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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Eine Kaserne im Wartestand
Zwischenüberschrift:
Vor der Schlüsselübergabe: Der letzte Stubendurchgang in Eversburg
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Im Büro von Steve Shirley hängen zwei große Schlüsselkästen. Jeder fasst 48 Haken, und die meisten sind mittlerweile belegt. Jedes Mal, wenn der Stabsfeldwebel ein weiteres Schlüsselbund hinzufügt, ist ein Gebäude mehr geräumt und abgehakt: " Bald haben wir nichts mehr zu tun", sagt der Unteroffizier, " dann ist die Kaserne leer."
In wenigen Tagen, am 25. September, werden die Quebec Barracks in Eversburg geschlossen. Stabsfeldwebel Shirley wird dann seinen Schlüsselkasten samt Inhalt an Klaus Thörner von der Osnabrücker Außenstelle der Bundesanstalt für Immobilienaufgabenübergeben.
Es ist die erste Kasernen-Übergabe seit 20 Jahren und der Auftakt zum vollständigen Briten-Abzug aus Osnabrück, der sich in den nächsten Monaten vollzieht. Militärischer Gruß, Händedruck und Schlüsselübergabe dahinter steht allerdings auch ein hoheitlicher Akt: 370 410 Quadratmeter Grund und Boden mit immerhin 89 Gebäuden wechseln dann aus der britischen Verwaltung und dem NATO-Truppenstatut in die Zuständigkeit der Bundesrepublik Deutschland. Die wird dabei vertreten durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, kurz Bima genannt.
Vorher allerdings hatten Stabsfeldwebel Shirley und seine Leute viel zu tun. Sie mussten den großen Kehraus in der Kaserne für ihre Kameraden machen. Hauptsächlich Pioniere und Funker, das 21. Engineer Regiment und die 204. Signal Squadron, dazu das Hauptquartier der 4. Mechanisierten Brigade und die Verwaltung der Osnabrücker Garnison waren einmal in Eversburg stationiert. " Die meisten Einheiten sind nach dem Einsatz im Irak gar nicht wieder hier eingerückt", so berichtet die rechte Hand des Regiments-Quartiermeisters, " die gingen gleich nach England zurück."
Was also war zu tun, um eine komplette Kaserne übergabefertig zu machen? Wie bei jedem Umzug lautet das Motto: Alles muss raus. Jede Unterkunft, jede Werkstatt, ob Küche oder Turnhalle alles soll besenrein übergeben werden, so sehen es die Verabredungen mit der Bima vor. Und weil hier in Eversburg einmal gut 400 Männer und Frauen gelebt haben, bedeutet das unter anderem auch 400 Betten, Matratzen und Decken sowie 800 Spinde (jeder Soldat hat Anspruch auf zwei Schränke) zu entsorgen.
" Was noch verwertbar ist, wurde an andere Einheiten abgegeben oder verkauft", berichtet Steve Shirley, " der Rest ging auf den Müll". Immerhin 44 Container Restmüll kamen so zusammen, neben 42 Containern mit Schrott. Außerdem mussten alle Tankanlagen entleert und mit Stickstoff befüllt werden. Der Geschossfangsand aus den Schießständen, die Rückstände der Benzinabscheider aus den Tankstellen, Fett- und Stärkeabscheider aus den Küchen wurden ebenfalls von Spezialfirmen entsorgt.
Bei seinem letzten Stubendurchgang präsentiert der Stabsfeldwebel Steve Shirley jetzt eine nahezu klinisch saubere Kaserne: Der plüschweiche Teppichboden im Offizierskasino ist frisch gesaugt, die Flure in den Mannschaftsblocks sind gekehrt. Und in den topmodernen Appartements der gerade mal vor vier Jahren eingeweihten neuen Unterkünfte hat ein guter Geist die Schubladen der Einbauschränke stufenartig aufgezogen, damit es keine Stockflecken gibt. In der Turnhalle hängt noch ein trotziges Plakat: " Only the strong will survive."
Wäre da nicht in den flachen Wohnblocks bis vor acht Wochen noch belegt mit 32 Mann in Zweier- und Vierer-Stuben jener spezifische Geruch nach Dachpappe, Duschraum und ungelüfteten Klamotten, wie er wohl in jeder Kaserne auf ewig in den Ritzen hängt: Man könnte über die Tatsache hinwegsehen, dass es sich um eine mehr als 70 Jahre alte militärische Einrichtung mit einer grausigen Vorgeschichte handelt.
Denn die Kaserne an der Landwehrstraße wurde bereits ab 1935 für die Wehrmacht gebaut. Nach dem Frankreichfeldzug wurden hier französische Kriegsgefangene eingeliefert. Und die lösten dann nach dem Überfall auf Jugoslawien im Jahr 1941 bis zu 6000 serbische Offiziere ab. Oflag VI C hieß die Einrichtung fortan: Etwa 30 Baracken, meist aus Holz und wenige aus Ziegeln gemauert, umgeben von vier Meter hohem Stacheldraht.
In jeder Baracke waren 140 bis 200 Mann zusammengepfercht, je 20 schliefen in einem Raum. In einigen extra abgeteilten Blocks lebten etwa 400 jüdische Offiziere und Kommunisten. " Nur die Generäle schliefen einzeln", heißt es in einer Dokumentation mit den Erinnerungen der Überlebenden, die eine Klasse der Außenstelle des Ratsgymnasiums in Eversburg vor Jahren einmal zusammengetragen hat. Auch die Verpflegung sei schlecht gewesen: " Es war zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig."
Besonders grauenvoll muss ein Luftangriff gewesen sein, der das Lager am 6. Dezember 1944 traf. Bunker waren für die Gefangenen nach der Logik der Nazis nicht vorgesehen. Allein 118 Gefangene starben deshalb, als eine Sprengbombe die Baracke 10 traf; Zeitzeugen haben den Schülern des Ratsgymnasiums von grauenhaften Bildern berichtet: Sogar " brennende Leichen" hätten im Lagerzaun gehangen.
Die Toten des Lagers sind auf dem Eversburger Friedhof begraben. Das Lager wurde 1945 aufgelöst; viele der königstreuen serbischen Offiziere blieben aber in Osnabrück und gründeten hier später die eigene serbisch-orthodoxe Gemeinde.
Die erhaltenen Wehrmachtsbauten im Lager an der Landwehrstraße übernahm die britische Besatzungsmacht und nutzte sie bis heute. Von der Wache über Unterkunftsbaracken bis zum jetzigen NAAFI-Club stammt etwa ein Viertel der Gebäude noch aus der NS-Zeit. Ein Großteil wurde Anfang der 50er Jahre möglicherweise auf vorhandenen Fundamenten errichtet.
Eine letzte sehr ehrgeizige Ausbauphase gab es dann noch einmal im Jahr 2003. Damals sollten insgesamt 50 Millionen Euro in den Standort Osnabrück investiert werden. Auch wenn diese Pläne schnell zu Makulatur wurden: Aus dieser Bauphase stammen eine moderne Turnhalle, eine Feldwebelmesse mit Küche und Speisesaal, eine riesige Werkstatthalle sowie zwei moderne Wohnblocks mit je 54 Einzel-Appartements.
Alle Neubauten wurden aus britischen Steuermitteln bezahlt, so wie auch die Gebäudeunterhaltung: " Jährlich 12 Millionen Euro" habe sein Etat in den guten Jahren enthalten, berichtet Neil Sinclair, als Liegenschaftsverwalter der Garnison Osnabrück der Herr über 600 Kasernengebäude und 2500 Wohnungen in Osnabrück und Münster, " das Geld für die Neubauten nicht mitgerechnet."
Wie viel der britische Schatzkanzler von diesen Investitionen am Standort Osnabrück einmal zurückbekommt, ist noch offen. Klaus Thörner, bei der Bima in Osnabrück für die Liegenschaftsverwaltung zuständig, kann deshalb keine konkreten Zahlen nennen: " Die Grundstücke waren immer Bundeseigentum. Und die Gebäudeinvestitionen werden verrechnet. Aber dabei kommt es ganz entscheidend auf die Nachnutzung an."
Eine Bildergalerie
unter www.neue-oz.de

Bildtexte: Aus und vorbei: An die 30 Mann haben bis vor wenigen Wochen noch in dieser Baracke aus der Wehrmachtszeit gelebt.
Einzel-Appartements in den Wohnblocks kosteten auch eine höhere Miete, die vom Sold abgezogen wurde.
Topmodern ist die Werkstatthalle mit insgesamt zwölf Fahrgassen, groß genug für Panzer und schwere Lkw.
Very british: In Eigenarbeit machten es sich die Soldaten in ihren Quartieren gemütlich.
Jedes Schlüsselbund steht für ein geräumtes Gebäude.
Fotos von Jörn Martens
Autor:
Frank Henrichvark


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