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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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aus Zeitung:
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Überschrift:
Ungelogen, ehrlich!
Zwischenüberschrift:
Schon bei der Stadtgründung wurde geflunkert
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Osnabrück. Wer ist der größte Lügner der Stadt? Ausgerechnet ein Geistlicher: Bischof Benno II. hat im Jahr 1077 mit Urkundenfälschungen die Zehnt-Abgaben für sein Bistum gesichert. Damit hat der Gottesmann den Grundstein für Flunkereien über die Geschichte der Stadt gelegt, die sich bis heute halten.
Seit der Literaturmesse lit.Cologne 2007 reisen Roger Willemsen und Dieter Hildebrandt mit ihrem Programm " Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Die Weltgeschichte der Lüge" durch Deutschland (siehe unten). Sie stellen fest: Nichts ist sicher vor der Lüge. Die Liebe nicht, die Politik nicht und eben auch die Kirche nicht: So beruht auch die Gründung des Vatikans auf einer Urkundenfälschung.
Im mittelalterlichen Osnabrück hat Bischof Benno II. (1068–1088) gelogen, bis sich die Balken bogen oder genauer: bis er die Zehnt-Abgaben seines Bischof-Sitzes gesichert hatte. Mit dem achten Gebot " Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" hat er es offenbar nicht so genau genommen. Er ließ im großen Stil Urkunden fälschen.
Damit es nicht allzu plump aussah sich die Belege also nicht nur auf die von ihm begehrten Abgaben bezogen –, änderte er hier und da auch andere Details. Im Resultat bedeutet dies: Die Urkunde zur Gründung der Stadt ist ebenso gefälscht wie die des Gymnasiums Carolinum, dessen Name auf Karl den Großen verweist.
Einerseits. Andererseits widerlegen diese Erkenntnisse nicht, dass der große Franke vielleicht genau das vorgehabt hat, was die gefälschten Dokumente behaupten. Wollte er vielleicht doch eine Schule an der Hase gründen?
Das ist heute nicht mehr zu klären. Interessant bleibt an dieser Geschichte, dass das Carolinum auf seiner Homepage bis heute schreibt: " Gegründet von Karl dem Großen im Jahr 804." Nicht auf den leisesten Zweifel wird verwiesen.
Sicher ist: Karl der Große war niemals in Osnabrück. Und so sind all die Geschichten, die sich um seine Anwesenheit ranken, zumindest na ja Sagen. Das betrifft die Karlssteine am Piesberger Rundwanderweg, die er mit seiner Gerte zerschlagen haben soll, um die Sachsen zum Christentum zu bekehren.
Und es betrifft auch den Löwenpudel, dessen Statue vor dem Dom steht. Karl der Große soll einst sehr erbost darüber gewesen sein, dass die Osnabrücker sich den heidnischen Sachsen zugewandt hatten. Als er vor die Tore der Stadt kam, schwor er, dem Ersten den Kopf abzuschlagen, der ihm entgegenkommt. Seine Schwester soll ihm dennoch entgegengegangen sein, in dem Glauben, dass er ihr nichts antun würde.
Sie hatte einen Pudel bei sich, den ihr Bruder ihr einst schenkte. Als er Karl den Großen erkannte, sprang das Tier ihm entgegen und verlor seinen Kopf. Zum Dank sollen die Osnabrücker dem Hund den Löwenpudel als Denkmal gesetzt habe. In Wahrheit ist das Standbild ein Gerichtssymbol: An dieser Stelle wurden Bluttaten durch Blut gerächt. Oder Kurz: Hier wurden Mörder ins Jenseits befördert.
Ist das eine Sage? Oder eine Lüge? Was ist eine Lüge überhaupt? Wo fängt das Lügen an? Das sind Fragen, die auch Psychologen, Kirchenleute und weitere Experten nicht immer eindeutig beantworten können. " Bereits die Wahrnehmung ist ein Prozess der Interpretation", erklärt beispielsweise der Osnabrücker Diplompsychologe Hartmut Böhm.
Jeder nimmt Ereignisse immer vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen wahr und ordnet sie ein. Deshalb kann es passieren, dass verschiedene Menschen ein und dieselbe Situation völlig unterschiedlich schildern. Als Lüge ist das kaum zu bezeichnen. Die fängt ganz woanders an: " Sie beginnt da, wo jemand weiß, dass er etwas Falsches sagt", meint der Psychologe.
" Es gibt keine abschließende Definition, was genau eine Lüge ist", sagt hingegen Elmar Kos, Professor für Katholische Moraltheologie an der Universität Osnabrück, und weiter: " Der Übergang von einer Falschaussage, die moralisch unbedenklich ist, hin zu einer Lüge ist fließend." Als Beispiel nennt Kos einen Menschen, der in einem totalitären Staat eine gesuchte Person vor ihren Häschern versteckt und leugnet, sie gesehen zu haben, um ihr das Leben zu retten.
Es gibt also Lügen, die das Ergebnis legitimiert? Kos lacht und sagt: " Keine Lüge ist o. k., aber es gibt Situationen, wo eine wissentliche Falschaussage nicht unmoralisch ist." Lügt jemand, lade er aus Sicht der Kirche zunächst mal Schuld auf sich. " Empfindet er jedoch Reue, ist das ein Akt der Versöhnung", fügt Kos hinzu.
Das Bild von der Bestrafung durch Gott, wie es die Kirche
einmal als pädagogisches Druckmittel verwendet hat, stimme so nicht mehr: " Die Kirche gibt den Menschen mehr Freiheit für ihr Handeln. Sie tragen mehr Verantwortung." Dies sei die Grundlage moralischen Handelns. " Die letzte Entscheidung kann ihnen nicht abgenommen werden."
Die Kirche dürfe keinen Druck auf die Menschen ausüben, meint Kos. Die Zehn Gebote dienten dazu, dem zu Recht zu verhelfen, was als richtig angesehen wird, aber: " Gott verdammt niemanden", sagt Kos und fügt ein Zitat des Theologen Karl Rahner hinzu: " Es gibt die Hölle, aber es ist niemand drin."
Frisch Verliebte haben besonders kurze Beine nirgends wird so viel gelogen wie zu Beginn einer Partnerschaft. " Beim Liebeswerben wollen Menschen ausschließlich ihre positiven Seiten darstellen", sagt Böhm. Da erzähle mancher der Angebeteten das Blaue vom Himmel.
Später geschehe das zumeist um des lieben Friedens willen. Bei der berühmten Frage " Schatz, wie war ich?" ebenso wie bei " Findest du mich zu dick?" wäre es sagen wir ein wenig ungeschickt, auch nur den Hauch eines Zweifels an der Vollkommenheit des Partners aufkommen zu lassen. Auch wenn Offenheit und Ehrlichkeit für die meisten Menschen Grundpfeiler ihrer Partnerschaft sind.
Nur selten offenbaren sich Lügner so eindeutig wiePinocchio, dessen Nase jedes Mal wächst und wächst, sowie er schwindelt.
Doch Anne-Christine Feldmeyer, Richterin am Amtsgericht Osnabrück, kennt die Signale, die Lügner enttarnen: " Sie sind deutlich nervös, ihre Augen zucken, und sie haben oft auch Schweißausbrüche." Allein Angeklagte dürfen vor Gericht lügen, um sich nicht zu belasten. Eine neue Straftat dürfen sie dabei aber nicht begehen. Sagt ein Angeklagter beispielsweise die Unwahrheit über seine Einkünfte, könne das den Straftatbestand des Betruges ergeben, und ihm flattert eine neue Anzeige ins Haus.
Wenn Feldmeyer sich sicher ist, dass sie vor Gericht belogen wird, spricht sie das direkt an: " Ein Geständnis wirkt sich immer strafmildernd aus, das ist ja dann auch im Interesse des Angeklagten", betont sie.
Vor Gericht gebe es kein Gebiet, in dem besonders viel oder besonders wenig gelogen werde: " Aber meine Kollegen und ich haben den Eindruck, dass in den letzten Jahren immer dreister gelogen wird." Mit ein wenig Berufserfahrung komme man aber immer schnell dahinter.
Schnell kommen auch Eltern und Großeltern ihrem Nachwuchs bei Schummeleien auf die Schliche. Wie der dreijährigen Mareike, die ihre Oma mit dem Satz umgarnte: " Mami sagt, wenn man Hunger hat, muss man ganz viele Kekse essen."
Kinder sind sich oft gar nicht bewusst, dass sie lügen. Sie erzählen zum Teil einfach das, was sich in ihrer Fantasiewelt zugetragen hat. Eltern hingegen haben wenig Spielraum, wenn ihre Kinder sie damit konfrontieren, dass es den Osterhasen genauso wenig gibt wie den Weihnachtsmann. Da kann die Vorbildfunktion durchaus schon mal einen Knacks bekommen.
Gelogen wird überall. Letztlich ist die Frage, wie damit umgegangen wird. Dazu Elmar Kos: " Mir imponieren Menschen, die demjenigen signalisieren, dass sie ihn beim Lügen ertappt haben, und dann weiterhin souverän mit ihm umgehen." Kos glaubt, dass solch eine Reaktion die besten Auswirkungen auf das künftige Verhalten des Lügners hat und ihm Respekt abverlangt.
Schluss mit der Lügerei ist nie. Das zeigt auch eine verzwickte Geschichte, die sich derzeit in der Stadt abspielt. Ein prominenter Osnabrücker behauptet, er sei in einer Kneipe beim Rauchen fotografiert und angezeigt worden. Jetzt habe er 150 Euro Bußgeld an das Ordnungsamt zahlen müssen. Der angebliche Fotograf betont hingegen hingegen, er habe nur den Aschenbecher abgelichtet und den Wirt angezeigt. Und das Ordnungsamt? Das erklärt, bisher nur Ermahnungen in Sachen Rauchverbot ausgesprochen zu haben. Ein Bußgeld sei nicht verhängt worden. Und das wird wohl auch stimmen. / Bildtexte: Pinocchio verriet seine Lügen immer selbst, und das sofort: Dem Holzknaben wuchs dann eine lange Nase. / In der Liebe wird besonders viel gelogen. Nicht nur, was die Treue betrifft. / Ein Schwur kann mit hinter dem Rücken gekreuzten Fingern aufgehoben werden. / Den Osterhasen gibt es nicht. Ehrlich. / Der Löwenpudel bietet Anlass zu Sagengeschichten. / Karl der Große war nie in Osnabrück, dennoch ranken sich darum Sagen der Stadt. Fotos: Michael Hehmann
Autor:
Marie-Luise Braun


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