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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Für das ewige Eis sind die Tage gezählt
Zwischenüberschrift:
Die Alpengletscher schmelzen schneller denn je – Unterwegs mit einem Vermessungsteam an der Osnabrücker Hütte
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Gmünd. Andreas Knittel ist ein Chronist des Gletschersterbens in den österreichischen Alpen. Seit 1976 beobachtet er das ewige Eis nahe der Osnabrücker Hütte in Kärnten. Seine Prognose fällt düster aus: Wenn nicht bald die Jahresdurchschnittstemperaturen wieder sinken, wird es in 30 Jahren zwischen Hochalmspitze (3360 Meter) und Ankogel (3252 Meter) keinen echten Gletscher mehr geben.
" Wahnsinn, wie schnell der schmilzt!" Andreas Knittel schaut zum Kälberspitzgletscher, der von der Osnabrücker Hütte oberhalb von Gmünd in einem zweistündigen Fußmarsch auf unmarkierten Wegen zu erreichen ist. Auf einem großen Stein ist in roter Farbe " Z 99" zu lesen. Das ist ein Messpunkt, den Andreas Knittel vor zehn Jahren direkt am Gletscherrand angelegt hat. Jetzt sind es bestimmt 100 Meter bis zur Eiskante, die unter Geröll verschwindet. Dazwischen schroffe Granitblöcke und scharfkantige Platten, hin und wieder auch nackter Fels, der von der Kraft des Gletschers geformt wurde.
Seit 1936 wird das Kälberspitzkees systematisch vermessen. Kees werden in den Hohen Tauern die Gletscher genannt. Damals war das ganze Tal mit Eis und Schnee gefüllt. Vom heute felsigen Untergrund bis zur Oberfläche waren es etwa 190 Meter. In der Länge hat sich der Gletscher allein seit 1999 um 50 bis 60 Meter zurückgezogen. Andreas Knittel gibt dem Kälberspitzkees noch zehn Jahre. Dann wird er ihn abhaken und nicht mehr vermessen. " Ein Gletscher im Endstadium."
Den anderen Gletschern im Gebiet der Osnabrücker Hütte geht es nicht ganz so schlecht. Doch insgesamt fällt auch hier die Bilanz negativ aus. Die Eisflächen haben sich in diesem Jahr teilweise um über 20 Meter zurückgezogen. Insbesondere die Gletscherzungen, die in die Täler hineinragen, sind sehr dünn und brüchig geworden. An einigen Stellen sind sie inzwischen ganz abgerissen. Schlimm ist nach Ansicht von Andreas Knittel auch der Dickenverlust, der durchschnittlich weit mehr als einen Meter innerhalb eines Jahres beträgt.
Die Tour durchs Hochgebirge dauert fünf Tage und führt zu insgesamt sechs Gletschern. Acht freiwillige Helfer sind in diesem Jahr dabei augenzwinkernd " Gletscherknechte" genannt, die die schwere Ausrüstung im Rucksack schleppen, Messinstrumente in Position bringen und die Ergebnisse protokollieren.
Nach einem sechsstündigen Marsch von der Villacher Hütte über die 3133 Meter hohe Preimelspitze erreicht die Gruppe am dritten Nachmittag das Großelendkees. Andreas Knittel, der im normalen Leben Bauingenieur ist, stellt den Theodoliten lotrecht oberhalb der gleißenden Eisfläche auf. Anhand fester Bezugspunkte in der Umgebung kann er mit diesem Winkelmessgerät Profil und Ausdehnung des Gletschers bestimmen aber nicht allein. Er braucht jemanden, der über die Eisfläche geht, im Abstand von einigen Metern einen Spiegel hochhält, um den Lichtstrahl des Theodoliten zu reflektieren. Diesen Job übernimmt an diesem Tag Jörg Färber, der eine jahrelange Erfahrung mitbringt, trittsicher und schwindelfrei ist. Trotzdem ist er vorsichtig, zieht für den Fußmarsch über den Gletscher Steigeisen an. Die Oberfläche ist nicht glatt, sondern rau wie Schmirgelpapier. Überall liegen spitze Steine auf dem Eis, die langsam talwärts befördert werden. Wer wegrutscht, muss mit Schürfwunden und zerfetzter Kleidung rechnen.
Etwas unterhalb sind Horst Kadlecek und Mike O′Sullivan mit dem Bandmaß im Einsatz. Sie ermitteln die Distanz zwischen alten Messpunkten und dem aktuellen Eisrand, unter dem an mehreren Stellen Bäche mit glasklarem Wasser hervorsprudeln. Dass die Helfer dabei Zeitzeugen des schnellsten Gletscherschwundes seit Jahrtausenden werden, machen sie sich später an der Osnabrücker Hütte bewusst, wo die Gruppe für zwei Tage Quartier bezieht.
Von der Terrasse ist das Großelendkees mit der bis zu 3360 Meter hohen Gipfelkette in der Abendsonne als prächtiges Panorama zu bewundern. Im Tal ist deutlich die markante Seitenmoräne von 1850 zu erkennen. Vor 150 Jahren hat der Gletscher diesen Geröllwall dort aufgeschüttet. Längst hat sich das Eis bis oberhalb einer blanken Felsschicht zurückgezogen. In den vergangenen fünf Jahren hat Andreas Knittel eine neue bedrohliche Entwicklung festgestellt. Plötzlich schmelzen aus dem nicht mehr sehr dicken Gletscher riesengroße Gesteinsflächen heraus.
Der Bauingenieur leitet eines von 17 Teams, die für den Österreichischen Alpenverein seit 115 Jahren mehr als 100 Gletscher vermessen. Die Daten, Beobachtungen und Zahlenkolonnen fließen in Berichte ein, die in Innsbruck für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung zur Verfügung stehen. Dabei ist unter anderem herausgekommen, dass die Alpengletscher seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als ein Drittel der Fläche und mehr als die Hälfte der Masse verloren haben. Eines der sichtbarsten Zeichen der Klimaänderung ist das Abschmelzen der Gletscher.
Andreas Knittel und seine " Gletscherknechte" lassen sich davon die Stimmung nicht verderben. In diesem Jahr hat die Gruppe auch positive Beobachtungen gemacht. Im vergangenen Winter gab es außergewöhnlich viel Neuschnee, von dem bis zum Ende des Sommers eine ganze Menge als Nachschub liegen geblieben ist. In den Vorjahren war die Schneebedeckung im " Nährgebiet", also dort, wo der Gletscher oberhalb von 2800 Metern entsteht, schon im Mai abgeschmolzen. " Das lässt uns hoffen, dass es wieder neues Eis im oberen Bereich gibt, das nachschiebt." Andreas Knittel weiß allerdings, dass das wahrscheinlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein wird.
Bildergalerie im Internet: www.neue-oz.de »
Video auf www.os1.tv »
Autor:
Holger Jansing, Michael Schwager


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