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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Kopf einziehen nicht zumutbar
 
Stolperfalle für Müllmänner nicht zumutbar
Zwischenüberschrift:
Müllabfuhr besteht auf Arbeitssicherheit: Vollservice in 42 Fällen gekündigt
Artikel:
Kleinbild
 
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Originaltext:
Osnabrück. Die Kellerdecke ist zu niedrig? Das Licht ist zu dunkel? Im Gang stehen Fahrräder? Pech gehabt, dann kommt die Müllabfuhr nicht mehr ins Haus. Der Abfallwirtschaftsbetrieb will seine Mitarbeiter vor Gefahren schützen. Deshalb hat er den Vollservice für 42 Grundstücke gekündigt.
rll Osnabrück. Unter Vollservice verstehen die Abfallspezialisten, dass die Tonnen für Restmüll, Grünabfall oder Papier nicht an die Straße gestellt werden müssen. Stattdessen kommt der freundliche Müllmann in den Garten oder sogar in den Keller, schleppt die Behälter zur Straße und stellt sie leer an ihren Platz. Das kostet extra, wird aber von 557 Grundstückseigentümern gern in Anspruch genommen.
Diese Zahl stammt allerdings aus dem vergangenen Jahr. Inzwischen hat der Abfallwirtschaftsbetrieb 42 Kunden gekündigt, wie Werkleiterin Dr. Marietta Klekamp-Lübbe gegenüber unserer Zeitung bestätigte. Begründung: " Einhaltung des Arbeitsschutzes und der Arbeitssicherheit."
Im Verwaltungsjargon heißt das, die Verkehrswege müssten frei und trittsicher sein, eine Beleuchtung von 100 Lux sei das Minimum, Türen müssten sicher festgestellt werden können, der Standort der Tonnen müsse " begehbar" sein und sauber gehalten werden.
Nach dieser Definition sind schon Fahrräder im Kellergang ein Ablehnungsgrund. Heikel wird es jedoch, wenn die Ablehnung mit Unzulänglichkeiten begründet wird, die sich nur durch Abriss und Neubau aus der Welt schaffen lassen.
In der Klemme sitzt die Essener Ärztin Dr. Maria Stührenberg-Laurich. Sie ist Eigentümerin des 200 Jahre alten Wohnhauses Herrenteichsstraße 3 und wurde von der Stadt informiert, dass die Kopfhöhe im Keller mit nur 169 cm nicht ausreiche. Zudem sei der Treppenauftritt mit 24, 5 bis 25 cm eindeutig zu kurz. Die Niedersächsische Bauordnung schreibe 26 cm vor. " Bitte beheben Sie bis zum 29. 1. 2008 die oben aufgeführten Mängel", heißt es in einem Schreiben des Abfallwirtschaftsbetriebes vom 11. Januar. Andernfalls, so wird Maria Stührenberg-Laurich nahegelegt, " müssen wir den Vollservice leider einstellen."
Die Adressatin betrachtet das als Farce " bei einem Haus, das so alt ist und unter Denkmalschutz steht". Im Übrigen sei nicht die gesamte Kellerdecke. Nur an einer Stelle schränke ein Balken die Kopffreiheit ein. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte seien die Menschen mit der bestehenden Konstruktion klargekommen. Offensichtlich fehle es an der Umsicht des heutigen Personals.
Das sieht Werkleiterin Marietta Klekamp-Lübbe anders. Als die Stadt vor einigen Jahren den Vollservice eingerichtet habe, sei noch " blauäugig" über einige Gefahrenpunkte hinweggesehen worden. Einzelne Mitarbeiter hätten sich aber den Kopf gestoßen oder andere Verletzungen zugezogen. Da sei es unvermeidbar gewesen, die Unfallversicherungsvorschriften anzuwenden. Nur so könne zwischen zumutbaren und unzumutbaren Gefahren unterschieden werden. Alle 557 Standorte für den Vollservice seien daraufhin überprüft worden, in jedem zehnten Fall habe es Nachbesserungsbedarf gegeben. Tatsächlich seien daraufhin Treppengeländer und zusätzliche Leuchten angebracht oder Fahrräder aus dem Weg geräumt worden. Aber in einigen Fällen sei Abhilfe nun einmal nicht möglich.
Zum Beispiel bei Maria Stührenberg-Laurich. Sie hat jetzt ihren Mietern auferlegt, abwechselnd die Mülltonnen nach draußen zu bringen. Leise Zweifel beschleichen sie bei der Frage, ob auch alle daran denken werden. Da hat sie doch lieber die 35 Euro pro Jahr und Tonne für den Vollservice in Kauf genommen. " Schade", sagt sie, " das war eine tolle Sache!"

Bildtext:
Vorsicht, der Kopf! Als Mieterin im Haus Herrenteichsstraße 3 muss Wiebke Gand die Mülltonnen jetzt selber nach draußen schieben. Der Abfallwirtschaftsbetrieb lehnt es ab, diese Arbeit von Müllwerkern ausführen zu lassen.
Foto:
Gert Westdörp

Kommentar
Krokodil im Keller

Es ist schon eindrucksvoll, wie rührend sich der Abfallwirtschaftsbetrieb um die Arbeitssicherheit seiner Mitarbeiter bemüht. Stolperfalle? Rutschgefahr? Erhöhte Kopfstoßwahrscheinlichkeit? Lieber verzichtet die Werkleitung auf eine zusätzliche Einnahmequelle, als die Müllmänner solchen Risiken auszusetzen.
Wer nichts als Verwaltungsdenken kennt, wird das folgerichtig finden. Aber ein Mensch außerhalb der Bürokratie fasst sich an den Kopf. Ob ein Kartoffel- oder Kohlenhändler wohl einen Auftrag ausschlagen würde, weil er sich im Keller seines Kunden den Kopf stoßen könnte? Natürlich nicht.
Er wird den Kopf einziehen oder einen Helm aufsetzen. Und das wird er auch seinen Mitarbeitern empfehlen. Aber den Service aufkündigen wird er höchstens, wenn im Keller ein Krokodil sitzt, das nach jedem schnappt, der über den Gang kommt.
Es geht nicht darum, die Forderung nach Arbeitssicherheit lächerlich zu machen. Sondern Augenmaß und guten Willen an die Stelle von bürokratischem Handeln zu setzen. Dann wird auf einmal manches möglich, was vorher unzumutbar erschien.

Osnabrück. Wenn die Kellerdecke zu niedrig oder die Treppe zu eng ist, kommt die Müllabfuhr nicht mehr ins Haus. Der Abfallwirtschaftsbetrieb kündigt den sogenannten Vollservice, wenn der Arbeitsschutz nicht 100-prozentig eingehalten wird. Beim kostenpflichtigen Vollservice kommt der Müllmann ins Haus und holt die Tonnen aus dem Keller oder aus dem Garten. Bislang haben 557 Grundstückseigentümer diesen Service in Anspruch genommen. Inzwischen hat der Abfallwirtschaftsbetrieb 42 von ihnen gekündigt, weil er seine Mitarbeiter nicht den Gefahren aussetzen will, die von Stolperfallen, unzureichender Beleuchtung oder sogar von abgestellten Fahrrädern ausgehen sollen. Nach Auskunft von Werkleiterin Marietta Klekamp-Lübbe sind in einigen Fällen aber auch Mängel beseitigt worden.
Autor:
Rainer Lahmann-Lammert


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