User Online: 1 | Timeout: 22:53Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Das Teufelszeug im Lagerhaus
Zwischenüberschrift:
Giftunfall im Hafen: Beim Entsorgen der Flusssäure passt die Feuerwehr höllisch auf
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Es ist ein Teufelszeug. Flusssäure frisst sich durch die Haut bis auf die Knochen, kann zum Verlust von Armen und Beinen und sogar zum Tod führen. Zum Glück hat es die Männer im Hellmann-Lagerhaus gestern Morgen nicht so schlimm erwischt.
Um 8.03 Uhr geht bei der Feuerwehr die Alarmmeldung ein: Giftunfall an der Elbestraße. Ein 1000-Liter-Behälter mit der hochgiftigenFluorwasserstoffsäure ist beim Verladen leckgeschlagen. Nach Angaben der Polizei war der Fahrer eines Gabelstaplers beim Rangieren gegen den sogenannten IBC-Behälter gestoßen, der von der Palette rutschte und zur Seite kippte. Aus einem Leck traten nach Angaben der Polizei etwa 100 Liter der hochgiftigen Säure aus. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten nach Angaben von Andreas Beuermann, Gefahrgut-Beauftragter bei Hellmann, mindestens hundert Lageristen und Lastwagenfahrer in dem Lager.
Drei Männer der Stapler-Fahrer und zwei Lkw-Fahrer kommen mit dem Stoff direkt in Berührung. Sie versuchen, die Säure zu binden, und atmen Dämpfe ein. Einem Lkw-Fahrer tropft etwas Säure auf die Hand. Der Mann sieht aber keine Gefahr und tritt seine geplante Tour an. An Bord hat er eine der Paletten, die einige Tropfen der ätzenden Flüssigkeit abbekommen hat. Unterwegs spürt der Mann ein Unwohlsein und Schmerzen an der Hand. Er ruft in der Firma an und wird aufgefordert, sofort zu halten und sich von einem Rettungswagen ins Krankenhaus bringen zu lassen. Der Lkw bleibt an der B-68-Ausfahrt stehen. Ein Kollege fährt ihn später zum Feuerwehrhaus in Wallenhorst.
Insgesamt 13 Verletzte
Insgesamt 13 Personen erleiden Verletzungen durch das Gift, vier werden ambulant behandelt, neun müssen im Krankenhaus bleiben. Auch zwei Rettungskräfte und zwei Feuerwehrmänner aus Wallenhorst, die auf dem vergifteten Lastwagen mit der Säure in Kontakt gekommen sein könnten, werden vorsorglich in ein Krankenhaus geschickt.
Der Giftalarm setzt die gesamte Berufsfeuerwehr in Marsch. Hinzu kommt die Ortsfeuerwehr Stadtmitte, die auf den Einsatz bei Gefahrgutunfällen spezialisiert ist und über die Messtechnik verfügt. Die Feuerwehren aus Haste, Eversburg und Voxtrup sind da, die Besatzungen von sechs Rettungswagen stehen bereit, falls bei der Bergung etwas passieren sollte. Auch das Technische Hilfswerk eilt zu Hilfe. 75 Helfer sind zu diesem Zeitpunkt vor Ort.
Sie halten respektvoll Abstand zum Giftfass in der Halle an der Elbestraße. Noch ist unklar, wie die Flusssäure geborgen werden kann. Einsatzleiter Jürgen Knabenschuh ruft Unterstützung über das TUIS Transport-Unfall-Informationssystem der Chemischen Industrie. Es leistet bei Unfällen mit Chemikalien in ganz Deutschland schnelle Hilfe. An TUIS sind 130 Chemieunternehmen mit ihren Werkfeuerwehren und Spezialisten beteiligt. Auch das Chemiewerk von Henkel in Düsseldorf, wo die Flusssäure produziert wird, ist an TUIS angeschlossen. Die Henkel-Werksfeuerwehr ist für den Umgang mit Flusssäure speziell geschult und setzt sich mit Blaulicht um 10 Uhr in Düsseldorf in Marsch. Eine Stunde und zwanzig Minuten später treffen die vier Experten mit zwei Fahrzeugen an der Elbestraße ein.
Währenddessen wird klar: Es tritt keine Flüssigkeit mehr aus. Männer der Berufsfeuerwehr beginnen eingehüllt in giftgrüne Chemie-Schutzanzüge Behälter und Boden großzügig mit Kalk zu bestreuen, der die Säure bindet und unschädlich macht. Bei der Reaktion mit der Säure entsteht explosionsartig eine mächtige, weiße Wolke. Keine Angst: Es sind nur Kohlendioxid und Wasserdampf, wie Feuerwehrchef Jan Südmersen erklärt.
Die Flüssigkeit mit dem Produktnamen " Ridoline 120 WX" wird in der Stahlindustrie als Reinigungs- und Beizmittel benutzt. Die Konzentration der Flusssäure liegt nach Angaben des Chemiekonzerns Henkel bei 20 bis 30 Prozent. Flusssäure wird je nach Konzentration in Stahl- oder in Kunststofffässern transportiert, die zum Schutz vor Stößen mit einem Eisengeflecht umgeben sind.
Die Flusssäure wird in einen Behälter umgefüllt, den das THW bereitgestellt hat. Die Henkel-Leute müssen nicht eingreifen, sie stehen den Einsatzleitern beratend zur Seite. Am frühen Nachmittag entspannt sich die Lage: Das schadhafte Fass ist geleert und kann entsorgt werden. Die Unglücksstelle wird gereinigt dekontaminiert, sagen die Fachleute.
Schadenshöhe unbekannt
Jetzt atmen auch die Mitarbeiter der Firma Hellmann auf. Die Arbeit in der Lagerhalle ruht seit 8 Uhr, und die Mitarbeiter der Spätschicht stehen seit 14 Uhr tatenlos herum. Erst gegen Abend können sie ihre normale Arbeit aufnehmen. Täglich werden an der Elbestraße 180 Lastwagen be- und entladen. Über die Höhe des Schadens, der Hellmann durch den Ausfall entstanden ist, wagt keiner eine Schätzung.
Der Umgang mit Gefahrgütern ist bei Hellmann Alltagsgeschäft, wie der Gefahrgut-Beauftragte Andreas Beuermann sagt, wenn auch hochgiftige Flusssäure eher selten zum Umschlagsgut gehört. Alle Mitarbeiter sind nach seinen Angaben im Umgang mit Gefahrenstoffen geschult.

Bildtext: Explosionsartig reagiert die Flusssäure auf ungelöschten Kalk, der die Säure bindet. Dabei entstehen Wolken aus Kohlendioxid und Wasserdampf.

Ausfegen.
Dekontaminieren.
Umfüllen.
Autor:
Wilfried Hinrichs, Holger Jansing, Michael Hehmann


Anfang der Liste Ende der Liste