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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Gefangene durften nicht in den Bunker
Zwischenüberschrift:
Wie Osvaldo Pellegrinis Familie vom Tod in der Rosenkranzkirche erfuhr
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Seine Familie wusste nur, dass er im Krieg in Osnabrück ums Leben gekommen war. Und dann kam sechseinhalb Jahrzehnte später eine Nachricht aus dieser norddeutschen Stadt bei der Familie Pellegrini in Capizzone bei Bergamo an. Erst jetzt hat sich das Leben von Osvaldo Pellegrini für seine Familie wirklich vollendet.
Die Geschichte von Osvaldo Pellegrini wirft ein Schlaglicht auf die Verblendungen des Nationalsozialismus: Weil sie " Fremdarbeiter" waren, durften zwölf junge Männer nicht in den Luftschutzbunker. in ihrer Not suchten sie Schutz in der benachbarten Rosenkranzkirche. Aber dort fanden sie den Tod. Und es dauerte sogar mehr als 50 Jahre, bis die Geschichte von Osvaldo Pellegrini und seinen Leidensgenossen an die Öffentlichkeit kam und aufgearbeitet wurde.
Es war am späten Vormittag des 16. Februar 1945. Sirenen warnten vor einem Luftangriff, und Menschen aus der Umgebung flüchteten in den Bunker neben der Rosenkranzkirche in Schinkel. Doch einige wurden abgewiesen: Für die Zwangsarbeiter sieben Italiener und fünf Niederländer sollte es keinen Schutz geben. So wollten es die Bunkerwarte und der Ortsgruppenleiter der NSDAP nach ihrer perversen Logik der " Volksgemeinschaft": Zutritt zu dem Stollen im Schinkelberg gleich hinter der Rosenkranzkirche hatten nämlich nur diejenigen Familien, die bereits 1943 an dem Bunker mitgebaut hatten. " Darüber wurde eine Liste geführt", so berichtete die Zeitzeugin Maria Langer später, " sogar meiner Mutter und mir wurde zunächst der Zugang verweigert, weil mein Vater noch nicht sein Stundensoll abgeleistet hatte."
Für die zwölf Zwangsarbeiter von der Organisation Todt, vermutlich waren sie im Reichsbahn-Ausbesserungswerk auf der anderen Seite des Schinkelbergs beschäftigt, war nach dieser Logik erst recht kein Platz in dem Luftschutzbunker. Sie wurden zurückgewiesen und suchten Deckung in der benachbarten Kirche.
Dann fielen die Bomben. Wenig später war die Kirche durch einen Volltreffer fast völlig zerstört, und auf dem Vorplatz lagen zerfetzte Pferde. Eine Woche später fand man die Leichen der Zwangsarbeiter im Heizungskeller des Gotteshauses. Sie waren unter dem fallenden Schutt ums Leben gekommen. Einer von ihnen hieß Osvaldo Pellegrini. Er war erst 20 Jahre alt.
Osvaldo Pellegrini hatte als Mechaniker gearbeitet, bis er 1943 zur Armee musste. Im gleichen Jahr geriet er in deutsche Gefangenschaft und wurde zur Zwangsarbeit nach Osnabrück deportiert. Es gilt als wahrscheinlich, dass er in der Osnabrücker Eisenbahnwerkstatt arbeiten musste. Den letzten Brief, den er an seine Eltern schrieb, beendete er mit einer Hoffnung: " Auf Wiedersehen bis bald." Es war der 16. Februar 1945, als der Brief in seiner Heimat ankam der Tag, an dem Osvaldo Pellegrini starb.
1946 besuchte ein ehemaliger italienischer Soldat Osnabrück, fand den Namen Osvaldo Pellegrini auf einem Denkmal auf dem Heger Friedhof und übermittelte die traurige Nachricht in seiner Heimat. 1955 wurde die Leiche auf den italienischen Soldatenfriedhof in Hamburg umgebettet. Doch davon erfuhren die Pellegrinis in Capizzone nichts, auch nicht dass Schüler und Lehrer der Gesamtschule Schinkel vor sechs Jahren eine Gedenkstätte in der Rosenkranzkirche errichteten, die den getöteten Zwangsarbeitern gewidmet ist.
In einer Nische des Kirchenschiffs künden seitdem die zwölf Namen und eine schlichte Inschrift von dem Geschehen des 16. Februar 1945. Über 50 Jahre hatte es gedauert, bis ein Geschehen, von dem viele alte Schinkelaner zwar wussten, aber nicht darüber reden wollten, dokumentiert wurde. Dabei waren die Namen der zwölf jungen Männer aus Italien und den Niederlanden im Totenbuch für den Heger Friedhof akribisch verzeichnet. Als Wohnort sind hier die Backhausschule und das Realgymnasium an der Lotter Straße angegeben. Und noch ein fürchterliches Detail: Einer der Männer, Hendrikus Broere, galt zunächst als vermisst. Erst im Frühjahr 1951 wurden bei Aufräumarbeiten unter dem Schutt der Kirche seine Gebeine gefunden.
Initiator der Gedenkstätte war Heinrich Munk, pensionierter Lehrer der benachbarten Gesamtschule. Munk stellte auch einen Kontakt zu der Stadt Bergamo her und fand so schließlich Osvaldo Pellegrinis Verwandte. Das war vor einem halben Jahr.
Trauer und Freude mischten sich in dem italienischen Ort. Die lange Zeit der Ungewissheit war nun vorbei. Und jetzt besuchten Angehörige von Osvaldo Pellegrini auch die Rosenkranzkirche, in der er 1945 gestorben war.
Die Reise nach Deutschland führte zuerst nach Hamburg an das Grab, dann nach Osnabrück, um die Rosenkranzkirche an der Windthorststraße zu besuchen. Wo Osvaldo gestorben war, standen nun sein Bruder Gian Battista Pellegrini, seine Schwester Maria mit ihrem Ehemann Umberto Vassalli und deren Kinder Giovanna, Simona und Ramona.
Giovanna Vassalli sprach ein Dankgebet: " Heute ist unsere große Sehnsucht in Erfüllung gegangen. Wir haben unseren Osvaldo wiedergefunden", sagte sie: " Wir konnten beten und Blumen zu seinem Grab bringen, das viele, zu viele Jahre lang allein geblieben ist."

Bildtext: Nur ein Foto blieb der Familie von Osvaldo Pellegrini.

Die zerstörte Kirche blieb eine Ruine bis 1951, dann begann der Wiederaufbau.

Die Gedenknische geht zurück auf Schüler der Gesamtschule Schinkel und ihren Lehrer Heinrich Munk.

An einem denkwürdigen Ort: In der Rosenkranzkirche starb Osvaldo Pellegrini bei einem Luftangriff. Seine Familie in Italien erfuhr davon erst im vergangenen Jahr. Foto: Hermann Pentermann
Autor:
Jann Weber, Frank Henrichvark


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