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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Aller Anfang war Steine schleppen
Zwischenüberschrift:
Die Trümmerfrau Gisela Macke berichtet vom Wiederaufbau nach dem Krieg
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. So sieht eine Trümmerfrau aus. " Ich hab noch mit der Pickhacke gearbeitet", erzählt Gisela Macke. Und Steine geschleppt. Da war sie 16 und Lehrling bei der Firma Bösling Heizung und Lüftung. Ihr Arbeitsplatz war eigentlich das Büro. Aber das musste erst noch aufgebaut werden.
Gisela Macke, die damals noch Gramann hieß, bekam kurz vor Kriegsende ihr Abschlusszeugnis an der Möser-Mittelschule. Osnabrück war zerbombt, es fehlte an allem, auch an Lehrstellen. Eine Woche nach Hitlers Kapitulation nahm die junge Frau einen Job in der Gärtnerei Ellebrecht an. " Für 30 Pfennig pro Stunde", wie sie erzählt, " aber wir hatten Gemüse."
Tomatentriebe ausknipsen, im strömenden Regen Kohlpflanzen einsetzen, in brütender Hitze Erdbeeren pflücken, hacken und Gemüse ernten das war eine Plackerei, bei der sich die 16-Jährige die Hände schmutzig machen musste. Aber Seife gab es damals nicht. Und mit ihrer Mittleren Reife fühlte sich Gisela Gramann eigentlich für ein Angestelltendasein berufen.
Sie war froh, als sie im Oktober 1945 eine Lehrstelle bei der Firma Bösling antreten durfte. Erfolgreich hatte sie die Aufnahmeprüfung bestanden. " Wir mussten einen Text ins Englische übersetzen und einen Aufsatz über eine Heizung schreiben", erzählt die mittlerweile 80-jährige Gisela Macke. Das fand sie schwierig, denn: " Ich kannte von zu Hause nur einen Kohlenofen."
Als Jüngste im Betrieb wurde die Auszubildende zwar auch an die klapprige alte Schreibmaschine gesetzt. Aber solange der Betrieb an der Neulandstraße 39 in Schutt und Asche lag, wurden alle Hände beim Abtragen der Ruinen gebraucht. Steine sortieren in rote und weiße, mit dieser Aufgabe verbrachte Gisela Gramann drei Tage in der Woche. Und beim Wiederaufbau von Werkstatt und Büro leistete sie wie ihre Kollegen Handlangerdienste. Sie weiß auch noch, was für Worte fielen, wenn jemand murrte: " Ihr könnt nach Hause gehen. Es gibt genug Leute, die hier arbeiten wollen!"
Baumaterial, so erinnerte sich die Trümmerfrau kürzlich beim Zeitzeugengespräch im Kulturgeschichtlichen Museum, war nur schwer zu bekommen. Dachpappe zum Beispiel gab es nur auf dem Schwarzmarkt zwischen Katharinenstraße und Augustenburger Straße, wo gewöhnlich mit Zigaretten bezahlt wurde. Einmal wurde der Juniorchef beim Einkauf erwischt und kam ins Gefängnis.
Auch die Einnahmen für den Heizungsbaubetrieb bestanden oft aus Naturalien. Die Kunden bezahlten mit Schweinehälften oder Kartoffelsäcken, einmal gab es Regulierventile gegen Oberhemden. Mit denen wurden dann die Monteure entlohnt, wie Gisela Macke erzählt.
Wenn Material zur Baustelle transportiert werden musste, stand dafür kein Lieferwagen zur Verfügung, sondern allenfalls ein zweirädriger Handkarren. Nur der Chef verfügte über ein Fahrrad, die anderen legten ihre Wege zu Fuß zurück.
Gisela Gramann musste ihn oft begleiten, um haarklein aufzulisten, welches Material verbaut worden war. Zum Beispiel als die Firma Bösling die englischen Baracken oder später das Schloss mit Heizungen versorgt hatte. Die Rechnungen tippte sie dann auf der Schreibmaschine mit Blaupapier für sechs Durchschläge. Kopierer? Computer? Daran war nicht zu denken: " Alles musste abgeschrieben werden", sagt sie, aber das System funktionierte.
Besonderen Respekt hatte die junge Azubine vor dem Telefon, einem unförmigen Apparat aus schwarzem Bakelith. Wenn sie Gespräche annahm, musste sie eine Notiz in die Kladde eintragen und die nach Feierabend beim Seniorchef abgeben. Großen Ärger gab es, wenn ein Name nicht richtig wiedergegeben war oder eine Telefonnummer nicht stimmte. Schließlich ging es um Aufträge für den Betrieb.
Gearbeitet wurde 48 Stunden in der Woche, aber auch Überstunden waren normal. Und der Verdienst? Gisela Macke muss lachen, wenn sie die Summen nennt. 25 Mark im ersten Lehrjahr, 45 im dritten. Als junge Angestellte schaffte sie den Sprung über die magische Grenze von 100 Mark. Bis 1963 hat sie mit Unterbrechungen bei der Firma Bösling gearbeitet, bis zuletzt fühlte sie sich dem Unternehmen verbunden. Aber 1997 musste der Betrieb Insolvenz anmelden. Die Großaufträge waren ausgeblieben, dieöffentliche Hand hatte immer schmerzhaftere Preisnachlässe erzwungen. Für Gisela Macke eine bittere Pille: " Als ich erfuhr, dass die Firma in Insolvenz ging, hat mich das sehr getroffen!"

Bildtext: Das Dach ist gerichtet: Seniorchef Carl Georg Bösling (stehend) baute den völlig zerstörten Betrieb mit seinen Mitarbeitern selbst wieder auf. Dabei halfen selbstverständlich auch die Damen aus dem Büro. Die junge Frau mit dem Kopftuch (Zweite von links) ist Gisela Gramann, die heute Gisela Macke heißt.

Der Wiederaufbau hat sie geprägt: Gisela Macke mit einem " Souvenir" aus dem Betrieb, in dem sie nach dem Krieg gearbeitet hat. Foto: Hermann Pentermann
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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