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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Der Friedhof der Rostlauben
Zwischenüberschrift:
Wie Autoverwerter von der Abwrackprämie profitieren
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück/ Belm. Jahrelang hat er treu seine Dienste geleistet. Doch jetzt sind die Tage unseres roten Volkswagens gezählt. Eigentlich sollte das 18 Jahre alte Auto noch eine Weile über Osnabrücks Straßen rollen. Wie heißt es doch so schön? " Bis dass der TÜV euch scheidet." Doch dann beschloss die Politik die Abwrackprämie. Und plötzlich ist unser Golf III nicht mehr schlappe 500 Euro wert, sondern das Fünffache. Oder ist sogar noch ein bisschen mehr drin . . .?
Diesen Zahn zieht uns Udo Rethmann bereits nach wenigen Sätzen. Mit den 2500 Euro aus der Abwrackprämie, die offiziell eigentlich " Umweltprämie" heißt, ist auch für unseren Golf III das Ende der Fahnenstange erreicht. Da lässt zumindest die Firma Hüllsieck, größter Autoverwerter in der Region, nicht mit sich reden. Und das, obwohl das treue, roteGefährt gerade einmal 70 000 Kilometer auf demTacho hat und damit für einenAuto-Senior noch sehr rüstig ist. Doch keine Chance bei Rethmann. " Wir haben von Anfang an gesagt, wir geben generell kein Geld dazu", sagt der Entsorgungsfachmann.
Aus seiner Sicht ist diese harte Haltung verständlich. Denn der Schrottpreis, der sich zwischenzeitlich auf absurden Höhen bewegt hatte, steckt seit ein paar Monaten tief im Keller. Auf dem Hüllsieck-Gelände türmt sich seither der Karosserieschrott. Bis auf Weiteres gilt er als unverkäuflich. Gut für das Unternehmen, dass bislang nur ein kleiner Teil der Lagerfläche belegt ist.
Ein Geschäft kann Hüllsieck zurzeit nur mit Ersatzteilen machen. Täglich kommen Hobby-Schrauber und die Betreiber kleiner Kfz-Werkstätten und suchen nach passenden Scheinwerfern, Lenkrädern oder Sitzen.
Seit die Abwrackprämie beschlossene Sache ist, bekommt Hüllsieck auch endlich wieder Fahrzeuge neueren Baujahrs zum Ausschlachten und Entsorgen. Vorher wurde alles, was noch halbwegs fahrbereit war, ins Ausland verkauft. In Osteuropa und Afrika sind viele Rostlauben noch jahrelang auf den Straßen unterwegs, die bei uns längst ausgemustert wurden. Dementsprechend sind hierzulande nicht nur billige Gebrauchtwagen rar geworden, sondern auch Ersatzteile für Modelle älteren Baujahrs. Was noch bei Hüllsieck landete, war meist jenseits von gut und böse.
Vor Jahren waren es pro Jahr bis zu 4000 Autos, die in dem Belmer Unternehmen abgewrackt worden sind. Inzwischen ist es nicht einmal mehr die Hälfte. " Verwertungsbetriebe haben in den letzten Jahren geblutet ohne Ende", sagt Firmenchefin Maria Hüllsieck. " Dank der Abwrackprämie profitieren wir jetzt endlich auch mal."
Das ist für sie vor allem deshalb eine Genugtuung, weil sich endlich die hohen Investitionskosten rechnen, die das 1964 gegründete Unternehmen stemmen musste, um als lizenzierter Entsorgungsfachbetrieb gemäß dem Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz sowie der Altfahrzeugverordnung gelten zu dürfen. Allein 4000 Quadratmeter Fläche des Firmengeländes an der Straße Im Wellbrook mussten wasserdicht versiegelt werden.
Nun darf nur ein Betrieb mit Zertifikat den begehrten Verwertungsnachweis ausstellen zwingende Voraussetzung für die Gewährung der Abwrackprämie. Hinterhof-Schrauber sind zur Freude von Maria Hüllsieck also genauso außen vor wie Exporteure. Die Prämie kassieren und das Auto anschließend trotzdem als Gebrauchtwagen ins Ausland verkaufen das wird es zumindest bei seriösen Betrieben wie der Firma Hüllsieck nicht geben.
Aber für uns ist ja vielleicht doch noch ein kleiner Bonus drin immerhin ist der Motor unseres Golf III mit seiner geringen Laufleistung noch sehr gut erhalten. Doch Udo Rethmann, der Ehemann der Firmenchefin, winkt abermals ab. " Der Motor, so leid es einem tut, kommt auf den Schrott", sagt er und zeigt uns einen Container, in dem bereits mehrere voll funktionsfähige Exemplare liegen.
Mit den Motoren geht es Maria Hüllsieck und Udo Rethmann so wie mit den Autos: Was früher ein gutes Geschäft war, dümpelt heute vor sich hin. In einer Halle warten gebrauchte Maschinen aller möglichen Fahrzeugtypen auf Käufer. Früher fanden sich pro Monat rund 50 Interessenten für gebrauchte Motoren. Heute ist es nur noch ein Zehntel. Das Problem für den Recyclingbetrieb: die Langlebigkeit. " Unter 250 000 Kilometern machen Sie heute keinen Motor mehr kaputt, wenn Sie ein bisschen aufs Öl achten", sagt Udo Rethmann.
Und was das Herzstück unseres tapferen Golf III angeht: Das hat leider die falsche Seriennummer. Gebrauchte Motoren dieses Typs liegen schon jetzt mehr im Lager, als es in den nächsten Jahren Kunden geben wird, die noch einen alten Golf III fahren. Zumal noch einmal viele Autos dieses Typs durch die Abwrackprämie von der Straße verschwinden werden.
Was also wird bleiben, wenn die Hüllsieck-Mitarbeiter mit unserem Golf fertig sind? Im Staccato zählt Udo Rethmann auf: " Gebrauchen können wir die Frontteile, die Stoßdämpfer, die Scheinwerfer und Heckleuchten, die Kotflügel, die Motorhaube, die Frontschürze, die Außenspiegel, die Heckstoßstange und den Fahrersitz."
Und was ist mit den Türen? " Damit können wir uns totschmeißen", antwortet Rethmann. Also bleibt auch für sie nur der Schrott. Und der Auspuff . . .? " Vielleicht, wenn der Preis für Katalysatoren wieder besser wird. Im Moment kriegen wir für einen Kat nur sieben Euro."
Also keine Gnade für unseren alten Golf und leider auch kein zusätzliches Geld. Aber ist es nicht ein kleiner Trost, dass demnächst vielleicht ein Spiegel, ein Kotflügel oder der Fahrersitz unseres treuen Boliden in einem anderen Auto Dienst tun wird?

Bildtext: Motoren sind heute so langlebig, dass sich gebrauchte kaum noch verkaufen lassen.
Das große Lager ist eine wahre Fundgrube für alle, die Ersatzteile benötigen.

Wer ein gebrauchtes Lenkrad oder Licht für sein altes Auto sucht, wird bei Hüllsieck meist fündig.

Ford, Opel, Volkswagen auch Kühlergrills gibt es in Hülle und Fülle.

Für Bastler liegen in einer Halle rund 200 Autos zum Ausschlachten bereit. Wer hier fündig wird, muss selbst Hand anlegen. Dafür gibt es das selbst ausgebaute Ersatzteil zum Sonderpreis.

Begeisterung vermag unser roter Golf III bei Maria Hüllsieck und Udo Rethmann nicht auszulösen. Einige Ersatzteile werden sie zwar noch gut verkaufen können. Doch zum Beispiel der Motor hat nur noch Schrottwert obwohl er erst 70 000 Kilometer gelaufen ist.

Immer höher stapelt sich der Karosserieschrott beim Belmer Autoverwerter Hüllsieck. Seit der Schrottpreis in den Keller gerauscht ist, lässt sich mit Autowracks wie diesen kein Geld mehr verdienen.
Autor:
Arne Köhler, Jörn Martens


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