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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Das geht mir ins Ohr
Zwischenüberschrift:
Wenn im Zug das Handy klingelt
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Der Haller Willem rollt in den Bahnhof Sutthausen ein, als es klingelt. Ein schlichtes Klingeln. Keine plärrende Melodie, keine schreiende Kinderstimme " Papa, Telefon!". Einfach nur ein Klingeln. Es bricht ab: " Hallo?"
Ich unterbreche die Lektüre von Tintenherz, Seite 397( das ist die Stelle, an der Staubfinger in Capricorns Kirche in einem Netz von der Decke baumelt) und blicke über die Sitze. Eine Dame, die nach meiner vorsichtigen Altersschätzung etwa Marion oder Mechthild heißen dürfte, drückt ihr Handy ans Ohr. Sie schaut aus dem Fenster auf den Sutthauser Bahnhof, scheint aber etwas ganz anderes zu sehen. Den " Achim" vielleicht, der, wie ich unfreiwillig erfahre, " Urlaub hat" und " nach Nordenham kommt". Was immer Achim dort will: Ich habe eigentlich keine Lust, Ohrenzeuge privater Konversation zu werden. Aber Motoren und Klimaanlage der Nordwestbahn schnurren so leise, dass jedes Wort zu hören ist. Schlimmer noch. Die Dame hebt die Stimme, als müsste sie selbst die Distanz zum Gesprächspartner überwinden und nicht das Handy.
" Thomas" kommt jetzt ins Spiel. Der macht " Public Viewing".
Ich merke auf.
" Im Garten."
Aha, wie schön.
" Das ist richtig sein Ding, so was. Klar, gucke ich mir das Spiel an."
Sie interessiert sich für Fußball!
" Das Eröffnungsspiel."
Jetzt kann ich doch eine leichte Sympathiewelle nicht mehr abwehren.
" Österreich gegen . . . ach, weiß ich auch nicht. Is egal."
Meine Sympathie erleidet einen herben Rückschlag. Das kann auch " Thomas" nicht mehr verhindern, der " die Getränke besorgt".
Ich entschließe mich, meiner Mitreisenden den Namen Monika zu geben, wo ich doch so intensiv Anteil an ihrem Leben nehmen darf. Dieser Gedanke trägt mich einen Augenblick fort, und ich verpasse den Anschluss. Schweigen im Waggon. Hat Monika aufgelegt? Ich blicke über die Sitze. Nein, sie hört zu, nickt. Ich bin erleichtert: Meine Fahrt wird nicht in Einsamkeit zu Ende gehen.
" Ich weiß nicht . . . könnte sein, dass mein Akku gleich streikt . . ."
Aber doch bitte nicht, bevor wir in Wellendorf sind. Monika ist der Typ von Handy-Quatschern, die glauben: Je kleiner das Gerät, um so lauter muss man reden. Warum auch immer. Ich habe auch schon den Geheimagenten-Typ erlebt, der die Hand beim Reden vor den Mund hält, als wollte er verhindern, abgehört zu werden. Der telefoniert diskret. Gut so. Und dann gibt es den Gute-Kinderstube-Typ, der den Waggon oder das Restaurant zum Telefonieren verlässt. Noch besser.
Der Bahnhof Wellendorf kündigt sich an. Mein Buch ist immer noch auf Seite 397 aufgeschlagen( Staubfinger hängt weiter an der Decke). Männer können eben nicht zwei Sachen gleichzeitig. Lesen und Telefonat abhören, das geht nicht.
Als ich beim Aussteigen an Monika vorbeigehe, hat sie immer noch das Handy am Ohr. Da trifft mich mit einem Schlag die Erkenntnis. Na klar. Monika ist eine Professionelle. Sie ist in Wahrheit eine Schauspielerin und von der Nordwestbahn geschickt, die Reisenden zu unterhalten. Genialer Schachzug! Danke, Nordwestbahn, das war eine sehr kurzweilige Fahrt.
Autor:
Wilfried Hinrichs


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