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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Jetzt ist auch noch das letzte Gasthaus dicht
Zwischenüberschrift:
In Pye fehlen Geschäfte: In dem Osnabrücker Stadtteil gibt es weder Lokal noch Apotheke
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Lebensmittelgeschäft? Fehlanzeige. Apotheke? Fehlanzeige. Und nun auch: Speiselokal? Fehlanzeige. Mit der Nahversorgung des Ortsteils Pye scheint es wie verhext. Ende Juli schloss mit der 180 Jahre alten Gaststätte Siebenbürgen der letzte Gastronomiebetrieb im Ortszentrum.
Das Gästebuch zählt viele Namen auf, die in Osnabrück einen guten Klang haben. Am Stammtisch genoss Fritz Wolff vorzugsweise selbst gemachte Sülze mit Bratkartoffeln, nachdem er den Aufstieg auf den Scheitelpunkt des Fürstenauer Wegs geschafft hatte. Siebenbürgens althergebrachte Schankraumeinrichtung stand Modell für viele Zeichnungen des Karikaturisten, mit denen er das Osnabrücker " Wirtschaftsleben" aufs Korn nahm.
Auch die weite Welt war zu Gast, Uwe Seeler und Schlager-Diva Andrea Berg genauso wie der russische Botschafter. Ortsrat und Bürgerforum tagten im Saal. In dem gleichen Saal, in dem Generationen von Fußball-Schiedsrichtern sich den letzten Schliff holten. Nicht wenige Hektoliter Bier flossen hier durch Piesberger Fußballer- und Schützen-Kehlen.
Hat der Durst der Pyer so stark nachgelassen? Wirt Jürgen Riepe: " Die Leute haben einfach das Geld nicht mehr im Portemonnaie, um ihr Feierabendbier zu trinken." Die verbliebenen Thekengäste seien vom Nichtraucher-Gesetz vertrieben worden. Zur Spitzenzeit hatten 35 Kegelclubs die Kegelbahnen regelmäßig belegt. Die Zeit ging am Kegelsport vorbei, nach und nach wurden es immer weniger.
Aber auch Riepes persönliche Lebensumstände spielten eine Rolle: Der 67-Jährige ist nach einer schweren Erkrankung Halb-Invalide und hat keinen Nachfolger. Eine erhebliche Steuernachforderung des Finanzamts gab den Rest. Im Juli stellte er Insolvenzantrag. Ein bitteres Ende nach 25 Jahren, in denen er und seine Ehefrau Marlies " alles gegeben haben, damit Pye einen lebendigen und gastfreundlichen Ortsmittelpunkt hatte", wie Jürgen Riepe mit Wehmut zurückblickt. Im Wirtshaus bleiben können sie auf keinen Fall. Wo sie demnächst wohnen werden, ist noch ungewiss.
Außer einer kleinen Siedlungskneipe am Ortsrand zu Hollage und einem Hof-Café ist Pye damit zu einer gastronomiefreien Zone geworden. Das Wirtshaus Ballmann, etwas unterhalb von Siebenbürgen am Fürstenauer Weg gelegen, präsentiert im Aushangkasten seit mehr als fünf Jahren eine komplett ausgeblichene Speisekarte, sonst nichts. Von der traditionsreichen Ausflugsgaststätte Urlage am Fuße des Piesbergs sind nicht einmal mehr die Grundmauern zu erahnen. Sie war der Erweiterung des Gewerbegebiets rund um das geplante Güterverkehrszentrum im Weg, von dem heute niemand mehr spricht. Im ehemaligen Café Kleinbuntemeyer an der Unteren Waldstraße ist jetzt eine Wohngemeinschaft für junge Frauen in Krisensituationen eingerichtet.
Wichtiger als Kneipen sind gerade für ältere Mitbürger Ladengeschäfte, die den täglichen Bedarf abdecken. Aber auch damit hat Pye ein Problem. Der Edeka-Supermarkt neben Ballmann am Fürstenauer Weg gab vor zehn Jahren auf. Seitdem versuchen ein Bäcker und ein Toto-Lotto-Laden das Überleben der Pyer mit Kleinsortimenten an Butter, Aufschnitt und Süßwaren zu sichern. " Wer hier kein Auto hat, oder Kinder, die mit ihm einkaufen fahren, der ist aufgeschmissen", sagt der 72-jährige Wilhelm Kavermann aus der Lechtinger Straße. Er hat noch das Glück, dass die Bushaltestelle für ihn nicht weit ist. So fährt er häufiger mit dem Bus nach Haste und bringt dann für eine alleinstehende Dame im Haus das Nötigste an frischen Lebensmitteln mit.
Seitdem die Post die Standorte der Kästen wieder einmal " optimiert" hat, haben ganze Wohngebiete wie das Waldstraßenviertel rund um die Matthiaskirche keine Briefeinwurfmöglichkeit mehr. Einen Allgemeinmediziner und eine Zahnärztin gibt es zwar, aber angesichts der vielen jungen Familien in den Neubaugebieten Auf der Hegge und Süver Hang fehlt ein Kinderarzt, ganz zu schweigen von einer Apotheke.
Es gibt wohl niemanden in Pye, der es nicht als wohltuende Aufwertung des Ortsteils anerkennt, was rund um Piesberg, Industriemuseum und Gesellschaftshaus alles auf die Beine gestellt wird. Doch genauso oft hört man als Nachsatz: Events am Wochenende können den Mangel an täglich notwendiger Nahversorgungsinfrastruktur nicht ausgleichen.
Der Ratsvorsitzende Josef Thöle (CDU) kennt als ehemaliger Ortsbürgermeister die Sorgen und Wünsche seiner Pyer Mitbürger gut. Er warnt allerdings vor zu hohen Erwartungen an die Politik: " Wir können keinen Herrn Edeka und keinen Herrn Lidl zwingen, hier ein Geschäft aufzumachen. Die rechnen immer ganz gern selber."

Das Ergebnis der Rechenaufgabe ist seit Jahren konstant: Weniger als 5000 Menschen im Einzugsgebiet halten keinen Supermarkt am Leben. Wenn Süver Hang voll besiedelt ist, wird die Einwohnerzahl Pyes von 3300 auf 3500 angewachsen sein noch kein Quantensprung, der einen Discounter aktiv werden lässt.
Thöle weist in allen Gesprächen mit Ansiedlungsinteressenten jedoch auf die " durchpendelnde Kaufkraft" hin: " Das sind jeden Tag mehrere Hundert Osnabrücker und Hollager, die über den Fürstenauer Weg ein- und auspendeln und die ohne großen Zeitverlust und Umweg hier elegant einkaufen könnten, wenn etwas da wäre."
Nun schauen die Kommunalpolitiker erst einmal auf den 29. September, für den die Zwangsversteigerung des Gasthauses Siebenbürgen anberaumt ist. Riepe weiß von zwei ernsthaften Interessenten, die jeweils mit Brauerei-Unterstützung den Gasthofübernehmen wollen. Der Standort als Ausflugslokal für die wachsende Menge an Besuchern des Landschafts- und Kulturparks Piesberg gilt als sehr attraktiv.

Bildtext: Zapfenstreich: Wirt Jürgen Riepe schließt die Tür zur Pyer Traditionsgaststätte Siebenbürgen damit gibt es in dem Osnabrücker Stadtteil erstmals seit vielen Jahren kein Wirtshaus mehr. Fotos: Joachim Dierks

Stillleben in einem Gasthaus: Diese Flaschen werden nicht mehr am Tresen ausgeschenkt.
Autor:
Joachim Dierks


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