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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Wenn der Azubi dem Chef den Platz wegnimmt
Zwischenüberschrift:
Firma Hellmann verwandelt den alten Getreidespeicher in das Büro der Zukunft
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Als Klaus Hellmann neulich morgens in die Firma kam, fand er seinen Arbeitsplatz besetzt vor. Ein Auszubildender hatte es sich im Sessel des geschäftsführenden Gesellschafters von Hellmann Worldwide Logistics bequem gemacht. Der junge Mann grüßte seinen Chef freundlich und wandte seine Konzentration dann wieder dem Laptop zu.
Von Arne Köhler
Osnabrück. In den meisten anderen Unternehmen hätte der Chef in dieser Situation dem Azubi gründlich die Leviten gelesen. Oder er hätte ohne viel Federlesen die Personalabteilung damit beauftragt, die Konsequenzen aus einem derart vorwitzigen Verhalten zu ziehen. Doch Klaus Hellmann reagierte völlig anders. " Ich habe mich gefreut. Und dann habe ich mir eben einen anderen Platz gesucht", erinnert er sich.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Es war nicht wirklich Klaus Hellmanns Schreibtisch, an dem es sich der Azubi bequem gemacht hatte. Es war lediglich ein Arbeitsplatz, an dem der Firmenchef besonders gern sitzt. Was wie Haarspalterei klingt, ist bei Hellmann Worldwide Logistics ein gewaltiger Unterschied.
Keine Privilegien
Denn seit August hat kein Hellmann-Mitarbeiter einen eigenen Schreibtisch mehr. Auch Klaus Hellmann nicht. Genauso wenig, wie er ein Vorzimmer hat, einen ledernen Chefsessel oder einen edlen Konferenztisch. Sogar auf das Privileg eines eigenen Parkplatzes auf dem Firmengelände verzichtet der Unternehmer. Wenn Hellmann morgens zur Arbeit kommt, muss er sich einen freien Stellplatz suchen wie jeder andere Kollege auch. Und wenn er Pech hat, ist sein Lieblingsarbeitsplatz eben schon besetzt.
Auf die gut dosierte Verteilung von Statussymbolen und auf die sonstigen Rituale, mit denen in der Berufswelt üblicherweise Rangfolgen begründet und untermauert werden, wird bei Hellmann so gut es geht verzichtet. " Wir haben hier nie große Differenzen in der Hierarchie gehabt", sagt Hellmann. " Ich habe diesen Dünkel nicht."
Dieser Einstellung hat der Unternehmer auf dem Hellmann-Firmengelände im Osnabrücker Hafen nun sozusagen ein Denkmal gesetzt: Ein alter Getreidespeicher aus dem Jahr 1934 wurde mit großem Aufwand so umgebaut, dass er nicht nur die flachen Hierarchien innerhalb des Konzerns untermauert, sondern auch Hellmanns Vision einer zeitgemäßen Arbeitswelt dient.
Keine eigenen Büros
Statt in Büros halten sich die Mitarbeiter im " Speicher III" auf vier loftartig gestalteten Etagen auf, die über offene Treppen miteinander verbunden sind. Auf gut 3000 Quadratmetern sind so rund 130 Arbeitsplätze entstanden. Ein großer Lichtschacht macht den Einsatz von Kunstlicht je nach Jahreszeit entweder ganz überflüssig oder reduziert ihn zumindest auf die Abendstunden.
Eine Investition von 7, 5 Millionen Euro und viel planerische Kreativität waren notwendig, um ein faszinierendes Gesamtensemble zu kreieren, in dem sich die Bausubstanz des historischen Fachwerk- und Backsteingebäudes mit zahlreichen Versatzstücken moderner Architektur zu einem stimmigen Gesamtbild vermischt.
Außerdem haben Klaus Hellmann, der Osnabrücker Architekt Norbert Reisige von IGK Krabbe und Innenarchitekt Christian Kolde großen Wert auf Symbolik gelegt: Vieles, was bei der Schaffung von Speicher III verwendet wurde, hat unmittelbar mit dem Unternehmen und seinen weltweiten Aktivitäten zu tun.
Kein Papier
So gibt es maritime Ölgemälde, eine kunstvoll geschnitzte chinesische Holztür und indische Elefanten-Skulpturen. Sogar einige Hellmann-Frachtcontainer sind in das Gebäude integriert worden: Aufeinandergestapelt und über Mauerdurchbrüche mit dem Baukörper verbunden, dienen sie als Konferenzräume.
Ein gemütliches, offenes Kaminzimmer, ein Bistro, eine Ruhezone mit striktem Sprech- und vor allem Telefonierverbot, Designermöbel in ungewöhnlichen Formen und Farben und sogar ein Strandkorb, der vor dem überdimensionalen Bild einer weidenden Kuh platziert wurde in Hellmanns " Speicher III" finden sich auch nach mehreren Durchgängen immer noch neue, außergewöhnliche Details.
Die größte Überraschung bleibt jedoch, dass im gesamten Unternehmen das Prinzip der freien Sitzplatzwahl gilt. Sogar die Mitarbeiter der Controlling-Abteilung, die sich üblicherweise ungern über die Schulter blicken lassen, sind nicht davor gefeit, dass plötzlich ein Kollege aus dem Marketing oder ein Projektmanager inmitten ihrer Reihen Platz nimmt. Oder eben ein Vertreter des gehobenen Managements.
" Das Prinzip gilt für jeden, auch für die Geschäftsführung", unterstreicht Klaus Hellmann, der neben der Auflösung fester Sitzordnungen ganz nebenbei noch das Prinzip des (nahezu) papierlosen Büros durchgesetzt hat: Werkeinen festen Arbeitsplatz mit entsprechendem Ablagesystem hat, überlegt sich allein schon aus Bequemlichkeit zweimal, ob er ein per E-Mail erhaltenes Dokument ausdrucken und fortan mit sich herumtragen möchte.
Keine Telefone
Jeder Mitarbeiter verfügt stattdessen über einen Laptop, mit dessen Hilfe er überall im Haus auf seine im Firmennetzwerk gespeicherten Dateien zurückgreifen kann. Über den tragbaren Computer werden auch alle Telefonate abgewickelt. In Zeiten von Internet-Telefonie benötigt man dafür nur einen Kopfhörer mit integriertem Mikrofon, ein sogenanntes Headset.
Inzwischen konnte Klaus Hellmann von seinem Konzept auch viele Mitarbeiter überzeugen, die zunächst nicht gerade begeistert waren und aus ihrer Skepsis keinen Hehl machten. Was kaum jemand für möglich hielt: Drei Monate nach dem Umzug in den Speicher vermisst kaum einer sein altes Büro.
Wenn ein neues Projekt ansteht, beginnt nicht erst wie in anderen Firmen das große Stühlerücken, damit für die Arbeitsgruppe Platz geschaffen werden kann. Dank der freien Sitzplatzwahl findet automatisch zusammen, wer gerade zusammenarbeitet. Oder wie es ein Projektleiter auf den Punkt bringt: " Der informelle Weg ist der schnellste." Auch feste Teams suchen automatisch die Nähe ihrer vertrauten Kollegen, ohne dass man es ihnen extra vorschreiben müsste.
Flexibilität abseits von zementierten Strukturen und Engagement durch Freude am Arbeiten in einer gemütlichen Umgebung auf diese Effekte setzt Klaus Hellmann bei der Weiterentwicklung des Osnabrücker Familienunternehmens. Und wenn demnächst mal wieder ein Azubi auf seinem Lieblingsplatz sitzt, freut sich der Chef, weil er spürt, dass er seiner Vision von einer neuen, effektiveren Arbeitswelt ein Stück näher gekommen ist.
Das sah im Übrigen auch eine gemeinsame Jury des Magazins " Wirtschaftswoche" und der Kölnmesse so. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitswissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt kürte sie Hellmann Worldwide Logistics und ihr " Büro mit Wohnzimmercharakter" zum diesjährigen Sieger des Wettbewerbs " Best Office 2008".

Bildtext: Absolute Ruhe ist das oberste Gebot in der Bibliothek. So kann die chinesische Studentin Si Chen bei Hellmann in Ruhe an ihrer Masterarbeit schreiben.
Dienstbesprechung im Bistro-Bereich: " Meetings" können auch ganz locker sein.
Kein Wohnraum sondern ein Arbeitsbereich: das offene Kaminzimmer unter dem Dach des Speichers. Fotos: Jörn Martens
Firmenchef Klaus Hellmann und die aufwendig geschnitzte Tür zum chinesischen Zimmer.
Autor:
Arne Köhler


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