User Online: 1 | Timeout: 15:59Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Blutspur führt nach Osnabrück
Zwischenüberschrift:
Opfer und Täter zugleich: Wie ein SS-Mann wider Willen zum Kriegsverbrecher wurde
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Er war SS-Mann. Er war an Massenhinrichtungen beteiligt. Er wurde zum Tode verurteilt und begnadigt. Später bekam er sogar einen Orden. Friedrich Wilhelm Meyer lebte bis 1981 unauffällig in Osnabrück. Die Schwedin Miriam Garvi forscht nach Spuren des ehemaligen Oberscharführers. Sie sieht ihn als Täter und Opfer zugleich.
Dr. Miriam Garvi (32), die einen norwegischen Vater und eine schwedische Mutter hat, schreibt eine Biografie über den norwegischen Pastor Olaf Kristian Stromme (1907–1976). Er ist Namenspatron einer Stiftung, die humanitäre Hilfe leistet. Als evangelischer Gefängnisseelsorger hatte Stromme im Zweiten Weltkrieg zum Widerstand gegen die deutsche Okkupation gehört. Im Zeichen der Nächstenliebe setzte er sich nach dem Krieg im norwegischen Kristiansand für deutsche Gefangene ein.
Einer der Kriegsgefangenen war der 1915 in Osnabrück geborene SS-Mann Friedrich Wilhelm Meyer. Stromme half ihm, bei den norwegischen Behörden die Erlaubnis zur Heirat mit seiner Verlobten Lotte Schubert zu bekommen.
Miriam Garvi hat herausgefunden, dass Meyer offensichtlich kein großes Licht in der SS war. Er trat 1935 in die Terrororganisation ein und brachte es zum Oberscharführer, kein höherer Rang. Mehrmals versuchte er, den Dienst in der SS zu quittieren. Zur Strafe wurde er 1943 nach Norwegen versetzt, wo er der Exekutionsabteilung der deutschen Sicherheitspolizei in Kristiansand zugeordnet war.
Dort trat Meyer auch in Erscheinung, wenn Verhaftete verhört wurden. Miriam Garvi nimmt an, dass er an Folterungen beteiligt war, wenn es darum ging, Norwegern oder Russen Geständnisse oder Hinweise abzupressen. Meyers Name taucht auf einer Liste der grausamsten Offiziere auf, die in Kristiansand ihre Blutspur hinterlassen haben.
Im Keller des Gestapo-Hauptquartiers sollen zahlreiche russische Gefangene exekutiert worden sein. Für Miriam Garvi liegt es nahe, dass Friedrich Wilhelm Meyer zu den Mördern gehört, obwohl er sich vielleicht gar nicht aufgedrängt hat. Sie hat verschiedene Hinweise gefunden, dass er Aufputschmittel nahm und viel Alkohol trank, um sich über sein trostloses SS-Dasein hinwegzutrösten.
Schon im Krieg wollte Meyer seine Verlobte Lotte Schubert heiraten, die ihm nach Norwegen nachgereist war. Seine erste Ehe war 1943 geschieden worden. Eine erneute Eheschließung verweigerten die Vorgesetzten. Die Braut, so hieß es, habe jüdische Vorfahren. Miriam Garvi hat recherchiert, aber keine Hinweise gefunden, die nach der NS-Ideologie stichhaltig gewesen wären. Vermutlich war die Ablehnung also nur eine Schikane.
Auf ein interessantes Detail stieß die Historikerin in den norwegischen Polizeiakten. Kurz nach seiner Festnahme 1945 gab Meyer an, er sei der Vater von zwei Kindern, die seine Verlobte in Norwegen bekommen habe. Die Spur dieser Kinder verliert sich völlig. Miriam Garvi nimmt an, dass sie in ein Lebensborn-Projekt gekommen und nicht in Norwegen geblieben sind.
Ein norwegisches Gericht verurteilte den SS-Mann aus Osnabrück zum Tode, wandelte die Strafe 1948 aber in lebenslänglich um. Vier Jahre später wurde Meyer begnadigt und nach Deutschland abgeschoben. Dass es so gut ausging für den verurteilten Kriegsverbrecher, mag an der fürsorglichen Betreuung des Gefängnisseelsorgers Olaf Kristian Stromme gelegen haben.
Ihm verdankt Meyer auch, dass die von norwegischer Seite entgegengebrachten Widerstände gegen eine Hochzeit Punkt für Punkt ausgeräumt wurden. 1948 durfte das Paar im Gefängnis heiraten.
Miriam Garvi hat in den vergangenen Tagen in Osnabrück recherchiert und herausgefunden, dass Friedrich Wilhelm und Lotte Meyer zuletzt an der Rosemannstraße gewohnt haben. Von weiteren Kindern ist nichts bekannt, sie sollen zurückgezogen gelebt haben. Er starb 1981, sie 2007.
Die schwedische Biografin hofft, dass sich ältere Osnabrücker an den SS-Mann wider Willen erinnern. Wer Hinweise geben kann, wende sich bitte ab Montag an unsere Redaktion: Telefon 05 41/ 310-631 oder rll@ neue-oz.de.

Bildtext: Ortstermin am Massengrab: Friedrich Wilhelm Meyer (rechts), mit Handschellen an einen Polizisten gekettet, am 24. Oktober 1945 im norwegischen Kristiansand.
Dem SS-Mann auf der Spur: Miriam Garvi schreibt eigentlich eine Biografie über einen norwegischen Pfarrer.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


Anfang der Liste Ende der Liste