User Online: 1 | Timeout: 02:10Uhr ⟳ | Ihre Anmerkungen | NUSO | Info | Auswahl | Ende | AAA  Mobil →
NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Datensätze des Ergebnis
Suche: Auswahl zeigen
Treffer:1
Sortierungen:
Anfang der Liste Ende der Liste
1. 
(Korrektur)Anmerkung zu einem Zeitungsartikel per email Dieses Objekt in Ihre Merkliste aufnehmen (Cookies erlauben!)
Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Nazis aus der ersten Reihe
Zwischenüberschrift:
Sebastian Weitkamp sprach im Museum über Topografien des Terrors in Osnabrück
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. In Osnabrück sind die Nationalsozialisten ebenso wenig vom Himmel gefallen wie in anderen Städten. Sie konstituierten sich Mitte der 20er Jahre und fanden schnell Anhänger. Dass es Männer aus angesehenen Berufen in die Parteigliederungen zog und dass inmitten des Terrorapparats Eitelkeit, Neid und Intrigen herrschten, offenbarte ein Vortrag des Historikers Dr. Sebastian Weitkamp im Kulturgeschichtlichen Museum.
Weitkamp rechnete vor, dass Osnabrück rasch in den Sog des Nationalsozialsimus gezogen wurde. Erste Aktivitäten der NSDAP datiert er in seinen " Topografien des Terrors" auf 1924. Vier Jahre später wurde der spätere SA-Chef Dr. Otto Marxer in den Stadtrat gewählt. 1932 sprach Adolf Hitler auf dem Klushügel vor 25 000 Menschen. Ebenso viele Stimmen bekam die NSDAP kurz darauf bei der Reichstagswahl.
Den schnellen Aufstieg der Nazis in Osnabrück schreibt Weitkamp dem Umstand zu, dass sie von Kräften der gesellschaftlichen Mitte mitgetragen wurden. Widerstand gab es kaum, politische Gegner wurden eingeschüchtert, in Arbeitserziehungslager geschickt und zu Tode gequält.
Zu Schlägereien in Straßen oder Kneipen zwischen SA-Truppen und Kommunisten sei es auch in Osnabrück gekommen, erklärte der Historiker, ohne dass es hier, wie in anderen Städten, Tote gab. Anfang der 30er Jahre habe allerdings ein SA-Mann Selbstmord begangen. Für SA-Chef Otto Marxer offenbar ein gefundenes Fressen, ihn zum " Opfer der Weimarer Republik" zu stilisieren.
Für Weitkamp gehört Marxer zu den Männern, die dem Terrorapparat in Osnabrück ihren Stempel aufgedrückt haben. Der 1896 in Augsburg geborene Zahnarzt war Ratsherr, SA-Gründer und kurzzeitig Gestapo-Chef. Als er die ihm versprochene Beamtenstelle nicht bekam, ging er in die Münchner SA-Zentrale. 1942 fiel er als Soldat an der Ostfront.
Als " Opfer" parteiinterner Grabenkämpfe sieht Weitkamp den NS-Funktionär Ernst Bischoff (geboren 1895), der zunächst Angestellter im Eisenbahnsignalwerk Georgsmarienhütte war und später eine Stickerei betrieb. 1933 wurde er bezahlter SA-Chef in Osnabrück, verlor seinen Posten aber 1934. Per einstweiliger Verfügung wurde der kurz nach dem Röhm-Putsch aus der Partei ausgeschlossen. Nach den Recherchen des Historikers ist Bischoff angeschwärzt worden, weil er eine Kaisergeburtstagsfeier im Hotel Schaumburg genehmigt haben soll. Bischoff klagte gegen seine Degradierung und durfte schließlich doch in der SA bleiben.
Auch in der Osnabrücker SS gab es Skandale, die aber offensichtlich unter der Decke blieben. 1939 wurde der Obersturmbannführer Hubert Mindermann aus der SS ausgeschlossen. Begründung: Ordensmissbrauch. Sebastian Weitkamp fand Hinweise auf eine " schwarze Kasse", aus der sich die Führungsclique bediente.
In seinem Vortrag richtete der Historiker seinen Blick auch auf Täter in der zweiten Reihe. Einer von ihnen war der 1890 geborene Ingenieur Rudolf Arnoldi, der schon seit September 1922 der NSDAP angehörte. Er brachte es in Osnabrück zum Stadtrat, zum Stellvertreter von NS-Kreisleiter Willi Münzer und zum Polizeidezernenten. Weitkamp bezeichnet Arnoldi als " überzeugten Antisemiten". So habe er einmal eine Friseurin bezichtigt, zwei jüdischen Frauen die Haare geschnitten zu haben.
In der Partei konnte aber auch ein Maler und Kunsterzieher Karriere machen. Ein markantes Beispiel ist für Weitkamp der 1889 geborene Maler Wilhelm Renfordt, der zum SS-Untersturmbannführer aufstieg und von 1938 bis 1944 die Städtische Kunstschule leitete. Nach dem Krieg wurde er als " Mitläufer" entnazifiziert und arbeitete bis zu seinem Tod 1950 in seinem Atelier an der Herderstraße. Fünf Jahre später brachte das Museum den Kunstführer " Fünf Osnabrücker Maler" heraus, der auch Renfordts Werk ausdrücklich würdigt. Seite an Seite mit Felix Nussbaum, den die Nazi-Schergen 1945 in Auschwitz ermordet haben.

Bildtext: Die erste Garde der Osnabrücker Nazis: Das Foto von 1934 zeigt den stellvertretenden Kreisleiter Rudolf Arnoldi, NS-Gauinspekteur Fritz Wehmeier, SA-Stabschef Victor Lutze, Regierungspräsident Bernhard Eggers und NS-Kreisleiter Willi Münzer./ Die Täter im Blick: der Historiker Sebastian Weitkamp. Foto: Lewandowski
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


Anfang der Liste Ende der Liste