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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Friede, Freude und fast eine Revolution
Zwischenüberschrift:
Fünf Tage lang leben und organisieren Mädchen und Jungen ihre Kinderstadt – Heute Markttag von 15 bis 17 Uhr
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Der elfjährige Florian steht mit verschränkten Armen auf der Bühne des Hauses der Jugend. Er strahlt Selbstsicherheit aus. Nur das gelegentliche Nesteln an seiner Armbanduhr lässt Nervosität erahnen. Mit dem Slogan " Kinder an die Macht" ist der Oberbürgermeister-Kandidat in die Wahl gezogen. Jetzt entscheiden die 129 Einwohner der Kinderstadt darüber, wer ihr gewähltes Oberhaupt sein soll.
" Ein Oberbürgermeister muss gut reden können", meint Florian. Am Dienstag, dem ersten Tag der Kinderstadt, sitzt er mit seinen Freunden Mathis (10) und Jacob (10) im Kinder- und Jugendbüro, das für die fünf Tage, an denen die Kinderstadt existiert, zum Rathaus umfunktioniert wurde. Die drei Freunde sind auch Konkurrenten. Sie haben sich entschieden, alle für das Amt des Oberbürgermeisters zu kandidieren. Diese Situation stört sie nicht: " Politiker reden ja miteinander."
Am ersten Tag der Kinderstadt orientieren sich die Einwohner. Das Wichtigste ist: einen Job zu finden. Dafür gibt es das Arbeitsamt. Wer eine Stelle gefunden hat, kann vormittags oder nachmittags arbeiten. Die freie Zeit wird zum Geldausgeben genutzt.
Apropos Geld: In der Kinderstadt ist der Osna-Taler die offizielle Währung. Das sind bunte Scheine, die in der Druckerei der Kinderstadt hergestellt werden.
Celine hat sich für einen Job bei der Müllabfuhr entschieden: " Die Kinderstadt soll sauber bleiben." Die Zehnjährige weiß, was sie will. Schon am zweiten Tag hat sie ein System entwickelt, wie sie mehr Geld verdienen kann. Sie fragt bei den Betrieben der Kinderstadt, ob gefegt oder sauber gemacht werden soll. So verdient sie sich etwas zum Stundenlohn von vier Osna-Talern dazu und bekommt Trinkgeld.
Celine macht den Job nicht allein wegen des Geldes. " Ich finde es doof, wenn alles zugemüllt wird." Später will sie aber nicht als Müllfrau arbeiten. " Die müssen ja schon um 6 Uhr aufstehen."
Der Höhepunkt des zweiten Tags in der Kinderstadt ist die Wahl des Stadtrats und der Bürgermeister. Drei Moderatoren fragen die Kandidaten, die sich auf der Bühne des Hauses der Jugend in Reih und Glied aufgestellt haben, warum sie gewählt werden sollten. Ein Mädchen will die Löhne erhöhen. Applaus im Auditorium. Ein Junge hat keine Ahnung, warum er Oberbürgermeister werden soll. Das habe er sich spontan überlegt. Gejohle unter den Wahlberechtigten. Florian meint: " Ich stehe für Lohnerhöhungen und Frieden in der Kinderstadt." Er will sich auch für Gleichberechtigung, Sauberkeit, niedrige Preise, ein Bürgerfest und Gerechtigkeit einsetzen.
Florian ist fast ein Polit-Profi. Schon 2008 wurde er zum OB gewählt. Damals wandelte er sich von einem kleinen Jungen in einen souveränen Politiker, der genau weiß, was er sagt und wie er es sagen muss. Den Beruf des Politikers hat ihm sein Vater nun ans Herz gelegt.
Florian wird wiedergewählt. Mathis und Jacob gratulieren ihm. Auch Tjard (10) gehört zum Freundeskreis. Er hat Florian gewählt. Die beiden kennen sich seit der Grundschule. " Das verbindet", meint Tjard. Florian lächelt. Er hat seine Truppe im Griff.
Am Morgen nach der Wahl hängt eine dicke Lederkette um Florians Hals, die derjenigen des echten Oberbürgermeisters nachempfunden ist. Dazu trägt er ein VfL-T-Shirt. Das kommt gut an.
Der wichtigste Termin an diesem Tag ist der Besuch im historischen Rathaus, wo eine Delegation aus der Kinderstadt von Bürgermeister Michael Hagedorn empfangen wird. Der fragt, welche Probleme es in der Kinderstadt gibt. Florian erzählt ohne Berührungsängste, dass die Bürgerversammlung für die Kinder wichtig ist. " Außerdem will ich heute Steuern einführen", kündigt Florian an. Noch ahnt er den Ärger nicht, den diese Entscheidung nach sich ziehen wird. Aber Hagedorn lobt Florian: " Er ist ein OB, der Diskussionen leiten kann."
Dann darf Florian auf dem Sessel in dem Büro des echten Oberbürgermeisters Boris Pistorius Platz nehmen. Dessen Arbeitsplatz findet er toll. Nur die Wände seien zu kahl. " Ich würde hier ein Poster von Bayern München aufhängen", meint Florian.
Am Nachmittag verkündet Florian auf der Bürgerversammlung, dass er Steuern einführen will. Er erntet laute Buhrufe. Einige Kinder motzen: " Dann gehe ich gar nicht mehr arbeiten." Eigentlich wollte Stadträtin Janeke (11) noch erklären, warum die Steuern eingeführt werden müssen. Aber sie kommt nicht mehr zu Wort.
Die Revolution wird abgewendet. Am nächsten Morgen sind alle Kinder wieder da. Dass sie am Vortag gemeckert haben, findet Florian nicht schlimm: " Das ist normal. Jeder darf seine Meinung sagen. Wir sind ja nicht in der DDR." Dem Kinderstädter Tageblatt sagt Florian in einem Interview später: " Das Rathaus muss Steuern einführen, weil es manche Betriebe bezahlen muss."
Martje (11) treibt die Steuern ein und erklärt, warum: " Wenn man keine Einnahmen hat, kann man sich nichts kaufen. Wenn die Firmen nichts verkaufen, dann gehen sie pleite. Und dann ist auch die Kinderstadt pleite." Mit dem Geld werden das Rathaus und die öffentlichen Betriebe bezahlt. Das sehen viele ein. Sie bezahlen ihre zwei Osna-Taler Steuern. Jedes Kind kann pro Tag 14 Taler am Vormittag und 18 Taler am Nachmittag verdienen. Ihren Chef findet Martje gut: " Er gesteht auch Fehler ein."
" Ich habe Mitleid mit ihm", sagt Ronja (10) über den OB. Sie ist Celines neue Kollegin bei der Müllabfuhr. Beide finden Steuern doof. Sie genießen lieber den Lohn ihrer harten Arbeit. Am Imbiss-Stand haben sie zugelangt: Mit Wonne futtern sie dicke Schoko-Muffins, die pro Stück zwei Osna-Taler kosten.
Celine hat ihre Mutter schon gefragt, ob sie im nächsten Jahr wieder in die Kinderstadt darf. " Hier dürfen wir arbeiten und erwachsen sein", meint Rachel. Celine schluckt einen Bissen runter und legt ihren Muffin beiseite. Lächelnd erzählt sie, was ihre Mutter dazu gesagt hat, dass ihre Tochter groß sein will: " Kind sein kannst du nur kurz. Erwachsen bist du dein ganzes Leben."
Richtige Erwachsene sind in der Kinderstadt nur geduldet. Heute können sie sich im Haus der Jugend beim Markttag ab 15 Uhr einen Eindruck von der Produktivität der Kinder verschaffen.

Bildtext: Spaß: In ihrer eigenen Stadt zu leben machte viel Arbeit, bereitete den Kindern aber auch viel Freude. Foto: Elvira Parton

Kollegen: Bürgermeister Michael lobte seinen Amtsbruder Florian aus der Kinderstadt. Foto: Elvira Parton
Demokratie: Die Kinder wählten ihren Oberbürgermeister. Seine Entscheidungen waren auch unpopulär. Foto: Jörn Martens
Geld: Julian stand an der Schneidemaschine und brachte die Osna-Taler in die richtige Form. Foto: Klaus Lindemann
Sauberkeit: Celine (Mitte) war bei der Müllabfuhr tätig. Heute fährt sie in den wohlverdienten Urlaub. Foto: Klaus Lindemann
Autor:
Thomas Wübker


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