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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Endlich mal zur Ruhe kommen
Zwischenüberschrift:
Raum der Stille im Bahnhof: Wo Manager und Obdachlose Kraft tanken
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. " Es ist schön, im Gewusel um einen herum, dass man hier eine göttliche Pause machen kann." Dieser Satz aus dem Gästebuch im " Raum der Stille" am Hauptbahnhof zeigt, was viele Menschen in der Unruhe und im Stress ihres Alltags wünschen: die Hektik mal unterbrechen, bewusst eine Pause einlegen und endlich mal zur Ruhe kommen.
Von Gunhild Seyfert
Osnabrück. " Der Raum der Stille ist eine tolle Sache!", freut sich auch noch drei Jahre nach seiner Einweihung Heike Becker, umtriebige und hellwache Leiterin der Osnabrücker Bahnhofsmission. " Wir sind gelebte Kirche am Bahnhof wo könnte man das deutlicher machen als in solch einem Raum?" Tatsächlich hat der Osnabrücker Hauptbahnhof mit seinem Raum der Stille an Gleis 1 etwas Besonderes: Angesiedelt ist er bei der Bahnhofsmission, die von der katholischen Caritas und der evangelischen Diakonie gemeinsam finanziert wird, und kommen kann jeder. 3000 waren es bislang.
Weit verbreitet ist die Vorstellung, die Bahnhofsmission sei nur dazu da, behinderten oder gestrandeten Reisenden zu helfen und Anlaufstelle für Obdachlose und Ausgegrenzte zu sein. Dieser " Samariterdienst am Nächsten", so Heike Becker, sei aber nur eine Seite ihrer Arbeit. Die andere, im Selbstverständnis der Mitarbeiter der Osnabrücker Bahnhofsmission genauso wichtige, ist dieser Raum der Stille.
Christliche Symbole
Warmes Maisgelb in Wischtechnik an den Wänden empfängt den Besucher, der seine Schritte über die Schwelle des Raumes der Stille setzt. Da sind blau gepolsterte Holzstühle, auf denen man sich bequem niederlassen kann. Es ist ein Andachtsraum mit christlichen Symbolen aber offen für alle: für Christen, Andersgläubige und solche, die nicht (mehr) spüren oder wissen, was sie glauben. Die einzelnen Hölzer des Altartisches wurden nicht verschraubt, sondern nur kunstvoll ineinander- undübereinandergelegt. Würde man ein oder mehrere Hölzer aus ihm wegnehmen, käme er in Schieflage und würde schließlich zusammenbrechen. Mit dieser Konstruktion symbolisiert der Tisch das menschliche Miteinander. " Er zeigt, dass wir aufeinander angewiesen sind und aufeinander bauen", so Heike Becker. Das Kreuz und die beiden Kerzenhalter sind Unikate aus Bronze, sie verkörpern Erdverbundenheit und Ruhe. Licht fällt durch ein großes buntes Glasfenster. Am unteren Rand dieses Fensters dominieren kaltes Weiß und kühles Blau, in der oberen Hälfte optimistisches Gelb und warmes Rot ein Farbenspiel, das unbewusst wirkt und bewusst zu neuer Hoffnung und neuem Glauben ermutigen soll.
Diesen Raum nutzen Geschäftsleute, die zwischen zwei beruflichen Terminen bewusst eine Pause einlegen. " Die planen diese Zeit extra für sich ein, um hier mal zu sich zu kommen", weiß Heike Becker zu berichten. Der Raum wird auch von jenen besucht, die nicht erfolgreich sind und in ihrem Leben zu scheitern drohen: " Lieber Gott, helfe mir, wieder von der Straße zu kommen! Ich bin sehr hilflos und weiß nicht mehr weiter", steht da in ungelenker Schrift im Gästebuch des Raumes der Stille.
Das Buch lädt ein zum Blättern. Als der Raum der Stille vor drei Jahren feierlich eingeweiht wurde, brachte Bischof Bode dieses Gästebuch als Geschenk mit. Im Laufe der Zeit entstand mit den Einträgen der Besucher ein spannendes Dokument, in dem man nachlesen kann, wie Menschen der Stille bedürfen. In welchen Nöten sie hilft, sich selbst und die eigene Situation besser wahrzunehmen, vielleicht neue Hoffnung zu schöpfen. Da sind die Eintragungen einer Mutter, die mehrfach nach Osnabrück reisen musste, weil hier vor Gericht der Sorgerechtsstreit um ihren kleinen Sohn ausgetragen wurde. Jedes Mal kam sie in den Raum der Stille, sie malte die Hände ihres Kindes auf die Seiten des Buches und schrieb immer wieder, wie sie um einen positiven Ausgang dieses Prozesses für sich bittet. Und sie konnte, musste aber nicht allein bleiben mit ihren Ängsten und Sorgen
Wie die Luft zum Leben
Direkt gegenüber vom Raum der Stille liegen die Zimmer der Bahnhofsmission, wo man offen ist fürs Gespräch, wo jeder in jeder Situation kommen kann. Dieses Angebot nahm die Mutter an, sprach über ihre Situation und erfuhr Unterstützung von den Mitarbeiterinnen der Bahnhofsmission. " Danke, dass es diesen Raum und die hilfsbereiten Menschen gibt" steht dazu im Gästebuch.
Heike Becker und ihre Mitarbeiter nutzen den Raum der Stille auch für sich selbst. " Da gibt es Tage, da kommt zu uns ein Notfall nach dem anderen, und es ist ein unglaublicher Stress. Dann gehe ich hierher nur für fünf Minuten. Für mich ist das ein Zurückziehraum!"
Heike Becker lacht, ein wenig Stolz klingt dabei mit. Berechtigter Stolz, denn ihrer Initiative ist es ursprünglich zu verdanken, dass es diesen Raum der Stille gibt am Bahnhof, mitten im Getriebe, zwischen Ankunft und Abschied und mitten in sozialer und menschlicher Not. Dazu das Gästebuch: " Danke, in der Welt des Lärmens ist dies etwas, was man aufnimmt wie die Luft zum Leben." / Bildtext: Auszeit. Der Raum der Stille der Bahnhofsmission ist ein Zufluchtsort inmitten der lärmenden Welt. Foto: Klaus Lindemann
Autor:
Gunhild Seyfert


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