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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
917 Tonnen Sand für Osnabrück
Zwischenüberschrift:
MS Wolfram mit Tempo 10 unterwegs auf dem Stichkanal
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Mit halber Fußgängergeschwindigkeit gleitet die Wolfram behutsam durch das zur " Talseite" hin geöffnete Tor in das Becken der Hollager Schleuse. Der zweite Schiffsführer Mirco Dartsch steht am Bug und hält für alle Fälle den " Bommel" außenbords, ein an Seilen aufgehängtes Kantholzende, das aussieht wie eine Riesen-Triangel. Der " Bommel" soll Schiffshaut und Schleusenwand schützen, falls Seitenwind dem Manöver im letzten Moment noch einen dann nicht mehr korrigierbaren Drall verleiht. Denn bei kleinster Drehzahl der Maschine ist das Schiff kaum noch steuerbar.
Heute ist es windstill. Der erste Schiffsführer Burkhard Nowak im Ruderhaus steuert die Hauptmaschine um auf Rückwärtslauf. 80, 5 Meter Schiffslänge kommen passgenau vor dem bergseitigen Schleusentor des 83 Meter langen Schleusenbeckens zum Stillstand. Was ist, wenn die Umsteuerung der Maschine einmal streiken sollte? " Dann haben wir ein Problem", sagt Nowak, " und die Schleuse natürlich auch. Denn die Ladung, die schiebt. Dann hilft auch kein Bommel mehr." Mit aufmerksamer Sorge hält er die Öldruckanzeige des 46 Jahre alten SKL-Schiffsdiesels (" Schwermaschinenbau Karl Liebknecht") fest im Blick. Neuere Schleusen haben Fangseile, sagt Nowak, um die empfindlichen Tore zu schützen, aber diese alten hier am Stichkanal Osnabrück kennen so etwas nicht. Die Nachrüstung lohnt nicht mehr, denn irgendwann sollen ja neue, größere Schleusenkammern kommen.
Das ständige Hintergrundrauschen im UKW-Sprechfunkempfänger verdichtet sich zu einer krächzenden Männerstimme. Was sie ausdrücken möchte, ist nur Eingeweihten zugänglich. " Das war der Schleusenmeister", hilft Nowak. " Er hat gesagt, dass wir die Besten sind. Und dann hat er freie Fahrt gegeben. Schleusenmeister sind wie Fluglotsen, nur mit weniger Knöpfen und Bildschirmen. Wenn er sagt: Ihr müsst warten′, dann müssen wir warten." Vor einschiffigen Strecken sei das ja auch anders nicht gut möglich.
917 Tonnen Wesersand, umgeben von Stahl und Schiffstechnik, schwimmen weiter Richtung Osnabrück. " Wir sind 40 Lkw das könnten wir eigentlich auf unsere Fahnen schreiben", schlägt Dartsch vor. Er weiß, dass dieses Argument bei allen umweltbewussten Menschen gut ankommt. Kein Verkehrsmittel verbraucht so wenig Energie pro Tonnenkilometer wie das Schiff. Auch die Bahn kommt da nicht mit. Obwohl die Reibung zwischen Schiffsbauch und Wasser um ein Vielfaches höher ist als die zwischen Waggonrad und Schiene. " Bei uns macht′s halt das gemütliche Tempo", sagt Nowak.
Tempo 10 ist die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Kanälen. Momentan zeigt das Log 4, 8 km/ h. Warum gibt Nowak nicht etwas mehr Füllung? Der Schleusenmeister in Hollage hat doch " freie Fahrt" gemeldet, also keinen Gegenverkehr. " Hier, wo der Kanal noch nicht ausgebaut ist, haben wir nur 50 Zentimeter Wasser unter dem Kiel. Wenn ich mehr Umdrehungen gebe, dann saugen wir uns fest, dann werden wir langsamer statt schneller." Von daher wünscht Nowak sich, dass bald alle Streckenabschnitte des Stichkanals ausgebaut sind. Denn mit der Verbreiterung geht auch eine Vertiefung von 2, 60 auf 4 Meter einher. Mit den jetzt geladenen 917 Tonnen hat die Wolfram 2, 20 Meter Tiefgang. Die Maximal-Zuladung von 1135 Tonnen hätte 2, 51 Meter Tiefgang zur Folge zu viel für das alte einschiffige Stichkanal-Profil. Die " verschenkten" 25 Prozent Ladung drücken auf die Wirtschaftlichkeit, wie Nowak und Dartsch immer wieder von ihrer Chefin, der Reederin Jutta Umlang, zu hören bekommen.
Vor dem Piesberger Hafen begegnet Wolfram eine Rotte von Kanufahrern. Sie wollen zurück in den kleinen Hafen der Wassersportvereine in Eversburg. Diszipliniert reihen sich alle dicht am Ostufer auf. Vorsichtshalber verlangsamt Nowak auf 3 km/ h. Auch auf den einschiffigen Strecken gebe es hier keine Probleme, lobt Dartsch: " Die Osnabrücker Wassersportler sind alle sehr vernünftig. Wenn die Ruderer uns kommen sehen, dann drehen die meistens um und fahren zurück in ihren Hafen." Auch die Schwimmer hätten Respekt. Ganz anders sei das auf dem Dortmund-Ems-Kanal in Münster oder noch schlimmer in Hannover. " Die beschimpfen uns, weil wir sie beim Wasserballspielen stören. Oder sie schwimmen auf uns zu und versuchen zu en-tern. Die wissen gar nicht, dass das lebensgefährlich ist."
Burkhard Nowak ist in Schwedt an der Oder zu Hause. Von seinen 53 Lebensjahren hat er 36 auf Binnenschiffen verbracht. Er begann als " Lehrling der Binnenschifffahrt" bei der VEB Binnenreederei Berlin 1972. In dem Jahr, in dem Mirco Dartsch geboren wurde. Da befuhr die Wolfram schon seit zehn Jahren die europäischen Flüsse und Kanäle. " Es ist ein solide gebautes Schiff mit noch ordentlichen Blechstärken", sagt Nowak über die 1962 in Boizenburg an der Elbe vom Stapel gelaufene Wolfram, die auch auf den vorpommerschen Boddengewässern fahren darf. Nur die Motorisierung ist nicht mehr ganz zeitgemäß. 420 PS geben nicht genug her für die Bergfahrt auf Rhein und Weser. Schiffsführers größter Wunsch ist ein Bugstrahlruder. Dann ließe sich die Wolfram viel besser manövrieren. Probleme gibt es bei Seitenwind und Leerfahrt, wenn der Schiffsrumpf hoch aus dem Wasser ragt und dem Wind eine große Angriffsfläche bietet. " Langsam in eineSchleuse einfahren geht dann gar nicht", sagt Nowak, " dann würden wir quer davorhängen." Er muss mit relativ hoher Fahrt versuchen, gerade in die Schleuse hineinzukommen. Ein riskantes Manöver. Mit Bugstrahlruder wäre alles viel einfacher.
Zur Stammbesatzung der in Hennigsdorf bei Berlin beheimateten Wolfram gehört außer Nowak und Dartsch noch ein Steuermann. Immer zwei von ihnen fahren, der Dritte hat frei. 28 Tage Dienst, 14 Tage Urlaub. " Man kann sich an den Rhythmus gewöhnen", sagt Nowak, " meine Frau allerdings nicht. Ich lebe jetzt allein." Dartsch ist verheiratet. Frau und Sohn fahren ab und an mit, was auch Nowak sehr schätzt. Dann gibt es mehr Abwechslung auf dem Speiseplan.
Zwei grüne Lichter zeigen an, dass die Haster Schleuse ihre Tore für die Wolfram geöffnet hat. Mit völlig entspannter Miene visiert Nowak die Schleusenkammer an. Schiff beladen, kein Seitenwind, Bergfahrt drei Faktoren, die zu seiner Entspannung beitragen. Auf dem Rückweg leer, denn Rückfracht gibt es in Osnabrück fast nie, dazu auf Talfahrt wird das ganz anders sein. " Dann sehe ich die Schleusenwände überhaupt nicht." Wenn nicht die gelbe Ansteuerungsbake mittig auf dem jenseitigen Schleusentor wäre, müsste Nowak sich blind auf die über Walkie-Talkie gegebenen Korrektur-Kommandos seines zweiten Mannes, der wieder mit dem " Bommel" vorn am Bug steht, verlassen.
Sehnen sich die Männer der Wolfram neue, größere, besser ausgestattete Schleusen für den Osnabrücker Stichkanal herbei? – " Nein, dann kommen hier auch die Holländer mit ihren 110 Meter langen Brummern hin und schnappen uns die Frachten weg. Lasst das man so!" Nowak hat davon gehört, dass im Osnabrücker Land derzeit über eine noch ganz andere Variante diskutiert wird: die Verlegung des Stadthafens nach Bohmte, direkt an den Mittellandkanal. Dann könnte die Stichkanalfahrt entfallen. Zeitersparnis inklusive der Schleusungen: durchschnittlich dreieinhalb Stunden für die Bergfahrt und zweieinhalb Stunden für die Leerfahrt zu Tal. Nowak und seiner Chefin wären diese sechs Stunden Ersparnis ziemlich egal. Dann wären die Frachtraten ja auch niedriger. Er selbst wäre einerseits ganz froh, wenn er den Stichkanal nicht mehr befahren müsste. Die Engstellen und Langsamfahrtstrecken seien schon recht nervig, solange der Ausbau nicht abgeschlossen sei. Die anderen Stichkanäle des Mittellandkanals, Hildesheim oder Salzgitter, ließen sich besser fahren. Andererseits schätzt er das ruhige Liegen im Osnabrücker Hafen und die Nähe zur Innenstadt. Die Pagenstecherstraße lasse keine Einkaufswünsche offen, auch wenn es um technischen Bedarf für das Schiff gehe.
An der Backbordseite kommt der Ladekai des Baustoffhandels Bergschneider in Sicht. Hier wird morgen früh die Ladung gelöscht. Doch vor dem Anlege- steht das Wendemanöver. Die Wolfram gleitet unter der Römereschbrücke hindurch auf das Wendebecken zu. " Wenden und Brückendurchfahrt gehen besser, solange wir noch beladen sind", klärt Nowak auf. Die Römereschbrücke ist eigentlich zu niedrig für Europaschiffe. Wenn sie leer sind, müssen sie ihr Steuerhaus absenken, eventuell zusätzlich Ballast bunkern. Wenn auch das nicht reicht, weiß Nowak noch eine andere Methode: " Mit mäßiger Fahrt heranschlendern. Vor der Brücke kurz auf Rückwärtsfahrt gehen, dann senkt sich der Bug. Wenn der Bug unter der Brücke hergetaucht ist, volle Kraft voraus geben. Dann senkt sich das Heck ab und passt auch drunter durch."
Nicht immer gelingen derartige Manöver. Havariespuren an der Unterseite der Brücke legen davon Zeugnis ab. Doch bei der Wolfram ist Luft genug. Sie ist ja schließlich noch beladen. Sie unterfährt die Brücke ein zweites Mal und legt bei Bergschneider an. Bis zum Löschen der Ladung am nächsten Morgen haben sie etwas Zeit für sich. Aber gleich nach dem Abendessen müssen sie sich um den Hilfsdiesel kümmern, der seit einiger Zeit " Geräusche macht". Und Papierkram erledigen. " So richtig Feierabend ist an Bord eigentlich nie", verkündet Nowak fröhlich, auch im 37. Berufsjahr als Binnenschiffer.

Bildtext: Stillleben bei fünf km/ h. Die MS Wolfram fährt aus nördlicher Richtung in die Hollager Schleuse. Der zweite Schiffsführer Mirco Dartsch (vorn am Bug) nimmt es gelassen denn es herrscht Windstille.
Etappenziel erreicht: Die Wolfram hat im Osnabrücker Hafen am Ladekai der Firma Bergschneider festgemacht.
Sandberge in der Haster Schleuse, der zweiten Treppenstufe im Stichkanal.
" Bei uns macht es das gemütliche Tempo", sagt der erste Schiffsführer Burkhard Nowak.
Autor:
Joachim Dierks


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