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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Früher war in der Stadt kein Platz für Bäume
Zwischenüberschrift:
Erst im 19. Jahrhundert erwachte das Bewusstsein fürs Grün
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Draußen die Natur und drinnen die Stadt, dazwischen die Stadtmauer. So rigoros wurde im Mittelalter die Grenze gezogen. Fürs Grün war es innerhalb der Stadt zu eng. Die Wertschätzung für Bäume und grüne Lungen entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert.
Wird heute eine Straße neu gestaltet, dann geht das Gefeilsche los. Parkplätze für Autos werden gegen Straßenbäume ausgespielt. Wer dieses Gezerre erlebt, mag vielleicht glauben, in früheren Zeiten hätten Bäume ganz selbstverständlich zum Straßenbild gehört. Aber das ist nur eine romantische Vorstellung. Die meisten Straßen waren so schmal wie die Gassen, die wir aus der Altstadt kennen.
Bäume konnten sich im Mittelalter allenfalls auf öffentlichen Flächen wie dem Marktplatz oder dem Kirchhof entwickeln, vielleicht auch in den wenigen privaten Gärten, die es damals innerhalb der Stadtmauern gab. Und wahrscheinlich wurden Bäume auch von niemandem vermisst. Denn die Stadt war bis zur Aufgabe des Festungsgebots kleiner als das heutige Siedlungsgebiet von Belm oder Bissendorf. Da konnte man zumindest in Friedenszeiten mal eben vor die Tür gehen und draußen das Vieh weiden lassen.
Allerdings nicht überall. Adel und Kirche vereinnahmten einen immer größeren Teil der Freiflächen vor den Stadtmauern. Das ging zulasten der gemeinen Mark, die für die Viehtrift der Bürger zur Verfügung stand. Unter diesem Druck schrumpfte der Wald rings um die Stadt. Bäume standen nicht einmal an den Landstraßen.
Das änderte sich erst in der Biedermeierzeit. In Osnabrück ist dieser Bewusstseinswandel mit dem Namen von Senator Gerhard Friedrich Wagner verbunden. Er gründete 1835 den Verein zur Erhaltung und Beförderung von Schönheiten vaterländischer Fluren, aus dem später der Verschönerungs- und Wanderverein hervorgegangen ist.
Wagner legte den Bürgerpark auf dem Gertrudenberg an und brachte den Obstbau in Osnabrück voran. Sein Pomologischer Verein pflanzte mindestens 2000 Apfel-, Birnen, Kirschen-, Zwetschen- und Nussbäume " zur privaten und allgemeinen Benutzung" in der Gartlage, am Klushügel und in der Schinkeler Mark. Nach den Regeln des Vereins sollte jedes Mitglied für sich selbst, seine Ehefrau und jedes Kind einen Obstbaum stiften. Die Heirat eines Kindes, eine silberne oder goldene Hochzeit sollte mit weiteren Baumpflanzungen gewürdigt werden. Hinter diesem Engagement stand nicht nur die Absicht, die vaterländischen Fluren zu verschönern es war auch ein Beitrag zur Wirtschaftsförderung.
Als Vorsteher der Herrenteichslaischaft leistete Wagner ebenfalls seinen Anteil an der Begrünung der Mark. Zu diesem Zweck erwarb die Laischaft 1821 sogar eine Baumschule mit 4000 Stämmchen. Wagner stand nicht allein da. In seiner Zeit entwickelte sich auch das Heger Holz zu einem richtigen Wald. Die Heger Laischaft stand hinter diesem großflächigen Aufforstungsprogramm.
Aus den Chausseen und Wegen vor der Stadt wurden Alleen, weil praktische Naturschützer Linden, Kastanien oder Obstbäume pflanzten. Nicht immer ganz uneigennützig, wie Eva Berger vom Kulturgeschichtlichen Museum versichert. Oftsollten die eng gesetzten Baumreihen nur verhindern, dass die Fuhrwerke den bei Regen kaum nutzbaren Weg verließen und tiefeSpuren durch den Acker zogen.
Das erwachende Grün-Bewusstsein hinterließ natürlich auch Spuren innerhalb der ummauerten Stadt. So durfte plötzlich auch dort das eine oder andere Bäumchen sprießen, wo es jahrhundertelang nicht geduldet war. Mit der Folge, dass es manchem Zeitgenossen zu bunt wurde. Aktenkundig sind Beschwerden von Anwohnern, die sich beim Duft der Lindenblüte um den verdienten Schlaf gebracht fühlten. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Wälle geschleift wurden, entstanden an ihrer Stelle großzügige Promenaden, auf denen sich die Stadtbevölkerung zum Sonntagsspaziergang traf. Dem größten Teil der Bäume, die mittlerweile eine stattliche Größe erreicht hatten, ging es aber vor 50 Jahren an den Kragen. Die Stadtväter hatten beschlossen, Osnabrück autogerecht auszubauen. Der Wall wurde zu einer vierspurigen Straße umgestaltet.
Vielleicht hat auch der massive Protest gegen die Wallrodung dazu beigetragen, dass die Stadt bei jeder neuen Straßenplanung auf geeignete Standorte für Bäume achtet. Auch wenn am Ende nur ein Kompromiss steht.

Bildtext: Im 19. Jahrhundert standen Bäume am Chor der Marienkirche. Ludwig Rohbock hat die Ansicht vom Marktplatz auf einer aquarellierten Federzeichnung um 1843 festgehalten. Das Bild ist im Kulturgeschichtlichen Museum der Stadt Osnabrück zu sehen.

Repro: Lindemann
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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