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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
So ein Hut kann total verändern
Zwischenüberschrift:
Trend und Tradition zugleich – Wie beim Familienbetrieb Altensell aus einem Stück Stoff eine edle Kopfbedeckung wird
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Von Cathrin Mahns Osnabrück. Er wärmt im Winter, im Sommer sorgt er für einen kühlen Kopf. Sein Ruf vom angestaubten Moderelikt für ältere Generationen ist längst passé. Im Gegenteil: Stars lieben ihn in allen Variationen. " Hut ist in", sagt Herbert Tiemann von der Kreishandwerkerschaft Osnabrück. " Aber es ist nur noch ein selten anzutreffendes Handwerk." Und tatsächlich ist bei der Kammer nur ein Eintrag für Osnabrück zu finden: der Familienbetrieb Altensell.
Die Luft ist trocken in dem kleinen Atelier. Es riecht nach Bügeleisen. In einem Wandregal stapeln sich runde und ovale Holzgebilde. Die Arbeitstische versinken unter Bergen aus Mützen. Dazwischen stehen hier und da Holzköpfe. Über manche wölbt sich ein Stück Filzstoff. Die Form des Filzes lässt erkennen, was einmal aus ihm werden soll: ein Damenhut.
Die Werkstatt der Altensells versteckt sich gleich hinter dem Verkaufsraum an der Straße Öwer de Hase. Immer wieder bimmelt die Türglocke Kundschaft! Der Laden brummt, Winterzeit ist klassische Hutzeit. Zwei Angestellte beraten die Kaufinteressenten bei der Wahl der richtigen Kopfbedeckung. In der Werkstatt bleibt Sylvia Altensell-Ripprich zurück kurzes blondes Haar, lachende Augen. Sie steht an einer der Werkbänke und hält ein schwarzes Filzstück in den heißen Dampf, den ein gewöhnlicher Wasserkocher auspustet. " Unser Dämpfer ist zurzeit kaputt."
Sylvia Altensell-Ripprich ist ausgebildete Modistin also eine Handwerkerin, die Damenhüte anfertigt und zudem die Tochter des Hauses. Vor knapp sechs Jahren übernahm sie das Geschäft ihrer Eltern. Nach der Gründung 1913 betreibt sie das Familienunternehmen nun in der vierten Generation. Hüte sind von jeher das Geschäft der Altensells. Zwar verkaufen sie auch Herrenhüte, doch in der Hauptsache dreht sich alles um Damenhüte. " Alle unsere Mitarbeiterinnen sind ausgebildete Modistinnen", sagt Sylvia Altensell-Ripprich. Die Damenhüte stellen sie per Hand her ganz nach Maß und den individuellen Vorstellungen. " Wir möchten das Handwerk hochhalten", erklärt die Geschäftsführerin.
Auch wenn es derzeit keinen Dämpfer gibt, der Wasserkocher tut es ebenso: Sein Dampf erwärmt den schwarzen Filzstoff. " So wird er weicher und formbarer", erklärt Altensell-Ripprich. Dann nimmt sie den Filz und zieht ihn über einen Holzkopf, der neben dem Wasserkocher steht. An dessen Unterseite ist eine dünne, aber breite Holzplatte befestigt der Hut soll einmal eine breite Krempe bekommen. Die Modistin dehnt den Stoff, streicht ihn glatt, um dann wiederum an ihm zu ziehen. Dabei setzt sie ihren gesamten Oberkörper ein. Zwischendrin nimmt sie den Stoff vom Holzkopf und hält die Mitte noch einmal über den heißen Wasserdampf: " Da ist er noch nicht weich genug", sagt sie.
Der Holzkopf gibt also die Form des Hutes vor, der entstehen soll. Die Klötze haben unterschiedliche Formen und Höhen und sind mit verschiedenen Krempenarten kombinierbar. So können die Altensells auf ungezählte Hutmodelle zurückgreifen und auf individuelle Wünsche eingehen maßgeschneidert eben.
Inzwischen hat Sylvia Altensell-Ripprich den schwarzen Caplin so werden Hüte mit großer Krempe genannt fertig in Form gezogen und mit feinen Nadeln auf dem Holzkopf fixiert. " Da bleiben keine Löcher zurück", lobt sie den Filzstoff. Der Rohling muss nun über Nacht trocknen, erklärt die 42-Jährige. Sie stellt den Caplin beiseite und rückt einen Hut in verschiedenen Rottönen auf ihre Werkbank. Der ist bereits in Form gezogen und getrocknet. Jetzt kommt die Feinarbeit: Altensell-Ripprich steckt das Kabel eines kleinen Bügeleisens in die Steckdose, das so klein ist wie ein Kinderspielzeug. Dann taucht sie ein weißes Stück Baumwollstoff in eine Schüssel mit Wasser, wringt es aus und legt es auf die Hut-Oberseite. Die erfahrene Modistin nimmt das Bügeleisen in die Hand, setzt an der Stelle mit dem weißen Tuch an und beginnt, eine leichte Kerbe in die Hut-Oberseite einzuarbeiten. Das Modell hat sie selbst kreiert. Woher sie ihre Design-Ideen nimmt? Sie hält kurz inne und antwortet dann knapp: " Hier oben", während sie mit dem Zeigefinger gegen ihren Kopf tippt.
Sylvia Altensell-Ripprich liebt ihren Beruf. " Der ist einfach wunderbar", sagt sie, und ihre Augen strahlen. " Man hat viel mit Menschen zu tun, und alle haben unterschiedliche Köpfe", lacht die 42-Jährige. " Ich finde es wunderschön, Damen zu behüten." Einen kleinen Nachteil hat der Modisten-Beruf allerdings, wie Altensell-Ripprich einräumt: " Die Hände müssen manchmal ganz schön leiden."
Für die gelernte Modistin ist ein Hut ein ganz besonderes Kleidungsstück: " Irgendwie kann man Menschen damit total verändern: Ein Hut ist immer der i-Punkt, egal bei welcher Garderobe." Dabei findet sie, dass eigentlich jeder Hut tragen kann. Manchen Menschen steht er aber besonders gut: " Ein Hutgesicht gibt es wirklich", ist ihre Erfahrung.
Wieder bimmelt die Ladentür-Glocke, wie in der letzten Stunde schon etwa zwanzigmal. Jetzt im Winter sind wärmende Filzhüte gefragt, wie das Modell in den verschiedenen Rottönen. Der ist aus einem dünnen Filz gearbeitet und lässt sich daher einrollen– ohne seine Form zu verlieren. Überhaupt ist die Beschaffenheit des Filzes von Bedeutung: Sie bestimmt unter anderem den Preis des Hutes. Neben dem Wollfilz gibt es den Haarfilz, etwa aus Kaninchenhaar. Der Veloursfilz ist besonders weich, wertvoll und daher auch sehr teuer. Je nach Filzart also kostet ein Hut bei Altensell zwischen 30 bis 300 Euro.
Obwohl oder gerade weil die Altensells der einzige Huthersteller in Osnabrück sind, läuft das Geschäft gut. " Wenn es im Winter kalt ist, verkaufen wir Filz ohne Ende, und wenn wir im Sommer Hitze haben, verkaufen wir Stroh ohne Ende", meint Sylvia Altensell-Ripprich. Doch die Modisten werden weniger. Im Jahr 2002 wurde gar ihre Innung Osnabrück-Emsland aufgelöst und mit den Damen und Herrenschneidern zur " Innung des Mode schaffenden Handwerks" zusammengelegt, schildert Herbert Tiemann von der Kreishandwerkerschaft. Einen Grund für den Rückgang sieht er in der industriellen Fertigung: " Die Konfektionierung hat die Zahl der Betriebe drastisch reduziert."
Die Altensells begegnen dieser Entwicklung tatkräftig: Derzeit haben sie eine Auszubildende. Neben Sylvia Altensell-Ripprich arbeiten zwei weitere Modistinnen im Familienbetrieb, die auch schon bei den Altensells gelernt haben. " Wir sind einfach eine eingeschworene Gemeinschaft hier", schildert Sylvia Altensell-Ripprich. Und obwohl sie keine Kinder hat, ist der Fortbestand des letzten Osnabrücker Modistenbetriebs schon gesichert: Eine der beiden Modistinnen soll einmal ihre Nachfolgerin werden.

Bilduntertitel

Mit leichter Hand und viel Gefühl bürstet Modistin Tanja Weber in der Altenseller Werkstatt Öwer de Hase diesen roten Filzhut auf. Eine Kundin hat ihn vorbeigebracht, damit Weber ihn wieder zum Glänzen bringt. Fotos: Klaus Lindemann

Organzahüte sind für feine Anlässe bestimmt.

Mit viel Wasserdampf macht Sylvia Altensell-Ripprich diesen schwarzen Caplin weich, um ihn auf dem Holzkopf in die richtige Form zu bringen.

Exquisit: Dieses Exemplar ist aus edlem Veloursfilz.

Ein Hingucker ist diese Kombination aus Stroh und Filz.

Eher romantisch ist der Filzhut in Braun gehalten.
Autor:
Cathrin Mahns


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