Haren, Lathen, Lingen, Lorup, Melle, Meppen, Neuenkirchen bei Bramsche, Osnabrück, Papenburg undSchwagstorf bei Fürstenau. 17 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter konnten lebend ermittelt und entschädigt werden, sofern sie dies wünschten.

Bildtext: Besuch bei Krystyna S.: Urszula Ornat (rechts) vom Bistumsarchiv Osnabrück reiste im Auftrag von Bischof Dr. Franz-Josef Bode nach Polen. Fotos: privat

Die Diätküche im Jahre 1934. Auch hier wurden Zwangsarbeiterinnen eingesetzt.

Krystyna S. kam als Zwangsarbeiterin nach Osnabrück.
Autor:
Hermann Queckenstedt


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