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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Blindgänger hält Osnabrück in Atem
 
Tückischer Koloss mit gefährlichem Zeitzünder
 
Das lange Warten auf die Entwarnung
Zwischenüberschrift:
Kurzfristig 12 000 Menschen evakuiert – Gefährlicher Säurezünder erschwert die Räumung
 
Mit Sandsäcken versuchen die Sicherheitskräfte am Klushügel die Gefahr für die Anwohner zu minimieren
 
12 000 Menschen müssen Hals über Kopf ihre Wohnungen verlassen
Artikel:
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Originaltext:
Osnabrück. Der Fund einer scharfen Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg hat in Osnabrück gestern zur kurzfristigen Evakuierung von fast 12 000 Menschen geführt. Für sie wurde es eine lange Nacht. Denn um 23.15 Uhr war der Spuk noch immer nicht vorbei.
Die Fünf-Zentner-Bombe war am Vormittag bei Sondierungsarbeiten des niedersächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes im Garten eines Mehrfamilienhauses auf dem Klushügel im Stadtteil Gartlage gefunden worden. Sprengstoffexperten der Polizei stuften den mit einem Säurezünder ausgestatteten Sprengkörper als so gefährlich ein, dass eine unverzügliche Räumung nicht zu vermeiden war.
Rund 500 Sicherheitskräfte mussten daraufhin innerhalb weniger Stunden alle Vorkehrungen treffen, um am frühen Abend ein Gebiet mit einem Radius von einem Kilometer rund um die Fundstelle in der Humboldtstraße evakuieren zu können. Davon betroffen waren unter anderem große Teile der Innenstadt und der Stadtteile Gartlage und Schinkel.
Auch der rund 300 Meter vom Fundort entfernte Hauptbahnhof musste ab 19 Uhr vollständig gesperrt werden. Nahverkehrszüge endeten an den benachbarten Bahnhöfen Ibbenbüren, Wissingen, Hasbergen und Bohmte. Fernzüge warteten teilweise auf freier Strecke auf den Abschluss der Räumungsarbeiten. Dadurch kam es zu erheblichen Verspätungen im Bahnverkehr.
Den gesamten Nachmittag über traf Sprengmeister Thomas Gesk vom Kampfmittelbeseitigungsdienst die notwendigen Vorbereitungen, um kurz vor Mitternacht mit der Räumung der Bombe beginnen zu können. Die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk brachten Strohballen und tonnenschwere Sandsäcke an den Einsatzort, mit denen die Sprengkraft des Blindgängers für den Fall einer Detonation gedämpft werden sollte.
Bei Redaktionsschluss stand noch nicht fest, ob Gesk den Zünder der Bombe entschärfen konnte oder ob sie vor Ort von ihm gesprengt werden musste. Für den Fall einer Sprengung musste mit erheblichen Schäden an den umliegenden Gebäuden gerechnet werden.
Im Internet: Bildergalerien, Videos, Forum und der Liveticker von der Bombenräumung zum Nachlesen unter
www.neue-oz.de »

Bildtext: Im Garten eines Mehrfamilienhauses im Osnabrücker Stadtteil Gartlage bereiten sich Sprengstoffexperten auf die Räumung der Fünf-Zentner-Bombe vor. Ein Feuerwehrkran hievt tonnenschwere Sandsäcke über das Garagendach. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. An Bombenräumungen haben sich die Osnabrücker inzwischen fast schon gewöhnt. Immer wieder müssen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich gemacht werden. Doch normalerweise steht der Termin für eine Entschärfung Wochen und Monate vorher fest die Sicherheitskräfte können in Ruhe einen Plan ausarbeiten und die Bevölkerung mit Flugblättern und über die Medien informieren, wann sie für welchen Zeitraum ihre Wohnungen verlassen müssen.
Doch gestern ist alles anders. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst führt im Garten eines Mehrfamilienhauses in der Humboldtstraße im Stadtteil Gartlage routinemäßige Sondierungsarbeiten durch, weil dort eine nicht detonierte Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet wird. Die Experten werden fündig und sind alarmiert.
Denn schnell ist klar: Dieses Mal kann nicht erst abgewartet und ein sorgfältig ausgeklügelter Evakuierungsplan erstellt werden. Dieses Mal muss alles ganz schnell gehen. Diese Bombe ist so gefährlich, dass sie noch am selben Tag unschädlich gemacht werden muss.
Glücklicherweise sind die Sicherheitskräfte durch einen Zufall auf eine Bombenräumung vorbereitet: Eigentlich ist für gestern seit längerer Zeit ein kleinerer Einsatz am Ickerweg geplant. Doch der hat sich kurzfristig als überflüssig entpuppt.
Ernste Expertengesichter
Ganz anders am Klushügel, wo die Gesichter der Experten immer ernster werden. Schuld ist der Langzeitzünder des Fünf-Zentner-Sprengkörpers. Blindgänger mit solchen Zündmechanismen sind besonders tückisch. Nur eine Scheibe, die aus einer Cellulose-Verbindung besteht, hält den eingebauten Schlagbolzen fest. Beim Aufprall der Bombe zerbricht eine Säurekapsel. Die Säure zersetzt langsam die Kunststoffscheibe, bis der Bolzen schließlich auslöst und die Bombe zur Explosion bringt mehrere Stunden oder sogar erst einige Tage nach dem Einschlag.
Bei der Bombe, die rund 65 Jahre im Erdreich des Klushügels geschlummert hat, hat der tückische Zündmechanismus offensichtlich versagt. Doch niemand kann wissen, ob er nicht trotzdem noch funktionstüchtig ist und in welchem Zustand sich die dünne Kunststoffscheibe befindet, die den Bolzen hält.
Kann der Sprengkörper zur endgültigen Entschärfung an einen abgelegenen Ort transportiert werden, wie es bei Bombenräumungen meistens geschieht? Oder muss sie vor Ort gesprengt werden, was zwangsläufig mit Schäden an den umliegenden Gebäuden verbunden ist?
Die Sicherheitskräfte bereiten sich auf das Schlimmste vor. Traktoren karren Strohballen heran, und ein Autokran der Feuerwehr wuchtet über das Garagendach des Hauses tonnenschwere Sandsäcke in den Garten Dämmmaterial, mit denen im Fall einer Sprengung die Wucht der Explosion gemildert werden soll.
Währenddessen passen Polizeibeamte und OS-Team-Mitarbeiter auf, dass kein " Bombentourismus" entsteht die Fundstelle wird im Umkreis von 100 Metern abgeriegelt. Niemand darf in diese Sicherheitszone. Wer noch schnell sein Auto wegfahren möchte, wird von einem Polizisten eskortiert.
Die Arbeiten am Fundort ziehen sich bis spät in die Nacht. Deshalb steht bei Redaktionsschluss auch nicht fest, ob Sprengmeister Thomas Gesk es verantworten kann, die Bombe zu entschärfen oder abtransportieren zu lassen. Sollte das zu große Gefahren bedeuten, muss vor Ort gesprengt werden.

Bildtext: Aufmarsch von Polizei und Feuerwehr auf dem Parkplatz der Halle Gartlage.

Tonnenweise schaffte die Feuerwehr mit einem Kran Dämmmaterial in den Garten an der Humboldtstraße. Jeder Sandsack wiegt gut eine Tonne. Sie sollten die Detonation dämpfen.

Osnabrück. " Wenn das Ding gesprengt werden muss, herzlichen Glückwunsch! Dann haben wir eine lange Nacht vor uns." Zugführer Hermann Mundhenk sitzt auf dem Beifahrersitz eines Einsatzwagens auf dem Parkplatz der Halle Gartlage. Gleich ist es 18 Uhr. In spätestens einer Stunde soll die Evakuierung des 1000 Meter großen Gebietes rund um die Bombe in der Humboldtstraße beginnen.
Mundhenk und seine 37 Kollegen wissen seit Mittag von ihrem Bombenglück in Osnabrück. " Ein ganz normaler Einsatz, das haben wir in Hannover alle zwei Wochen", sagt er. Und er schätzt: " In einer Stunde sind wir durch."
Reichlich optimistisch, denn dieser Einsatz ist doch ein besonderer: Er kommt spontan. Normalerweise haben die Einsatzkräfte eine Vorlaufzeit und vor allem die Bevölkerung weiß Bescheid. Krankentransporte können so in Ruhe geplant werden. Doch nicht so heute. Während die insgesamt rund 600 Polizeibeamten, Feuerwehrleute und THWler von Tür zu Tür gehen, treffen sie immer wieder auf vollkommen überraschte Bewohner. So auch Maria Vogt. Die Polizistin leitet einen Evakuierungstrupp an der Bohmter Straße. Um 19.28 Uhr erhält sie das " Go" für ihren Einsatz. Zu diesem Zeitpunkt sind alle Zufahrtsstraßen am Rande der 1000-Meter-Zone dicht.
Eigentlich ist die Gruppe nur für einen kurzen Abschnitt zuständig. Doch schon im zweiten Haus kommt das erste Problem. Ein türkisches Mädchen versteht kaum Deutsch. Ein Dolmetscher ist nicht erreichbar. Der schnelle Entschluss: Die Kleine bleibt zunächst, wo sie ist, und wird später abgeholt.
Nebenan kommt gerade eine Frau mit leichtem Gepäck aus dem Haus. Sie steigt in ihr Auto und will zu ihrer Tochter. " Die wird jetzt überfallen, wie ich überfallen wurde."
Es gibt aber auch Leute, die dem Treiben gelassen gegenüberstehen. Da ist die Hausgemeinschaft, die sich kurzerhand ein paar Bier für einen gemütlichen Abend einsteckt. Oder Kundschaft und Thekenkräfte im " Win Casino" an der Bohmter Straße. Im Schankraum und hinten in der Spielhalle ist noch reger Betrieb. Während die Häuser auf der anderen Straßenseite längst geräumt sind, hinken die Evakuierer hier noch etwas hinterher. Die Überbringer der geschäftsschädigenden Nachricht kommen also von der Zeitung. Doch anstatt Ärger folgt die spontane Einladung zum Kaffee. Besitzer Wolfgang Niemeyer: " Das ist doch eh nicht zu ändern." Er hofft auf eine schnelle Entschärfung. " Wir machen bis 2 Uhr nachts wieder auf."
Das vorläufige Ende des Geschäftsbetriebs naht. 30 Meter weiter klingelt die Feuerwehr gerade bei einem Nachtclub, der doch sehr nach Rotlicht-Milieu aussieht. In den Fenstern leuchtet es noch rot. Doch es öffnet niemand zu beschäftigt?
Weiter stadtauswärts. Vorbei an Bushaltestellen voller Leute, die auf den ÖPEV, den Öffentlichen Personenevakuierungsverkehr, warten. Ansonsten sind die Straßen fast menschenleer.
Ein ganz anderes Bild an der Gesamtschule Schinkel. Gerade ist hier ein voller Bus angekommen. Die Schlange an der Registrierung ist dementsprechend lang. Jeder Gast wird mit Personalausweis erfasst und erhält eine Begleitkarte. " Beim letzten Mal haben sich hier einige einen Scherz daraus gemacht", erklärt Leiter Markus Gehle. Hinter dem Eingang erwartet die Menschen Hallen und Aufenthaltsräume. Die Kinder spielen Tischtennis oder Gesellschaftsspiele, für die ganz Kleinen sind Kuscheltiere und Decken ausgebreitet. In zwei Räumen stehen Liegen für Gebrechliche. DRK und THW verteilen Getränke und Suppe Pichelsteiner Eintopf ohne Schweinefleisch, wegen der muslimischen Gäste.
Es ist jetzt halb neun. Seit einer Stunde wird evakuiert. Zeit für einen Anruf beim optimistischen Zugführer Mundhenk aus Hannover. Nein, er sei noch nicht fertig. Bei 80 Prozent sei seine Gruppe. " Wir haben eine Menge Krankentransporte. Zwei ältere Damen können sich nicht alleine anziehen."
Stille im Bahnhof
Szenenwechsel: Am Hauptbahnhof, wo während der Hauptverkehrszeiten bis zu 1000 Personen pro Stunde ankommen und abreisen, wird binnen einer halben Stunde der Betrieb auf null heruntergefahren. Ohnehin verkehrt die Nordwestbahn wegen Bauarbeiten zwischen Osnabrück und Bramsche nur per Bus, sodass der stellvertretende Bahnhofsmanager Josef Timphaus und seine Mannschaft wenig zu tun hatten. Mit ausgebreiteten Armen versperrt er den letzten Reisenden die Eingangstür zur großen Bahnhofshalle. Die große blaue Anzeigetafel wiederholt monoton hinter allen Zugverbindungen die Botschaft " Zug fällt aus." Als letzte Verbindungen werden die beiden Züge um 19.14 und 19.16 Uhr nach Bentheim und Braunschweig abgefertigt. Alle anderen Fernverkehrszüge rauschen dann bis zur Sprengung der Bombe nur noch durch.
Nebenan im Advena-Hotel schließen sich gegen 20 Uhr alle Türen. " Wir haben 100 gebuchte Gäste", berichtet Hoteldirektorin Monika Osterhaus, " manche haben umgebucht, andere gehen noch für ein paar Stunden in die Stadt." Auch eine Tagung im Hause, die eigentlich bis 22 Uhr dauern soll, wird vorzeitig beendet.
Gespenstische Szenen dann auf der Möserstraße und am Neumarkt. Um kurz vor 20 Uhr ist hier fast alles dunkel, selbst der Neumarkt leert sich zusehends, nachdem die letzten Berufstätigen aus der Großen Straße ihren Bus zur Heimfahrt bestiegen haben.

Bildtext: Zeitvertreib im Evakuierungszentrum. Etwa 400 Menschen fanden in der Gesamtschule Schinkel Unterschlupf.

Da macht keiner auf, obwohl Licht brennt.
ÖPEV, öffentlicher Personenevakuierungsverkehr.
Fassungslos reagieren viele auf die plötzliche Evakuierung
Spontane Party im " Win Casino", Bohmter Straße.
Autor:
ack, Arne Köhler, Hauke Petersen, Frank Henrichvark, Gert Westdörp, Jörn Martens


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