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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Lehrer und Schüler müssen sich anschreien
Zwischenüberschrift:
Unterricht in Raum E 24 am Pottgraben: Der Nachhall betäubt Gehör und Geist
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. " Wie bitte was haben Sie gerade gesagt?" Lehrer Erwin Schröder versteht seine Schülerin nicht, und seine Schüler verstehen ihn auch schlecht. Das hat keine tieferen psychologischen, sondern schlicht akustische Gründe.
Im Unterrichtsraum E 24, in dem Erwin Schröder arbeitet, klingt es wie in einem alten Hallenbad. Der Raum in der Berufsbildenden Schule (BBS) am Pottgraben hat eine viel zu lange Nachhallzeit.
Im lauten Quietschen der Kreide geht unter, ob Erwin Schröder gerade von " Zellen" oder etwas " Speziellem" spricht. " Es ist wichtig, dass . . ." – Was? Das war nicht zu verstehen. Die Schülerinnen und Schüler im Fach Gesundheit verhalten sich ruhig und interessieren sich für das heutige Thema " Ursachen und Folgen von Lebensmittelvergiftungen". Aber nur mit großer Mühe und unter Stress ist es möglich, zu hören und zu erfassen, worum es dabei geht.
Ein harter Boden, glatte Wände und Decken lassen den Schall zu lange nachklingen. Man nennt das " Nachhallzeit". Herrscht in einem Raum eine zu lange Nachhallzeit, so werden die Worte durch den Nachhall der kurz zuvor gesprochenen Silben verdeckt. Es kommt zu Sprachverzerrungen. Außerdem bleiben Geräusche wie Stühlerücken, Husten und Klappern mit Stiften zu lange im Raum. Die Folge: Der Lärmpegel steigt.
Orientierungswert für einen akustisch guten Unterrichtsraum ist eine Nachhallzeit von 0, 5 bis 0, 7 Sekunden. In Raum E 24 der BBS Pottgraben wurde eine Nachhallzeit von 1, 7 Sekunden gemessen.
Als Lehrer Erwin Schröder die Schüler auffordert, in Kleingruppen zu arbeiten, beginnt das große Stühlerücken: Der Geräuschpegel steigt deutlich an. Die Schüler sollen sich über die Inhalte austauschen da wird es richtig laut. Denn sie verstehen schlecht, was die Mitschüler in der Gruppe sagen, müssen nachfragen und laut sprechen, um sich Gehör zu verschaffen.
Probleme mit der Akustik ihrer Unterrichtsräume haben sehr viele Schulen in Osnabrück. Besonders die Altbauten sind betroffen. Bei Neubauten wird heutzutage von Anfang an ein Akustiker in die Planungen mit einbezogen. Für den Frontalunterricht, der früher üblich war der Lehrer spricht, die Kinder haben still zuzuhören –, sind die alten Klassenräume gut genug. Aber für Unterricht nach neuen pädagogischen Konzepten, in denen Schüler lernen, miteinander zu kommunizieren und zu handeln, sind sie nicht wirklich geeignet. Steigt der Lärmpegel aufgrund der langen Nachhallzeit an, sinkt bei vielen die Konzentration rapide.
" Wir beobachten, dass sich das Verhalten der Schüler dann deutlich ändert", so Klaus Kafsack, kommissarischer Leiter der BBS Pottgraben. Einige Schüler werden immer lauter, andere reagieren mit Rückzug, weil sie unter diesen Bedingungen nichts kapieren. Gerade Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund sind darauf angewiesen, dass Sprache optimal verständlich bei ihnen ankommt. Weil Deutsch meistens nicht ihre Muttersprache ist, fällt es ihnen noch viel schwerer, in schlechter Akustik dem Unterricht zu folgen.
Mit Bedauern stellt Kafsack fest, dass es besonders diese Kinder und Jugendlichen sind, die sich bei schlechter Raumakustik " ausklinken" aus dem Unterricht. " Ich bekomme hier Stress im Kopf!" Jasmin Ordu ist erleichtert, als sie nach einer Stunde Unterricht den halligen Raum E 24 verlassen darf. " Bei der Gruppenarbeit konnte ich die anderen kaum verstehen. Selbst das Rascheln von Papier ist hier laut."
Am meisten zu leiden haben die Lehrer unter dem Lärm. Sie sind älter, dadurch meistens empfindlicher und arbeiten jahrelang im Lärm. In Befragungen steht der Lärm am Arbeitsplatz Schule als größte Stressquelle auf Platz 1. Tinnitus und Lärmschwerhörigkeit sind bei ihnen anerkannte Berufskrankheiten. Viele entwickeln im Lärmstress erhöhten Blutdruck und dauerhaft erhöhten Puls. Weil sie zu laut und mit erhobener Stimme sprechen müssen, stellen sich Probleme mit den Stimmbändern und am Kehlkopf ein.
" Wenn ich hier rauskomme, bin ich immer erschöpft!" Lehrer Erwin Schröder ist genervt von den Umständen, unter denen er Unterricht halten muss. " Immerzu muss man fragen, ob die Schüler verstanden haben, man wird nervös und gereizt, vielleicht auch ungerecht. Das geht zulasten der Schüler."
Am stärksten durch Lärm belastet sind Sportlehrer, die in den Hallen Spitzenwerte bis zu 100 Dezibel ausgesetzt sind. Auch wenn es vielen Sportlehrern Freude macht zu hören, wenn ihre Schüler mit Begeisterung bei der Sache sind an einem Arbeitsplatz in der Industrie müssten sie längst Gehörschutz tragen. / Bildtext: Es hallt so laut im Raum E 24 an den Berufsbildenden Schulen am Pottgraben, dass Lehrer Erwin Schröder die Jugendlichen fast anschreien muss, um sich Gehör zu verschaffen (wie auf diesem Foto nachgestellt). Monique Matschulat (links) und Jasmin Ordu (rechts) nervt der Dauerlärm, der durch den extrem späten Nachhall in dem Klassenraum entsteht. Foto: Gert Westdörp
Autor:
Gunhild Seyfert


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