User Online: 1 | Timeout: 17:16Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Ich wär so gern ein Osnabrücker
Zwischenüberschrift:
Ein Neubürger auf Wohnungssuche – das ist nicht so leicht
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. In den vergangenen fünf Jahren zogen im Schnitt jedes Jahr 9206, 4 Menschen nach Osnabrück. Über 46 000 Schicksale, teils höchst erfreuliche, teils sicherlich traurige. Manche höchst interessant und andere furchtbar langweilig. Hier Gemeinsamkeiten zu finden dürfte schwierig sein, und doch gibt es eine Sache: das Bett.
Dieses Möbelstück hat das Verlangen, trocken und ruhig zu stehen. Daran führt kein Weg vorbei, und so beginnt für einen Großteil der Neu-Osnabrücker mit dieser Erkenntnis die Suche nach einer Wohnung in Stadt oder Umland. Dies ist meine Geschichte, die eines Wohnungssuchenden.
Die Fragen, die sich zu Beginn stellen, sind nicht kleiner Zahl, aber jede Antwort lässt sich mithilfe von nur wenigen Dokumenten finden. Man notiere: Kontostand, Familienstand und das eigene Alter. Daraus ergibt sich der Rest wie von selbst. Schauen wir also nach: Im Spiegel steht ein junger Mann aus Bonn, 28 Jahre, ledig und in einem Ausbildungsverhältnis. Große Sprünge sind da nicht drin, aber da die Mietpreise in Bonn deutlich über denen in Osnabrück liegen, komme ich nicht umhin, mit dem Gedanken an ein paar Quadratmeter mehr in einem schönen Stadtviertel zu spielen. Ich wünsche mir eine kleine Zweizimmerwohnung im Stadtgebiet, will es aber ruhig und sauber haben. Natürlich muss es günstig sein, und besonders schön wären ein Balkon oder Garten. Frisch renoviert klingt immer verlockend, ein großer Keller ist doch selbstverständlich. Kurz: die Eier legende Wollmilchwohnung!
Ist einmal geklärt, wie die gewünschte Bleibe aussehen soll, macht man sich als guter Neubürger mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut, ohne vor Ort zu sein. Die Möglichkeiten des Internets sind angeblich unbegrenzt. Osnabrück wird per Satellitenaufnahmen seziert, erste Mietpreise verschiedener Stadtteile werden verglichen, und überall wähne ich zu viel Verkehr, schwierige Nachbarschaft oder fehlende Kultur und Grünanlagen. Jede einzelne Sorge ein K.-o.-Kriterium.
Doch dann die ersten Anzeigen sie klingen gut. Leider fällt mir bald auf: Jede Wohnungsbeschreibung in den gängigen Internetbörsen scheint zu gut, um wahr zu sein. Da muss ja etwas faul sein, oder? Vor allem professionelle Makler und Verwaltungsgesellschaften nutzen diese Börsen, die nur selten echte " Schätzchen" einstellen, da diese meist schon neu vergeben werden können, bevor sie den Weg in das Netz finden. Dass ein Makler außerdem an der Vermittlung per Provision mitverdient, ist auch keine Neuigkeit und durchaus ein Kriterium bei knappem Geldbeutel.
Was die Satellitenaufnahmen betrifft: Osnabrück erscheint aus mehreren Kilometer Höhe überall als eine höchst lebenswerte Stadt. Einziger Nutzen der Bilder: Ausfallstraßen und Bahngleise werden sichtbar, wodurch einige Wohnungen gleich gestrichen werden können. Langsam wachsen die Stirnfalten ob der Erkenntnis, dass das Internet hilfreich sein kann, aber unbegrenzt sind seine Möglichkeiten in keinem Fall.
Es führt kein Weg vorbei an den Wohnungsanzeigen der Zeitung, ausgiebigem Telefonieren und schließlich dem Termin vor Ort. Da sich aber solche Dinge nicht immer nach Wunsch terminieren lassen, muss eine provisorische Unterkunft her, in welcher ich meine Grundbedürfnisse stillen kann. Hier hilft das Mietwohnen mit monatlichem Kündigungsrecht. Wie gemacht für Wochenendfahrer oder diejenigen, die nur einen Monat bleiben wollen. So soll es also sein: In einem kleinen, möblierten Zwölf-Quadratmeter-Zimmer lebe ich nun und teile mir mit drei Mitbewohnern Küche und Bad. Welch ein Jumbo-Plaisir für jemanden, der seit Jahren aus Überzeugung in einem Einpersonenhaushalt lebt.
Um eines vorwegzunehmen, auch einen zweiten Monat werde ich noch dort verbringen, und das kam so: Mir immer wieder den provisorischen Charakter der Situation vor Augen haltend, habe ich die Suche intensiviert. In zwei Wochen schafft man 14 Wohnungsbesichtigungen. Eine in der Mittagspause und eine nach Feierabend. Mahlzeiten werden nur noch morgens und abends eingenommen, reicht eigentlich auch. Erfolg habe ich keinen oder doch: Ich nehme zwei Kilo ab! Mag mich Osnabrück vielleicht gar nicht aufnehmen? Die Ansprüche sinken mit jeder Enttäuschung. Die Gründe sind vielfältig. Die Kosten: Manche Vermieter locken mit niedrigen Kaltmieten, nur um dann bei den Nebenkosten abzukassieren. Dabei verrät ein Blick in die Statistik genau, wie hoch die Mieten sein sollten. Je nach Baujahr bezahlte man 2008 bei 40 bis 60 Quadratmetern zwischen 5, 02 Euro (erbaut vor 1948) und 7, 21 Euro (erbaut nach 2000) pro Quadratmeter netto. Dabei gilt: je kleiner die Wohnung, desto höher die Kosten pro Quadratmeter. Wer günstige Wohnungen sucht, der wird zudem manche Wohnviertel gleich aus seinem Stadtplan streichen. Dieses Problem lässt sich aber bereits am Telefon klären. Die Frage nach den Nebenkosten, sofern nicht angegeben, darf nicht fehlen. Für etwa 50 Quadratmeter werden mir Zahlen zwischen 50 und 140 Euro genannt. Ein Muster ist nicht erkennbar. Selbst bei hohen Kosten wird noch die Treppenhausreinigung von mir verlangt, während bei den kleinen Preisen auch alles inklusive sein kann. Verstehen muss man die Preise nicht, akzeptieren leider schon. Dabei stehen in Osnabrück 4, 3 Prozent der Wohnungen leer das sind 3715. Die meisten mit 6, 6 Prozent in der Innenstadt, die wenigsten in Sutthausen mit 2, 9 Prozent. Die Zahl deutet auf einen gesunden Wohnungsmarkt. Mich macht er krank!
Ich gebe nicht auf und muss mir viel ansehen und anhören. Eine frisch renovierte Wohnung auf dem Sonnenhügel entpuppt sich als frisch renoviertes Badezimmer. Der Rest wurde anscheinend vergessen. Dabei wellt sich der PVC-Belag in der Küche deutlich, und wer ebendieses Geläuf in Wohn- und Schlafzimmer verlegen ließ, kann unmöglich ein Mensch mit Geschmack gewesen sein. Doch darüber will man ja nicht streiten. Fast noch schlimmer: Ich fühle mich nicht alt, aber die Zeiten, in denen Handwerker nach getaner Arbeit noch einmal fegen, habe selbst ich noch erlebt. Sie scheinen vorbei. Auch der Vermieter hat wohl kein Interesse, potenziellen Mietern eine saubere Wohnung zu präsentieren. So bleibe ich freundlich und gehe meiner Wege, die nächste Wohnung wartet schon, und der Stadtteil bleibt sogar derselbe.
Doch es wird noch trauriger. Ein netter Vermieter öffnet, die Wohnung wird frisch gefliest, alles ist sauber. Die Wände weiß, das Bad nicht muffig. Der Preis ist unschlagbar und die Glückshormone schießen mir in einem Maße in sämtliche Glieder, dass ich noch an Ort und Stelle ausrufe: " Die Wohnung, so wie sie ist: Die nehme ich!" Für solche Situationen wurde die Redewendung erfunden, seine Rechnung ohne den Wirt zu machen. " Ja, mal sehen. Ich schreibe mir Ihre Daten einmal auf. Ich habe da gern mehr Auswahl." Habe ich das richtig gehört? Ich bin der perfekte Mieter. Oder nicht? Darüber, nicht als Mieter gewollt zu werden habe ich nie nachgedacht. Am folgenden Tag dann Gewissheit: zu jung! Den Vorwurf, ich könne bald eine Familie gründen und suchte mir dann wohl eine neue, größere Wohnung, kann ich als zeugungsfähiger Mann jüngeren Jahrgangs schwer entkräften. Ob der Vermieter eine eidesstattliche Erklärung annimmt, in der ich mich bereit erkläre, in den kommenden fünf Jahren keinen Nachwuchs zu zeugen? Muss ich vielleicht ganz auf Sex verzichten? Ist es das wert?
Zwei Tage, vier Anrufbeantworter und drei Wohnungen mit Krankenhausflair später werde ich erneut fündig. Die junge Studentin und ihr Freund haben sich getrennt. In diesem Moment trennen sich mein Äußeres und Inneres voneinander. Außen habe ich Mitleid. Eine Trennung ist schmerzhaft und nie einfach, doch meine Augen verraten: Wunderbar! Hier ist eine Wohnung frei, und sie gefällt mir. Ob ich meine Wohnungssuche auf Singlebörsen ausweiten soll?
Doch das ist ja nun alles unnötig, denn wir sind uns bereits einig. ich will die Wohnung, und die bisherigen Mieter wollen mich. Es kann so einfach sein. Dachte ich: Am nächsten Tag die Überraschung. Die beiden Studenten wissen nun: Sie dürfen zwar ausziehen, den Nachmieter bestimmt jedoch die Gagfah. Dieses Wohnungsunternehmen agiert bundesweit, und somit ist Bürokratie nicht zu vermeiden. Allein in Osnabrück werden 3510 Wohnungen von der Gagfah verwaltet.Zweitgrößtes Unternehmen ist hier die WGO mit 3056 Wohnungen. Eine breite Wohnungssuche in Osnabrück ist nicht möglich ohne diese beiden Gesellschaften. Einen Mietinteressentenbogen fülle ich zwar am nächsten Tag schon aus, doch zu spät bin ich dennoch. Wer zuerst kommt, der mahlt auch hier zuerst, und so verabschiedet sich auch diese Wohnung.
Es sei erwähnt, dass mein Provisorium inzwischen richtig gemütlich wird. Was ein paar Pflanzen doch ausmachen.
Als ich den Text gerade mit einem furchtbar lustigen, aber zugleich unbefriedigendem Ende, das nun allen Lesern vorenthalten bleibt, zum Abschluss bringe, klingelt das Telefon, und eine Stimme am anderen Ende der Leitung sagt mir, ich könne noch heute Abend vorbeikommen. Der Rest ist schnell erzählt: Ein älterer Herr hatte in der Zeitung inseriert, ein Termin am selben Abend, die Wohnung ist schön, dann ein Handschlag es kann also doch einfach sein. Wer nun wissen will, wo man mich finden kann, der suche in der Weststadt dort gefällt es mir. Denn wer auf ein paar Quadratmeter verzichten kann, findet auch eine saubere und gepflegte Wohnung, die, und das nur am Rande, ein sehr guter Platz für mein Bett ist. Damit steht dann der Familiengründung nichts mehr im Wege.

Bildtext: Manche Wohnung ist günstig, überrascht dann jedoch mit zu hoher Nebenkostenabrechnung. In diesem Fall hier dürften unnötig hohe Heizkosten zu erwarten sein.

Wenn der Lottogewinn fest zur Finanzplanung gehört, ist diese kleine Villa sicher eine Alternative. Leider stellen sich die Lottogesellschaften allzu oft quer.

Die Kleinarbeit: Eine Zettelwirtschaft voller Namen, Adressen und Telefonnummern bevölkert schnell den Schreibtisch.

Willkommen in Osnabrück: Wer hier als Neubürger auf Wohnungssuche geht, braucht gute Planung und etwas Glück. Fotos: Archiv/ Christian Wopen
Autor:
Christian Wopen


Anfang der Liste Ende der Liste