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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ein Vermögen vermag viel Gutes zu tun
Zwischenüberschrift:
Immer mehr Geld für immer mehr Stiftungen – Drei Beispiele aus Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Jedes Jahr im Frühjahr, wenn die Kraniche ziehen und die Wiesen in dem früheren Braunkohletagebau Wanninchen in der Niederlausitz silbergrau glänzen – " das zu sehen", sagt Gertrud Haarmann, " war so ziemlich das Höchste für mich." Lange Zeit hat die alte Dame die Naturschutz-Stiftung von Heinz Sielmann in Wanninchen unterstützt. Dann gründete sie eine eigene Stiftung: die Haarmann-Stiftung zur Förderung von Landschafts-, Tier- und Naturschutz.
Marianne und Frank Kochmann haben in 40 Jahren aus kleinen Anfängen den wohl größten Teppich-Import Deutschlands aufgebaut. Der einachsige Pkw-Anhänger, mit dem Frank Kochmann sich 1968 selbstständig machte und seine erste Kollektion über Land fuhr, steht heute noch in seiner 7000 Quadratmeter großen Halle in Wallenhorst. Ihnen sei vieles geglückt im Leben, sagt das Ehepaar, " wir leben in gesicherten Verhältnissen". Weil aber die beiden Söhne sich beruflich anders entschieden haben, stand irgendwann einmal die Frage der Nachfolge im Raum: Sie haben die " Marianne und Frank Kochmann Stiftung" als Haupterbin eingesetzt so wurde die Nachfolge geregelt und der Bestand des Unternehmens gesichert.
Haus in der Karibik?
" Was sollte ich mit einem Haus in der Karibik?" Es ist eine mehr rhetorische Frage für Gisela Bohnenkamp, die Anfang 2009 die in Osnabrück ansässige Bohnenkamp AG in eine Stiftung eingebracht hat. Bohnenkamp ist der europaweit führende Händler für Landwirtschaftsreifen mit aktuell 170 Mitarbeitern und einem Jahresgewinn von mehr als zehn Millionen Euro. Als Erbin ihres Ehemannes habe sie zwar frei entscheiden können, sagt sie: " Aber verkaufen wollte ich nicht. Und dann waren da auch die Mitarbeiter, die die Frage stellten: Was wird denn mal?′"
Die Namen Haarmann, Bohnenkamp oder Kochmann stehen hier nur stellvertretend für die Vielzahl gemeinnütziger Stiftungen in der Region Osnabrück. Denn der Stiftungsgedanke hat derzeit Hochkonjunktur: " In Deutschland ist der Stiftungsbereich eine Wachstumsbranche", berichtet Dr. Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, " auch 2008 haben die Stiftungsgründungen die Tausender-Marke überschritten. In den vergangenen neun Jahren wurden mehr Stiftungen errichtet als in der Geschichte der Bundesrepublik zuvor."
Der Dachverband schätzt das hier versammelte Vermögen auf 100 Milliarden Euro. Jährlich können die 16 500 Stiftungen bürgerlichen Rechts in Deutschland damit über zehn Milliarden Euro für gemeinnützige Zwecke ausschütten. Der Staat fördert diese Arbeit, indem er beispielsweise auf die Erbschaftsteuer verzichtet. Und die Gesellschaft profitiert auf diese Weise weitaus mehr, als es die Summe von zehn Milliarden Euro ahnen lässt: Indem er nämlich den Bürgern einen Freiraum einräumt und private Initiative fördert, werden mehr Energien freigesetzt, als staatliche Fürsorge jemals bewegen könnte.
Gertrud Haarmann, die Enkelin des Osnabrücker Stahlwerksdirektors August Haarmann (1840–1913), ist in einem großbürgerlichen Haushalt gleich neben dem Stahlwerk aufgewachsen. In ihrem Garten im Fledder direkt an der Hase hielten die Kinder Kaninchen, Hühner, Gänse und sogar einen Ziegenbock. " Tierliebe war für uns Kinder selbstverständlich", berichtet die alte Dame, die heute 89-jährig in Bremen lebt, " daher kommt das Interesse für Natur und Naturschutz." Und deshalb widmet sich die von ihr ins Leben gerufene Haarmann-Stiftung zum Beispiel der Renaturierung der Hase, saniert einen Fledermausstollen im Botanischen Garten auf dem Westerberg oder fördert die " wildnisbezogene" Umweltbildung am Piesberg.
Die Friedel-Bohnenkamp-Stiftung wird in guten Wirtschaftsjahren vielleicht über fünf Millionen Euro als Ertrag aus dem Stiftungsvermögen verfügen können. Sie steht damit nach der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Deutschen Friedensstiftung auf Platz 3 der in Osnabrück ansässigen gemeinnützigen Einrichtungen. Ihr Aushängeschild solle das Thema Bildung sein, so hat es die Stifterin verfügt: " Wir wollen ehrenamtliches Engagement durch unsere Hilfe handlungsfähig machen", kündigt Gisela Bohnenkamp an, " oder auch die Begabtenförderung an der Uni Osnabrück voranbringen." Wichtig dabei: " Das Land sollte mitfinanzieren."
Denn diese Maxime gilt für alle Stifter: Ihnen ist es nicht genug, Gutes zu tun. Das ließe sich mit einer Spende an eine karitative Organisation vielleicht einfacher bewerkstelligen. Stattdessenwollen sie Anstöße geben, Eigeninitiative ermöglichen, Hilfe zur Selbsthilfe werden lassen.
" Stiften heißt anstiften"
Frank Kochmann, der nicht allein begabte, aber sozial benachteiligte Kinder in Deutschland unterstützt, sondern zudem über eine eigene Indien-Stiftung nachhaltige Hilfe in der Herkunftsregion der von ihm importierten Teppiche leistet, sieht seine Aufgabe so: " Stiften heißt auch anstiften."
Es gehe eben nicht um materielle Hilfe allein, sondern auch um die Botschaft, dass Verantwortung zu übernehmen den Kern des menschlichen Lebens ausmachen könne: Wenn die Indien-Stiftung zum Beispiel eine Schule mit 300 Kindern im Bundesstaat Uttar Pradesh unterstützt, ein Jahr lang Ausstattung, Lehrergehälter und Kleidung finanziert, dann setze das zugleich eine " Kettenreaktion" in Gang: " Mittlerweile ist bei den indischen Herstellern, die sich an unserem Projekt beteiligen, das Bewusstsein gewachsen, dass auch sie für die Knüpferfamilien verantwortlich sind."

Bildtext: Auf 100 Milliarden Euro wird das Vermögen aller Stiftungen in Deutschland geschätzt. Ohne Hilfe der Stiftungen wäre die Gesellschaft ärmer nicht nur in finanzieller Hinsicht. Auch in Osnabrück lebt der Stiftungsgedanke auf, wie drei Beispiele zeigen: (Bilder rechts, von oben) Gertrud Haarmann unterzeichnete die Stiftungsurkunde im Rathaus noch zur Amtszeit von Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip, Marianne und Frank Kochmann unterstützen eine Hamburger Klinik, und Gisela Bohnenkamp sichert mit ihrer Stiftung auch die Zukunft des Unternehmens.

Fotos: Colorbox, Parton, Holtgrewe
Autor:
Frank Henrichvark


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