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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
"Hier ist doch mein Zuhause"
 
Arbeit im Namen eines italienischen Heiligen
Zwischenüberschrift:
Bis zu 500 Kinder werden pro Jahr im Don-Bosco-Heim aufgenommen – Die Zahlen steigen
 
Seit 51 Jahren existiert das Don-Bosco-Heim
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück. Wenn Leon (Name geändert) über die Sommerferien spricht, beginnen seine Augen zu leuchten, und er gestikuliert aufgeregt. Der Zehnjährige will ausgiebige Radtouren unternehmen und endlich Schwimmen lernen.
Leon lebt in einem Außenhaus des Don-Bosco-Heims. " Das ist okay", sagt er. Zweimal in der Woche sieht er seine Eltern während der Besuchszeiten. " Immer wenn ich bei ihnen war, bin ich sehr, sehr fröhlich", erzählt Leon. Er vermisst sie. Viel lieber würde er bei ihnen leben. " Aber dann hat Mama zu viel Stress."
Leon hat Glück und eine Perspektive. " Viele Kinder haben keine Ahnung, wo sie in einer Woche sind", sagt Christoph Flegel, Leiter von Don Bosco Katholische Jugendhilfe. Er spricht von den Kindern, die vorübergehend in der Notaufnahme leben. Ihre Eltern sind psychisch krank, überfordert, die Kinder werden vernachlässigt oder misshandelt. Die Zahl der Kinder, die das Don- Bosco-Heim aufnimmt, steigt. " Die Not in der Gesellschaft wird größer", sagt Christoph Flegel. Manchmal stoßen er und seine Mitarbeiter an Grenzen. Mit seiner ruhigen Stimme erzählt er Unglaubliches. Er berichtet von einem Jungen, der sich geschämt hat, in die Schule zu gehen, weil er keine Schuhe hatte. Er schildert Fälle von Mädchen und Jungen, die zu Hause auf sich allein gestellt sind und Hunger haben. Ihnen knurrt nicht nur der Magen, sie sehnen sich auch nach menschlicher Nähe, weil sie nicht ernährt und nicht emotional versorgt werden. Diese Kinder fragen bei ihrer Ankunft im Don-Bosco-Heim nicht nachGameboys oder schicken Klamotten, sondern nach Essen und etwas zum Anziehen.
Im Don-Bosco-Heim beschäftigt sich ein Betreuer mit den Neuankömmlingen. Die Kinder bekommen Nahrung, sie werden neu eingekleidet, jemand kümmert sich um sie, spricht mit ihnen und nimmt sich Zeit. Viele Kinder sind traurig und haben Heimweh. Andere sind froh, dass sie von zu Hause weg sind. Manche Kinder zeigen keine Gefühlsregungen. " Das sind die Auffälligsten", sagt Flegel.
Die Mitarbeiter des Don-Bosco-Heims suchen nach der Grundversorgung der Kinder das Gespräch mit den Eltern und dem Jugendamt, um über die Zukunft des Kindes zu reden. Manchmal wird es nach zwei Stunden von einem Verwandten abgeholt, manchmal bleibt es Monate.
Leon ist eins von 200 Kindern im Alter von 0 bis 20 Jahren, die von der Don Bosco Katholischen Jugendhilfe aufgenommen wurden. Seit Anfang Januar wohnt er in einem Außenhaus desDon-Bosco-Heims in Haste. Sein kleiner und sein großer Bruder leben im Haupthaus in der Dodesheide. Leon geht in die dritte Klasse. Er ist Fan von Tokio Hotel und steht auf schnelle Autos. Seine Wände sind ebenso mit Postern tapeziert wie die von seinem Kumpel Steven.
Steven (Name geändert) möchte nicht erzählen, warum er im Heim lebt. Er erzählt aber, dass er die Fußballer Michael Ballack aus Deutschland und Michael Owen aus England toll findet. " Ich bin so′n halber Engländer", sagt er flapsig. Sein Vater kommt aus Liverpool. Bei ihm schläft er alle zwei Wochen, und Steven hofft, dass er seinen Papa oft in den Ferien sehen kann. Über seine Mutter erzählt der Zwölfjährige nichts. " Mama ist tot", sagt er in sich gekehrt.
Lena, Johanna und Jonas (Namen geändert) sind Geschwister. Sie leben in einem anderen Außenhaus. Das Trio blickt den Ferien mit zwiespältigen Gefühlen entgegen. Sie freuen sich auf den Urlaub in Bayern. Lena, die Älteste, zieht Ende Juli ins Saarland. Jonas feixt: " Endlich bin ich sie los." Er kann nicht zugeben, dass er seine große Schwester vermissen wird.
Für Lena ist es nicht der erste Umzug. " Ich kann mich gar nicht mehr an alle erinnern", sagt sie. Sie selbst ist in Dortmund geboren, Johanna in Hannover und Jonas in Cuxhaven. Die Mädchen haben den gleichen Vater. Erinnern können sie sich nicht an ihn. Ihre Mutter lebt in einer etwa 150 Kilometer von Osnabrück entfernten Stadt mit ihrem neuen Freund.
Pro Jahr durchlaufen bis zu 500 Kinder das Don-Bosco-Heim. In der Notaufnahme hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Zahl der Kinder verdreifacht, berichtet Christoph Flegel. Er spricht von einer Herausforderung und davon, dass mehr Personal eingestellt und durch Anmietung und Umgestaltung mehr Raum entstanden ist. " Wir wollen das schaffen. Das ist auch der Leitgedanke von Don Bosco."
In ihren eigenen vier Wänden lebt seit zwei Wochen die 17-jährige Carola (Name geändert). Die Wohnung befindet sich aber auf dem Gelände des Don-Bosco-Heims. Carola wohnt dort zur Probe. Sie genießt die Ruhe und will in den Ferien Kraft tanken, um Bewerbungen zu schreiben. Sie möchte Hauswirtschafterin werden. Jetzt kocht sie zwar nur für sich selbst, aber sie hat auch schon die anderen Kinder in ihrer Wohngruppe bekocht.
Wenn alles klappt, kann Carola bald auf eigenen Füßen stehen und das Don-Bosco-Heim verlassen. Dort lebt sie seit sechs Jahren. Ihr Stiefvater hat sie geschlagen. Deshalb hat sie ihr Elternhaus verlassen. Carola ist ein lebensfroher Mensch. Sie blickt optimistisch in die Zukunft. Der Abschied vomDon-Bosco-Heim würde ihr aber nicht leichtfallen: " Hier ist doch mein Zuhause."
Bildtexte: Im Toberaum des Don-Bosco-Heims können Mädchen und Jungen durch die Luft fliegen und auch mal Dampf ablassen. Fotos: Jörn Martens
Der Gameboy vertreibt in den Ferien die Langeweile. Glücklich ist, wer einen besitzt.
Spielplätze finden die Kinder, die im Don-Bosco-Heim leben, quasi direkt vor der Haustür. Viele Mädchen und Jungen sehen ihre Eltern nicht häufig in den Sommerferien. Manche Kinder nutzen die schulfreie Zeit, um die Weichen für ihre Zukunft zu stellen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Seit 51 Jahren existiert das Don-Bosco-Kinderheim in Osnabrück in Trägerschaft des Bischöflichen Stuhls zu Osnabrück. Es ist neben einer Einrichtung im bayrischen Penzberg das einzige Kinderheim in Deutschland, das den Namen des italienischen Heiligen trägt.
200 Kinder leben momentan in den Wohngruppen auf dem Gelände des Don-Bosco-Kinderheims in der Dodesheide und verschiedenen Außenwohngruppen. Etwa 140 Mitarbeiter kümmern sich um sie. Sie betreuen die Angehörigen und Familien der Kinder. Gemeinsam mit dem Jugendamt und wenn nötig dem hauseigenen psychologischen Dienst wird versucht, die Lebenssituationen der Kinder und ihrer Eltern zu verbessern.
Die Grundlage der Arbeit von Don Bosco Katholische Jugendhilfe sind christliche Werte. Den Kindern und Jugendlichen soll ein christliches Menschenbild vermittelt werden, das auch Toleranz zu anderen Religionen und Weltanschauungen beinhaltet.
Vorbild und Namenspatron ist der 1815 geborene italienische Priester Giovanni Melchiorre Bosco, der später nur Don Bosco genannt wurde. 1841 wurde er zum Priester geweiht und begann, für arme und benachteiligte Jugendliche in Turin zu arbeiten. 1872 gründete er gemeinsam mit der später heilig gesprochenen Maria Mazzarello die Ordensgemeinschaft der " Töchter Mariens, Hilfe der Christen". Ziel beider Vereinigungen blieb die Erziehung und Fürsorge für arme und benachteiligte Jugendliche.
Am 31. Januar 1888 starb Don Bosco in Turin. 1934 wurde er durch Papst Pius XI. heilig gesprochen.
Bildtext: Für 200 Kinder ist Christoph Flegel zuständig. Der Leiter des Don-Bosco-Heims ist zudem Ansprechpartner für 140 Mitarbeiter, die in der Anlage in der Dodesheide und mehreren Außenwohnanlagen tätig sind Foto: Jörn Martens
Autor:
Thomas Wübker


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