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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Die Totengräber fanden kaum noch Platz
 
Friedhöfe sind 200 Jahre alt
Zwischenüberschrift:
Vor 200 Jahren wurden in Osnabrück die beiden Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern eröffnet
Artikel:
Kleinbild
 
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Es wurde eng im Osnabrück des 18. Jahrhunderts. Besonders eng wurde es auf den Friedhöfen an den Kirchen. Totengräber fanden kaum noch Platz für ihre Särge. Schweine oder Ziegen wühlten Knochen und sogar Schädel aus. Napoleons Bruder Jérôme beendete diesen Missstand. Vor 200 Jahren wurden vor den Stadtmauern der Hasefriedhof und der Johannisfriedhof eröffnet.

Osnabrück. Schon 1777 regte Justus Möser in seinen " Patriotischen Phantasien" an, " die Kirchhöfe aus der Stadt zu bringen". Das war ein längst überfälliger Gedanke, aber es dauerte noch über 30 Jahre, bis sich die Stadtväter, von der napoleonischen Besatzungsmacht unter Druck gesetzt, darauf einließen. Die Friedhofshistoriker Dieter Ostendorf und Ursula Rötrige haben in einem Aufsatz für die Osnabrücker Mitteilungen herausgearbeitet, wie die Neuordnung immer wieder verschleppt wurde.
Dabei ereigneten sich auf den Kirchhöfen unwürdige Szenen. So beklagte sich der Totengräber Welker 1800 beim Magistrat der Stadt, dass " ohne Loshackung alter Särger kein Platz fuglich mehr zu gebrauchen sey". Im Protokoll einer Ratssitzung drei Jahre später ist zu lesen: " Die Stelle ist uns heilig, wo die Gebeine eines guten Vaters, eines Freundes, einer geliebten Gattin ruhen, aber wie sehr muß es den fühlenden Mann empören, wenn das Vieh die Gräber umwühlt, Buben mit den Resten der Verstorbenen spielen und der Ort nur zum Tummelplatz wilder Freuden dient".
Es gab zwar die Überlegung, drei neue Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern anzulegen, aber wann immer es irgendwo einen Schritt voranging, trat eine andere Instanz auf die Bremse und brachte die guten Absichten zum Stillstand. Gegen die neuen Friedhöfe gab es massive Vorbehalte aus der Bürgerschaft. Viele Stadtbewohner fürchteten, dass ihre Zeitgenossen die längeren Fußmärsche scheuen würden, so dass von den einstmals so eindrucksvollen Trauerzügen nicht viel übrig bliebe.
Fortschrittliche Geister im Magistrat riefen dazu auf, die " Fesseln des Aberglaubens" zu sprengen und endlich die Vernunft walten zu lassen. " Man hat bekantlich diese Sache schon vor 30 Jahren zur öffentlichen Sprache gebracht", heißt es in einem Protokoll von 1803, " damals fehlte es unserem Publikum im Ganzen noch an dem eigentlichen Sinn für Verbesserungen; man klebte noch zu sehr am Alten." Doch es geschah weiterhin nichts.
Erst Ende 1807 kam die Sache in Gang, weil nun von oben Druck gemacht wurde. Napoleons Eroberungsfeldzug hatte den Weg dafür gebahnt. Die wenigen Jahre, in denen sein Bruder Jérôme das Königreich Westfalen regierte, boten Spielraum für Reformen, und die hinterließen auch im abgelegenen Osnabrück ihre Spuren.
Jérômes Präfekt Pestel griff den Vorschlag des Magistrats konsequent auf und verfügte, " daß vom 1ten April diesen Jahres an gerechnet, das Beerdigen der Leichen außer der Stadt geschieht, indem ich die Wahl der Mittel lediglich Ihrer Beurtheilungüberlaße".
Als es erneut Widerstand gab, wandte sich Pestel energisch gegen die Bedenkenträger. Vom Rat forderte er, " daß man, statt sich zunächst allein an das Wesentliche zu halten, der Sache von Anfang an sofort den höchsten Grad der Vollkommenheit zu geben strebte, und keine Vervollkommnung der Folgezeit überlassen wollte".
Da der Präfekt hartnäckig blieb, ging auf einmal alles sehr schnell. Man einigte sich darauf, nur noch zwei neue Friedhöfe zu planen, einen vor dem Hasetor und einen vor dem Johannistor. Die Grundstücke für den " Hase-Todtenhof" und den Johannisfriedhof überließ die Landesbehörde der Stadt zu günstigen Konditionen.
Während in Osnabrück noch über die Friedhofsordnung diskutiert wurde, kam es schon zur ersten Bestattung, ohne dass es zuvor eine Einweihungsfeier gegeben hatte. Am 21. März 1808 um 5 Uhr morgens wurde die fünfjährige Tochter des Tischlermeisters Fuchs auf dem Johannisfriedhof begraben. Der Vorname des Mädchens ist in den Akten nicht erwähnt. Auf einem Grabstein ist sie wohl nie verewigt worden.
Anders das erste Begräbnis auf dem Hasefriedhof, ebenfalls am 21. März: Am Abend wurde der Kanzleidirektor Justus Friedrich August Lodtmann zu Grabe getragen, " mit sehr großer Feierlichkeit unter Begleitung aller Civil- und Militaire Authoritaeten, des Praefecten, aller Honoratioren", wie es im Familienbuch von Caspar Josephus Brandenburg vermerkt ist. Lodtmanns Grabstein steht heute noch in der 1. Abteilung des Hasefriedhofs.
Die napoleonische Reform entzog das Bestattungswesen in Osnabrück der Kirche und machte es zu einer kommunalen Angelegenheit. Es entwickelte sich ein Totenkult, der das Kreuz und das Christuszeichen zurückdrängte. Künstler schufen neue Symbole wie die gesenkte Fackel, Mohnkapseln als Sinnbild des Schlafes oder eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt als Sinnbild des ewigen Werdens und Vergehens.
Dass beide Friedhöfe schon bald Leichenhäuser bekommen sollten, in denen man die Toten aufbahren konnte, erklärt sich aus einer weit verbreiteten Angst vor dem Scheintod. Im 19. Jahrhundert fehlte es an medizinischen Möglichkeiten, den Tod eines Menschen zweifelsfrei zu bestimmen. Und es gab Gruselgeschichten, nach denen Lebendige versehentlich begraben worden sein sollen. Auch in Osnabrück war es deshalb üblich, die Toten mit einem Glockenzug am Handgelenk aufzubahren und sie Tag und Nacht zu bewachen.
Diese kuriosen Züge gehören ebenso zur 200-jährigen Geschichte, die sich heute noch am Hasefriedhof und am Johannisfriedhof ablesen lässt. Schon lange sind die Wohnviertel über sie hinweggewachsen, seit 1996 finden keine Beisetzungen mehr statt. Aber noch heute sind Spuren aus der Zeit von König Jérôme zu erkennen.
Die Grabtafel von Kanzleidirektor Lodtmann ist nicht einmal das älteste Zeugnis. Auf dem Hasefriedhof steht ein Stein der Familie Ringelmann, der schon Ende des 18. Jahrhunderts zu einem Grab an der Marienkirche gehörte. Manchmal dienten die alten Gräber auch als Steinbruch. Erst der zweite Blick offenbart, auf welchem Fundament der Grabpfeiler des bekannten Oberlandbaumeisters Georg Heinrich Hollenberg steht. Es ist eine Grabplatte, die vom Friedhof am Dom oder an der Marienkirche stammt.
Weitere Informationen bietet der Förderkreis Hasefriedhof-Johannisfriedhof an: www.historische-
friedhoefe-osnabrueck.de /
Bildtexte:
St. Marien war der erste Standort dieses Grabsteins aus dem 18. Jahrhundert, der heute auf dem Johannisfriedhof steht. /
Der Johannisfriedhof auf einer Zeichnung von 1882. Unten ist der Eingangsbereich mit der Kapelle. /
Napoleons Bruder Jérôme steht für die Erneuerung des Friedhofswesens in Osnabrück vor 200 Jahren. Ihm ist die Ausstellung " König Lustik" gewidmet, die vom 19. März bis zum 29. Juni im Kasseler Museum Fridericianum zu sehen ist. /
Eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt: Totenkult des 19. Jahrhunderts vor der Kapelle des Johannisfriedhofs. /
Das erste Grab auf dem Hasefriedhof: Kanzleidirektor Justus Friedrich August Lodtmann wurde am Abend des 21. März 1808 " mit sehr großer Feierlichkeit" zu Grabe getragen, wie es in einem Familienbuch aus jener Zeit vermerkt ist.Ein Stück Geschichte kommt hier zum Vorschein: Dieser Grabpfeiler von Georg Heinrich Hollenberg auf dem Hasefriedhof steht auf einer Grabplatte, die im 18. Jahrhundert zum Kirchhof von St. Marien oder dem Dom-Friedhof gehörte.
Fotos:
Klaus Lindemann

200 Jahre das Jubiläum
Der Förderkreis Hasefriedhof-Johannisfriedhof bietet zum Jubiläum eine Veranstaltungsreihe an.
Grünschnitt und Rosenpflege , Samstag, 29. März, 11 Uhr, Kapelle Johannisfriedhof
Auf der Suche nach dem heutigen christlichen Garten , Prof. Jürgen Milchert, Freitag, 4. April, 18 Uhr, Kapelle Hasefriedhof Szenische Führung , Samstag, 21. Juni, 16 Uhr, Kapelle Hasefriedhof
Wilhelm Lepenau , Vortrag Karin Gerdes, Freitag, 27. Juni, 18 Uhr, Kapelle Hasefriedhof
LandArt Schulprojekt mit Barbara Jamin-Sassmannshausen im Sommer
Gehölze auf dem Hasefriedhof , Botanische Führung von Dorothea Trissl, Samstag, 5. Juli, 16 Uhr
Ungewöhnliche Impressionen , Ausstellungseröffnung, Samstag, 20. September, 16 Uhr, Villa Schlikker
200 Jahre Hase- und Johannisfriedhof , Jubiläumsveranstaltung, Freitag, 26. September, 19 Uhr, Kapelle Hasefriedhof
Persönlichkeiten auf dem Johannisfriedhof , Vortrag Ernst Kosche, Freitag, 3. Oktober, 15 Uhr, Kapelle
Nachtführung mit Prof. Milchert, Dienstag, 14. Oktober, 20 Uhr, Kapelle Hasefriedhof

Osnabrück. Am morgigen Karfreitag ist es 200 Jahre her, dass die beiden Friedhöfe vor den Osnabrücker Stadtmauern eröffnet wurden. Vorangegangen war eine jahrzehntelange Diskussion, denn die neuen Friedhöfe hatten in der Bürgerschaft viele Gegner.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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