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Nachhaltigkeit und Umweltbildung in der Stadt Osnabrück (NUSO)
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Auf den Schienen in den Tod
 
Die Bahn verweigerte sich
 
Als Mädchen in Auschwitz
Zwischenüberschrift:
"Zug der Erinnerung" hält in Osnabrück
 
Erst ein kleiner Trick brachte den Zug ins Rollen
 
Zeitzeugin Hella Wertheim erzählt, wie sie überlebt hat
Artikel:
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Originaltext:
Von Cathrin Mahns (Text) und Gert Westdörp (Fotos) Osnabrück. " Haha, sehr komisch", kichert eine 17-Jährige mit kurzen braunen Haaren, ohne einen Gedanken an politische Korrektheit zu verschwenden. Sie steht vor einer Tafel und liest Namen ab. Allesamt von Kindern und Jugendlichen. Und dann wird sie doch nachdenklich. Der Zug der Erinnerung steht am Osnabrücker Hauptbahnhof. Er erinnert an die Deportation jüdischer Kinder.
Dort, wo Susann Wölfel eben gelesen hat, steht geschrieben: " Susanne Wolf war bei der Deportation etwa 15 Jahre alt. Geboren am 27. März 1926 in Hambuch. Unbekannter Deportationsort." Susanne Wolf das klingt fast so wie ihr eigener Name: Susann Wölfel. Ein bewegendes Bild tut sich auf: Da steht ein 17-jähriges Mädchen in blauer Daunenjacke und Turnschuhen vor einer Namenstafel und gedenkt eines 15-jährigen Mädchens, das so ähnlich hieß wie sie und vor über 65 Jahren von den Nazis in ein Konzentrationslager deportiert wurde.
Ähnlich wie Susanne Wolf vor 65 Jahren steht heute auch Susann Wölfel in einem dunklen Zug ohne Bänke und Tische. Doch Susann Wölfel wird gleich wieder aussteigen wenn sie die Ausstellung angesehen hat, die in einem Zug untergebracht ist, der am Gleis 1 des Osnabrücker Bahnhofs steht. Gleich danach wird sie kurz die warmen Sonnenstrahlen genießen und dann für eine Prüfung lernen. Susanne Wolf durfte vor 80 Jahren nicht mehr aussteigen. Zusammengepfercht mit vielen Kindern und Jugendlichen, harrte sie tagelang in dem düsteren Gefängnis aus auf dem Weg in ein Konzentrationslager.
Mit dem Zug der Erinnerung will der gleichnamige Verein auf ungezählten Kinder-Deportationen im Dritten Reich aufmerksam machen. Rund um herausgesuchte Einzelschicksale jüdischer Kinder arbeitet die Ausstellung auch die Hintergründe heraus: von der politischen Lage und ihren markanten Daten über die ersten Deportationsbescheide, den Weg der Betroffenen zu den Zügen bis hin zu den Schicksalen, die sie nach den Transporten erwarteten.
Täter handelten sachlich
Aber auch die Täter wie das Reichsverkehrsministerium oder die SS werden porträtiert. Ihre Gefühlskälte und Sachlichkeit bei dem Ganzen ist in der Todesnachricht an eine Mutter zu spüren: " Ihre Tochter ist tot. [. . .] Jetzt wird mit allen Juden hier aufgeräumt." Als die 17-jährige Susann Wölfel das liest, ist sie entsetzt: " Wie kann man so was schreiben? Das geht ja gar nicht."
Vor allem Schüler haben sich in den letzten beiden Tagen auf die Zugreise in die Vergangenheit begeben. Einige Klassen haben eigene Beiträge zur Ausstellung beigesteuert auch aus Osnabrück und der Region. Das Gymnasium Bad Iburg zog die Lebensgeschichten des Osnabrücker Jungen Peter Pels und von Anne Frank nach, die sich im gleichen Haus in Holland versteckten und gut kannten. Schüler der Osnabrücker Thomas-Morus-Schule haben den Bielefelder Transport in die Ausstellung gebracht, der 1941 am Pottgraben startete. Mit Fotos, Dokumenten oder etwa fiktiven Karteikarten zu den einzelnen Schicksalen von Osnabrücker Juden illustrierten sie das regionale Geschehen.
In mehreren zusammenhängenden Waggons ist die Ausstellung untergebracht. Mit ihren großen Türen ähneln sie den Viehwaggons, die im Dritten Reich für die Deportationen eingesetzt wurden.
Die Zugfenster haben die Aussteller mit großen Schwarz-Weiß-Bildern von Kindern verklebt. So ist es im Innern des Zuges düster, nur Bilder und Lesetafeln sind mit kaltem weißen Licht ausgeleuchtet. In den schmalen Teilen der Waggons müssen die Besucher eng zusammenrücken eine unangenehme Nähe entsteht, der niemand entrinnen kann.
Stärkere Wirkung
Ungewöhnlich ist aber nicht nur der Raum, in dem die deutsch-jüdische Geschichte gezeigt wird, sondern auch der Ort. " Dieselbe Ausstellung im Rathaus hätte nicht die gleiche Wirkung", meint Vereinsgründer Hans-Rüdiger Minow. In einen Zug im Bahnhof einzusteigen sei einfach, erklärt er seine Ansicht. Da gebe es keine Schwellenängste, selbst bei solchen Leuten nicht, die noch nie im Museum waren. Schließlich sei der Bahnhof ein populärer Ort, den man eben auch nebenbei aufsuchen könne.
Den Erfolg seiner Ausstellung erklärt Minow aber auch damit, dass der Zug kein altbekanntes Ritual des Gedenkens ist wie etwa eine Schweigeminute, zu der sich der Bundestag erhebt und die dann im Fernsehen zu sehen ist. " Die Menschen haben diese Rituale satt", meint der Künstler. " Dieser Zug ist nichts Staatliches, nichts Verordnetes, sondern eine Bürgerinitiative, die von unten kommt."
Geöffnet hat der Zug nur noch am heutigen Samstag, 9. Februar, von 8.30 bis 19 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.

Das Prinzip
Am 27. November 2007 ist der Zug der Erinnerung in Frankfurt am Main gestartet. Sein Ziel ist Auschwitz. Die Ausstellung finanziert sich über Spenden. Seit Donnerstag macht sie in Osnabrück halt. Organisiert hat das Petra Tiesmeyer vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Innerhalb von zwei Wochen suchte sie genügend Spender zusammen, um den dreitägigen Aufenthalt zu finanzieren. Kostenpunkt: 4000 Euro pro Tag, wobei der Verein Zug der Erinnerung die Hälfte übernimmt. Es werden noch Spender gesucht. Kontakt: osnabrueck@ dgb.de oder Tel. 05 41/ 6 34 54 16.

Osnabrück. Eine Ausstellung auf Schienen, um an die Deportation von Millionen von Menschen in die Konzentrationslager zu erinnern an sich war diese Idee nicht neu: In Frankreich etwa hatte es das schon gegeben, erzählt Hans-Rüdiger Minow. Warum also nicht auch in Deutschland, von wo der Holocaust ausging?
Kurzerhand schrieb der Dokumentarfilmregisseur einen Brief an die Deutsche Bahn. Ich habe geglaubt, es würde nur einer Anregung bedürfen″, sagt Minow heute. Dass er aber auf konsequentes Unverständnis stoßen würde, hätte er nicht für möglich gehalten: Als brüsk und unsensibel″ beschreibt Minow die Antwort auf seine Anfrage. Nach Auskunft der Bahn sei 1. für eine solche Aktion kein Geld übrig, 2. gebe es eine Ausstellung zu den Deportationen bereits im DB-Museum in Nürnberg und 3. gehöre dieses Thema nicht auf einen Bahnhof.
Doch Minow ließ sich nicht von seiner Idee abbringen. Zudem hatten sich inzwischen andere Menschen seinem Vorhaben angeschlossen. Sie fragten sich: Was können wir tun, um das Gedenken in die Bahnhöfe zu tragen? Dann kamen sie auf eine Idee, die einfach und genial zugleich ist: Die Bahnhöfe sind Eigentum der Bahn, nicht aber das Schienennetz. Das gehört der Bundesrepublik Deutschland. Nun galt es nur noch einen Zug zu organisieren und die Nutzung der Schienenstrecke bei der DB-Netz anzumelden. Ist der Zug erst einmal unterwegs, ist die Bahn sogar dazu verpflichtet, ihm das Halten zu genehmigen, erklärt Initiator Hans-Rüdiger Minow.
Und dass er mit seiner Idee goldrichtig lag, zeigen die Reaktionen auf den Zug: Die waren derart zahlreich, dass der Verein die ursprünglich geplante 3000-Kilometer- Strecke nun verdoppelt und in vielen weiteren Städten auf seinem Weg nach Auschwitz halten wird.
Warum die Bahn bis heute nichts mit dem Zug der Erinnerung zu tun haben will, kann sich Hans-Rüdiger Minow nicht erklären. Nach seiner Ansicht hat der Konzern seinem Bild in der Öffentlichkeit gerade durch sein ablehnendes Verhalten eher geschadet. Das sei vor allem in den Berichten der ausländischen Presse über den Zug der Erinnerung nachzulesen.

Bildtext:
Wo sind unsere Eltern? Ihr Mörder″, schreibt ein Junge auf einen Kinder-Deportationszug. Mit dem alten Foto macht die Ausstellung auf sich aufmerksam. Rechts der Zug der Erinnerung im Osnabrücker Hauptbahnhof.

Osnabrück. Rechte Seite Leben, linke Seite Tod!″, antwortete der Soldat. Hella Wertheim und ihre Mutter waren gerade mit dem Zug in Auschwitz eingetroffen. Die 16-Jährige hatte den Soldaten gefragt, wie es dort wohl sei. Dass seine Antwort sofort zur Realität werden würde, ahnte sie nicht.
Als Mutter und Tochter aus dem Viehwaggon gestiegen waren, stand da ein uniformierter Mann am Eingang zum Lager, der den Menschenstrom zerteilte. Es war der KZ-Arzt Josef Mengele. Die Mutter schickte er nach links. Als er dann Hella Wertheim am Arm nach rechts zog, Mutter und Tochter also trennen wollte, schrie die 16-Jährige: Das ist doch meine Mutter! und wollte ihr hinterher. Aber es nützte nichts: Der Mann zerrte das Mädchen auf die rechte Seite. Dass die Mutter damals, am 14. Oktober 1944, direkt in eine Gaskammer geführt wurde und dass Hella Wertheim sie nie wiedersehen würde, das war ihr zu dem Zeitpunkt nicht klar, erzählt sie heute mit fester Stimme.
Fast 80 Jahre alt ist die Zeitzeugin, die am Donnerstag in Osnabrück von ihren Erfahrungen als Jüdin im Dritten Reich berichtete. Die Ankunft in Auschwitz war ein trauriger Höhepunkt ihres bewegenden Vortrages. Eingeladen hatte sie Petra Tiesmeyer, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) der Region Osnabrück-Emsland.
Petra Tiesmeyer hat auch den Zug der Erinnerung nach Osnabrück geholt. Der Vortrag ergänzte die Ausstellung zu einem umfassenden Rückblick in die Vergangenheit. Viele interessierte, teils auch recht junge Menschen waren dazu in die Berufsbildenden Schulen am Pottgraben gekommen. Betroffen und gebannt zugleich hörte das Publikum Hella Wertheim zu, wie sie teils frei erzählte, teils aus ihrem Buch Immer alles geduldig getragen″ vorlas.
Hella Wertheim war bereits als 14-Jährige mit ihren Eltern aus dem ostpreußischen Königsberg nach Theresienstadt deportiert worden. Zwei Jahre lang lebte sie dort in einem Kinderheim, die Eltern durfte sie nur alle paar Tage besuchen. 1944 starb der geschwächte, ausgehungerte Vater.
Kurz danach ging es für Hella und Ida Sass, so der Mädchenname von Hella Wertheim, nach Auschwitz. Eine schreckliche Erfahrung: Es wurde geklopft, es wurde geschrien, und einige starben unterwegs, die weiter im Waggon blieben und schließlich als Leichen ausgeladen wurden.″ Nach etwa zwei Wochen in Auschwitz wurde die 16-Jährige in das Frauen-KZ Lenzing deportiert. Etwas mehr als ein halbes Jahr später befreiten die Amerikaner das Lager. Über Umwege kam Hella Wertheim nach Gildehaus bei Nordhorn und lernte dort ihren Mann kennen. Mit ihm baute sie sich ein neues Leben auf.
Hella Wertheim Immer alles geduldig getragen″, Verlag für Regionalgeschichte, 12, 40 Euro

Bildtext:
Hella Wertheim las aus ihrem Buch.
Foto:
Uwe Lewandowski
Autor:
Cathrin Mahns


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