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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Kleine Weltreise in einer Stunde
Zwischenüberschrift:
25 Jahre Botanischer Garten auf dem Westerberg
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Hirtentäschelkraut oder lateinisch: Capsella bursa-pastoris. Die Pflanze wächst am Wegrand und auf dem Maisacker, sie hat Italien und Mittelamerika, Feuerland und Australien erobert. Für Landwirte ist der Hirtentäschel nur ein Unkraut, aber für Botaniker ein faszinierendes Studienobjekt. Es sei " die wohl erfolgreichste Pflanze der Welt", meint Dr. Nikolai Friesen, der Kustos im Botanischen Garten auf dem Westerberg. Immerhin hat sie sich als blinder Passagier auf den Segelschiffen der Entdecker seit 1500 in kurzer Zeit auf dem ganzen Globus verbreitet.
Und weil er vom Hirtentäschelkraut gar nicht genug bekommen kann, hat Friesen auch in diesem Jahr ein ganzes Feld mit Capsella bursa-pastoris bepflanzt: 2000 Stück, eine neben der anderen und immer fein säuberlich nummeriert. Das sieht wegen der bunten Etiketten zwar hübsch aus, zeigt seinen wissenschaftlichen Nutzen aber erst auf den zweiten Blick: Welche genetischen Anpassungsleistungen an völlig andere klimatische und geologische Verhältnisse musste das aus dem Mittelmeerraum stammende Hirtentäschelkraut vollbringen?
Wie arbeitet die Evolution, wie entstand die Vielfalt der Arten auf der Erde? Diese Frage wollen die Biologen vom Westerberg im Botanischen Garten klären, wenn sie zum Beispiel Hirtentäschel-Saatgut wieder aussäen, das sie zuvor auf allen fünf Kontinenten gesammelt haben. Der Blühbeginn, so hat sich dabei zum Beispiel gezeigt, hängt vom Breitengrad der ursprünglichen Herkunft des Saatguts ab.
Die Vielfalt der Arten hat die Biologen von jeher fasziniert. Die Botaniker haben gesammelt, katalogisiert und systematisiert. Heute sind sie mit den Methoden der Genanalyse den Mechanismen auf der Spur, die schon Charles Darwin und Gregor Mendel im Blick hatten. Und je mehr uns heute die Gefährdung der Natur bewusst wird, umso wichtiger wird diese Grundlagenforschung.
Das Erforschen, Vermitteln und Erhalten der Biodiversität sei Aufgabe des Botanischen Gartens auf dem Westerberg, sagt die Professorin Dr. Sabine Zachgo. Die Biologin an der Uni Osnabrück ist – " ehrenamtlich", wie sie betont zugleich auch Direktorin des Botanischen Gartens: " Wir haben für Forschung und Lehre das ganze Repertoire der Botanik vor der Haustür", sagt sie, " und das hilft uns sehr: Wir können viel effizienter Inhalte vermitteln und zugleich auch Begeisterung für das Fach wecken."
So zeigt sich im Rückblick, wie zukunftsträchtig die Entscheidung für den Ankauf des früheren Steinbruchs auf dem Westerberg durch das Land Niedersachsen im Jahr 1980 war. 8, 3 Millionen Mark kostete die erste Ausbaustufe des Botanischen Gartens.Dass es gut angelegtes Geld sei, diese Überzeugung vertraten der damalige Wissenschaftsminister Cassens und der erste Gartendirektor Prof. Herbert Hurka allerdings bei der Einweihung vor 25 Jahren einhellig: Von einem " Schmuckstück der Universität" war bereits damals die Rede, schließlich solle der Garten einmal " allen Bürgern offen stehen", so Cassens.
Und diese Saat ist aufgegangen: Jährlich besuchen an die 70 000 botanisch interessierte Laien den Garten und machen so, weil der Garten die Pflanzen nach den Lebensgemeinschaften der Kontinente präsentiert, eine Weltreise in nur einer Stunde. Für besonders interessierte gibt es Themenführungen. Zur Vermittlung wurde deshalb eigens die " Grüne Schule" ins Leben gerufen. Claudia Grabowski-Hüsing bietet hier vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung sehr populäre Themenführungen an.
Im Vordergrund der Arbeit stehen jedoch die beiden Aspekte Forschen und Bewahren: Etwa 60 Doktorarbeiten, Diplomarbeiten und Staatsexamensarbeiten sind hier entstanden, viele davon beschäftigen sich mit der Familie der Kreuzblütler und speziell mit dem Hirtentäschelkraut.
Neben dem Tropenhaus und den Freilandversuchen gibt es aber auf dem Westerberg noch eine besondere Arche für die bedrohte Vielfalt: In einem riesigen Tiefkühlschrank wird bei minus 18 Grad das Saatgut von über 600 Pflanzenarten aufbewahrt. Es sind unzählige versiegelte Plastiktüten, über die Dr. Peter Borgmann hier wacht das Saatgut gesammelt zum Teil vor der eigenen Haustür und zum Teil in aller Welt. Den Grundstock legte übrigens Loki Schmidt, die Frau des früheren Bundeskanzlers. Sie hatte schon vor Jahrzehnten die schleichende Verarmung der Natur um uns herum erkannt.

Bildtext: Unkraut jäten in den Alpen: Der Botanische Garten präsentiert Stauden, Bäume und Sträucher in den regionalen Lebensgemeinschaften der Kontinente, von denAlpen bis zum Regenwald Südamerikas in einem eigenen Tropenhaus. Hier pflegt die Gärtnerbrigade gerade das Alpinum auf einer Felseninsel mitten im früheren Steinbruch. Fotos (4): Jörn Martens

Alles nur Hirtentäschel: Die Versuchspflanzung mit der Referenzpflanze Capsella bursa-pastoris aus der Gattung der Kreuzblütler prüfen hier Kustos Dr. Nikolai Friesen und Prof. Sabine Zachgo, die Leiterin des Botanischen Gartens.

Für seine Bachelor-Arbeit untersucht Tobias Herden die DNA-Struktur von Bärlauch-Pflanzen.
Sonnentau: Diese Pflanze hat schon Darwin beschäftigt und fasziniert heute in der " Grünen Schule". Foto: Gert Westdörp

Tiefgefroren bei minus 18 Grad bewahrt Dr. Peter Borgmann in der Genbank tausendfach Saatgut von Wildpflanzen auf.
Autor:
Frank Henrichvark


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