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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Macht die Gießerei Menschen krank?
 
Borgelt-Nachbarn misstrauen den Messungen
Zwischenüberschrift:
Hohe Benzolwerte, Lärm und Gestank – Trotzdem kann das Amt wenig unternehmen
 
"Wirkliche Arbeitsabläufe nicht erfasst" – Risse in den Wänden
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Die Eisengießerei Borgelt in Eversburg arbeitet hart an der Grenze: Messungen haben erhöhte Benzolwerte ergeben, die die Grenze zur Gesundheitsgefährdung streifen, aber eine sofortige Stilllegung der Anlage nicht rechtfertigen.
Im Juli vergangenen Jahres hat das Lingener Ingenieurbüro Zech die Eisengießerei durchleuchtet. Vorangegangen war ein Schlagabtausch vor dem Verwaltungsgericht, das schließlich dem Gewerbeaufsichtsamt recht gab und die Messungen bei Borgelt ermöglichte. Die Firma wollte die Messungen nicht, deren Kosten sie zu tragen hat.
Die Messergebnisse bestätigen in Teilen die Sorgen der Nachbarn, die seit Jahrzehnten über Belästigungen durch Lärm, Gestank und Erschütterungen klagen. Das Gewerbeaufsichtsamt sieht aufgrund der Studie Anlass zum Handeln. Es werde in Zusammenarbeit mit Borgelt nach technisch geeigneten Maßnahmen gesucht, die Belästigungen zu verringern, sagt Dr. Johannes Jaroch, Abteilungsleiter im Gewerbeaufsichtsamt Osnabrück. Er versichert: " Die Interessen der Firma stehen nicht über den Interessen der Anlieger."
Eine Verbesserung sei aber nicht von heute auf morgen zu erwarten, betont er. Zunächst sei sehr genau zu prüfen, welche Anordnungen angemessen seien. Dann müsse der Firma Zeit eingeräumt werden, diese Anordnungen umzusetzen.
Untersucht wurden der Lärm, die Gerüche, die Erschütterungen und die Stoffemissionen (Feinstaub, Blei Benzol, Styrol, Kohlenmonoxid, Stickstoffdioxide, Schwefeldioxide). Die Emissionen bleiben unter den erlaubten Werten mit einer Ausnahme: Das krebserregende Benzol übersteigt die Grenze. Die Gutachter ermittelten eine Belastung von 10, 92 Mikrogramm Benzol pro Kubikmeter Luft, wenn die Anlage voll ausgelastet ist. Der Grenzwert liegt bei fünf Mikrogramm. Ab dieser Grenze sprechen die Experten von einer Gesundheitsgefährdung. Das Gewerbeaufsichtsamt hätte damit eine Handhabe, die Anlage sofort stillzulegen.
Aber so einfach geht das nicht. Der Gesetzgeber schreibt vor, gewisse Messtoleranzen einzukalkulieren. Das ist wie bei der Radarfalle im Straßenverkehr: Dem Temposünder werden automatisch drei Stundenkilometer abgezogen. Im Fall Borgelt lässt die Messtoleranz den Benzol-Wert auf 4, 79 Mikrogramm sinken. Er liegt damit knapp unter dem Grenzwert von fünf Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die Toleranz ist in der Technischen Anleitung Luft (TA Luft) aus dem Jahr 2002 festgelegt. Darin schreibt der Gesetzgeber auch vor, dass immer der für einen Betrieb günstigste Wert anzusetzen ist.
Eine weitere Unwägbarkeit kommt mit der sogenannten Hintergrundbelastung ins Spiel. Die Luftmessstation am Schlosswall zeigt einen Benzolgehalt von 2, 7 Mikrogramm an, am Ziegenbrink sind es 1, 7 Mikrogramm. Das Gewerbeaufsichtsamt geht von 0, 5 Mikrogramm Hintergrundbelastung in Eversburg aus, die vom Borgelt-Messwert abzuziehen sind.
Die gleiche Situation beim Lärm. Die Studie ergab einen Mittelwert von 70 Dezibel, der als gesundheitlich bedenklich gilt. Weil aber die TA Lärm einen Abzug wegen mutmaßlicher Messungenauigkeiten von drei Dezibel vorschreibt, bleibt der Wert bei Borgelt mit 67 Dezibel in einem Bereich, der die " Erheblichkeitsschwelle" überschreitet, wie der Fachmann vom Gewerbeaufsichtsamt sagt, ein sofortiges Eingreifen aber nicht erzwingt. Auch die Geruchsbelästigung erreicht in der direkten Nachbarschaft unzulässige Werte.
Spielplatz ist sauber
Die Stadt ließ inzwischen den Sand auf dem Spielplatz der St.-Michaelis-Kinderstagesstätte an der Triftstraße auf Dioxin, Schwermetalle und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) untersuchen. " Die Werte sind alle in Ordnung", sagt Detlef Gerdts, Leiter des Fachbereichs Umwelt. Auch die Abwasserprobe bei Borgelt habe nichts Negatives ergeben. Offen ist noch die Frage, ob Regenwasser Gifte vom Betriebsgelände in die Kanalisation spült. Das wird noch untersucht.
Die 1913 gegründete Firma stellt Gusskörper für Presswerkzeuge in der Automobilindustrie her. Die Teile werden in der Regel freitags gegossen, damit sie übers Wochenende auskühlen können. Dabei kommen auch Styroporbehälter zum Einsatz.

Bildtext: Von Wohnhäusern umgeben ist die Eisengießerei Borgelt in Eversburg. Messungen des Gewerbeaufsichtsamtes bestätigen die Belästigungen, geben jedoch noch keinen Anlass, den Betrieb stillzulegen. Fotos: Gert Westdörp
Die Tore bleiben zu, um den Lärm einzudämmen. Aber das genügt nicht, wie Messungen ergeben haben.

Kommentar

Ergebnisse sind alarmierend

Von Wilfried Hinrichs
Die Mitarbeiter des Gewerbeaufsichtsamtes sind die Prügelknaben. Ihnen wird unterstellt, die Firma Borgelt nachsichtig zu behandeln. Aber wer genauer hinschaut, wird feststellen, dass es der Gesetzgeber ist, der den Interessen des Betriebes weit entgegenkommt.
Fest steht: Das giftige Benzol kommt in gesundheitsgefährdender Konzentration vor, aber die Werte müssen nach Maßgabe der TA Luft nach unten korrigiert werden man könnte auch sagen: geschönt werden. Die TA Luft ist sechs Jahre alt. Die Technik hat sich weiterentwickelt. Daher ist es höchste Zeit, diese Verwaltungsvorschrift zu überprüfen.
Das Gewerbeaufsichtsamt muss seinerseits alles unternehmen, um die Emissionen an der Schwenkestraße zu reduzieren. Und das ganz schnell. Die Eisengießerei darf so nicht weiterarbeiten, denn die Messergebnisse sind alarmierend, auch wenn die Grenzwerte nach den Buchstaben des Gesetzes eingehalten werden.

Osnabrück. Die Nachbarn der Eisengießerei Borgelt trauen den Untersuchungen nicht. " Die wirklichen Produktionsabläufe sind bei den Messungen gar nicht erfasst worden", sagt Thomas Grote, der direkt neben der Firma wohnt und die Belastungen seit Jahren haarklein dokumentiert.
Die Firma habe sich auf die angekündigten Messungen vorbereiten können. " Man hatte das Gefühl, dass Betriebsferien sind", sagt Grote, so ruhig sei es während der kritischen Messtage gewesen. Danach sei offenbar mit erhöhter Schlagzahl produziert worden.
Das Gewerbeaufsichtsamt versucht, solche Zweifel zu zerstreuen. Unangemeldet aufzukreuzen und zu messen, sei einfach unmöglich. Es dauere Stunden, die Messstationen aufzubauen. Das sei nur in Abstimmung mit dem jeweiligen Betrieb möglich.
Die Daten über Lärm, Geruch, Erschütterungen und Stoffemissionen ermittelten die Experten über mehrere Tage bei einer 84-prozentigen Auslastung. Die Daten wurden dann auf eine Vollauslastung hochgerechnet. " Alle Betriebsvorgänge wurden erfasst", sagt Johannes Jaroch vom Gewerbeaufsichtsamt Osnabrück.
Die Ergebnisse lagen dem Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim zur Prüfung vor. Die Hildesheimer bestätigten Methode und Hochrechnung im Wesentlichen als einwandfrei. In einem Punkt allerdings verlangen sie Nachuntersuchungen: Die Erschütterungen, die beim Leeren und Reinigen der Gussformen im Normalbetrieb entstünden, fänden sich in der Studie nicht angemessen wieder, meinen die Hildesheimer. Mit Presslufthämmern bearbeiten die Mitarbeiter die Gussformen, um Eisenreste zu lösen. Zeugen sagen, es poltere auch schon mal eine tonnenschwere Form gegen einen Betonklotz. Nachbar Thomas Grote ist überzeugt, dass die Risse in seinem Haus durch diese Erschütterungen entstanden sind. " Das knackt richtig im Haus, man kann es hören und spüren", sagt er.
18 Nachbarfamilien stellten im Oktober 2008 Strafanzeige gegen die Firma Borgelt wegen des Anfangsverdachts der Umweltschädigung. Die Ermittlungen dauerten an, teilte die Staatsanwaltschaft mit.
Die Firma Borgelt will zu den jüngsten Ergebnissen nicht Stellung nehmen. Andeutungen aus der Politik, die Firma werde bald aufhören, bestätigte die Inhaberin nicht. Dass sie den Betrieb irgendwann aufgebe, liege auf der Hand, sagt die Chefin: " Aber einen Termin gibt es nicht."
Autor:
hin


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