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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Der schöne Höllenlärm in der Disco
Zwischenüberschrift:
Auf Osnabrücks Tanzflächen kracht es richtig – Das Ohr hält das nicht aus
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. In Osnabrücker Clubs kracht es gewaltig. Eine Messung der Neuen OZ zeigt: Durchgehend werden auf den Tanzflächen Lautstärken erreicht, die das Ohr schädigen. Partygänger lieben den Lärm. Ein Bericht von der Partyfront.
Das Interview mit DJ Sven beginnt unkonventionell. Die Hände um Mund und Nase zur Flüstertüte geformt, trichtere ich ihm die erste Fragen direkt in den Gehörkanal ein: " Ganz schön laut hier, oder?" Achselzucken beim DJ. " Was is?", brummt er zurück und zeigt in Richtung Tür. Dann brüllt er so was wie: " Lass mal lieber draußen quatschen."
Es ist Samstagmorgen, halb zwei. Im " Glanz und Gloria", einem kleinen Club am Neuen Graben in Osnabrück, tanzen sich die Partygäste gerade warm. Das Motto des Abends spricht für sich: Mit " Danger! Danger!" ist die Veranstaltung auf der Website der Diskothek überschrieben. Darunter der Hinweis: " Keine Schmerzgrenzen, keine Hemmung, kein Plan." Gespielt werden heute nur " Sounds of high voltage" also alles, was die Boxen hergeben.
" Das muss auf jeden Fall so sein", sagt Sven. Der 31 Jahre alte DJ aus Bremen hat ein einfaches Rezept für die richtige Lautstärke: " Wenn es im Bauch vibriert, kommen wir der Sache schon näher", sagt er. Was das in Zahlen bedeutet? Eine Stichprobe der Neuen OZ mit einem geeichten Lärmpegel-Messgerät vom TÜV ergibt: Im Testzeitraum von fünf Minutenherrscht auf der Tanzfläche im Glanz und Gloria ein Lärmpegel von etwa 112 Dezibel.
Zum Vergleich: 110 Dezibel sind so laut wie ein Krankenwagen mit Martinshorn in 10 Meter Entfernung. Es kracht also mächtig.
Und die Gäste wollen es so. " Manchmal muss Musik einfach so laut sein. Zum Tanzen einfach besser geeignet", sagt Linda, 19 Jahre alt. Marius, 28, legt gerade im Außenbereich eine Pause ein. Er sieht noch einen anderen Vorteil. " Bei so einer Lautstärke kann man sich wenigstens nicht so intensiv unterhalten." Da bleibt mehr Zeit für andere Sachen. Marius: " Wenn ich in der Disco eine Frau anspreche, ist doch eh schon klar, was ich will." Wozu also noch reden . . . Lärm macht den Partygängern Spaß. Dass die dröhnenden Boxen Gift für ihr Gehör sind, ist vielen ohnehin bekannt. " Jeder weiß das, aber für die gute Stimmung wird auch der Hörsturz in Kauf genommen", sagt Kai, 28.
Tatsächlich, so glauben Experten, wird das Lärmproblem in Diskotheken gerade von Jugendlichen unterschätzt. " Die Dosierung ist entscheidend", sagt Peter Tenhaken vom Gesundheitsdienst des Landkreises und der Stadt Osnabrück. Der Mensch hat ein Lärm-Budget. Ohne Probleme kann er eine durchschnittliche Lärmbelastung von 85 Dezibel 40 Stunden pro Woche ertragen, wie Gesundheitsingenieur Tenhaken erklärt.
Unsere Stichprobe ergab: In insgesamt fünf getesteten Clubs und Discos lag der Lärmpegel am Wochenende auf der Tanzfläche zwischen 95 und 112 Dezibel. " Man darf sich von den Zahlen nicht täuschen lassen", erklärt Tenhaken weiter. Bei 95 Dezibel schrumpft das wöchentliche Lärm-Budget auf vier Stunden. Werde dieses Limit überschritten, seien Langzeitschäden wahrscheinlich.
Das Problem: Viele Jugendliche haben fast pausenlos die Knöpfe ihres MP3-Players im Ohr. Da sind die vier Stunden Lärm-Zeit schnell erreicht, und die Party am Samstagabend hat verheerende Wirkungen. Tenhaken rät deshalb, immer wieder die ruhigeren Ecken einer Disco anzusteuern, um dort dem Gehör eine Pause zu gönnen. Ist das realistisch? Für Kathi, 16, zumindest nicht. " Wir sind hier eigentlich nur auf der Tanzfläche", sagt die Besucherin des Hyde-Parks, die am Wochenende auch gerne mal bis zu fünf Stunden in ihrer Lieblingsdisco verweilt.
Die Gesetzeslage ist ungenau. Eindeutig geregelt ist nur der Schutz der Angestellten, die auf Gehörschutz bestehen können. Außerdem sind Diskotheken in dicht besiedelten Gebieten verpflichtet, ihre Räume nach außen schalldicht abzuschließen. Ein eindeutiges Gesetz für den Schutz des Gastes gibt es in Deutschland nicht. Andere Länder wie die Schweiz sind schon weiter: Hier ist ein Stundenmittel von 93 Dezibel einzuhalten. Höhere Schallpegel etwa bei Konzerten müssen genehmigt werden, und außerdem erhält jeder Besucher gratis einen Gehörschutz.
In Osnabrück sieht man es gelassener. Was hier zählt, ist die Resonanz des Publikums. Die Betreiber sind sich einig: Solange es keine Beschwerden von Gästen gibt, ist die Lautstärke angemessen. DJ Sven macht beim Interview im " Glanz und Gloria" das Geständnis des Abends. Aus seinem rechen Ohr pult er einen zusammengeknüllten Papiertaschentuch-Fetzen. " Ist heute echt etwas laut", sagt er. / Bildtext: Eine Qual für die Ohren: Die Musik in Osnabrücker Diskotheken ist manchmal so laut wie das Martinshorn eines Rettungswagens aus zehn Meter Entfernung. Aber die Gäste wollen es so. Foto: Jörn Petring
Autor:
Jörn Petring


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