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NUSO-Archiv - Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
Umweltgeschichtliches Zeitungsarchiv für Osnabrück
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Erscheinungsdatum:
aus Zeitung:
Inhalt:
Überschrift:
Hilfe kann auch entmündigen
Zwischenüberschrift:
Zwei Rollstuhlfahrer erzählen
Artikel:
Kleinbild
Originaltext:
Besser vorher fragen: Erik schafft es auch selbst aus dem Bus, wenn der Wagen abgesenkt ist. Da kann gut gemeinte Hilfe schon mal zum Unfall führen. Das Foto ist gestellt. Fotos: Gert Westdörp
Seinen Rollstuhl kann Jan Tietz selbst die Treppe hinaufziehen.
Da wird der Arm lang: Erik Machens im Bäckerladen.
Das Display des Automaten sollte tiefer angebracht sein: Erik Machens in der Bahnhofshalle.
Von Stefanie Hiekmann Osnabrück. Ein Rollstuhl hat zwei große Räder, eine Sitzfläche und zwei Griffe, an denen er geschoben wird. Aber nicht immer. Und hier beginnen die Missverständnisse, die manchen Behinderten das Leben unnötig schwer machen.
Erik Machens Rollstuhl sieht anders aus: Die beiden Griffe hat er sich absägen lassen. Nicht nur der Wille nach Selbstständigkeit hat den von Geburt an körperbehinderten Studenten dazu bewegt: In vielen Situation sind die Handgriffe auch schon zur Gefahr für den 24-Jährigen geworden.
Er kann kurze Strecken durchaus zu Fuß zurücklegen. Im Alltag ist er aber auf den Rollstuhl angewiesen, weil er an einer Fehlbildung der Wirbelsäule leidet. " Ich habe nichts gegen Hilfe", sagt Erik. " Ich nehme sie auch gerne an, wenn ich sie brauche. Doch wer mir helfen möchte, der sollte erst fragen." Aber das sei für viele Menschen nicht selbstverständlich.
Immer wieder kommt es vor, dass jemand ihm den Rollstuhl aus der Hand nimmt, wenn er ihn gerade eine Treppe hinunterschiebt oder gerade zeitgleich eine Tür aufhält und hindurchrollt. " Die Leute machen einfach."
Schwupps, da sei der Rolli weg oder er selbst in irgendeine Ecke geschoben, von der jemand dachte, dass er da hinwollte. " Ich weiß, dass niemand es böse meint, doch mich verletzt das!", erklärt Erik. Für ihn ist das eine Entmündigung.
Es gibt auch Situationen, in denen ihn die plötzlichen Hilfsgriffe mehr behindern, als dass sie ihm nützen: " Gerade wenn ich meinen Rollstuhl irgendwo runtertrage und er mir auf einmal aus der Hand gezogen wird." Im Alando passiere das bei fast jedem Besuch. " Das scheint bei vielen Menschen ein regelrechter Reflex zu sein", vermutet Erik. Wenn ein gesunder Mensch gerade die Treppe hinaufgehe, komme doch auch niemand von hinten an und trage ihn wortlos nach oben, entrüstet sich der 24-Jährige.
Kurze Strecken kann Erik zu Fuß zurücklegen. Im Alltag ist er aber auf den Rollstuhl angewiesen, weil er einen sogenannten " offenen Rücken" hat. Er macht das Beste daraus: Regelmäßig geht er zum Tanzen ins Alando: " Klar kann man mit Rolli tanzen, warum nicht?", meint er und grinst. Er geht allein einkaufen, in den Zoo oder auch ins Kino. Für ihn ist das alles selbstverständlich: Der Rollstuhl gehört für ihn zum Leben dazu.
Doch wenn er das Verhalten vieler Menschen um sich herum beobachtet, kommt er sich alles andere als normal vor: " In Bezug auf Rollifahrer schlummert da in der Gesellschaft eine Menge Unsicherheit!"
Ein ganz deutliches Anzeichen sei die weit verbreitete " Wegguckmanier", wie Erik sie bezeichnet. Lächelt er jemanden an, weichen die Leute seinem Blick schnell aus, frei nach dem Motto " Hilfe, was soll ich jetzt machen, einfach zurücklächeln oder braucht er gerade Hilfe?".
Erik glaubt, dass viele Menschen beim Anblick eines Rollstuhls eine automatische Verbindung mit Hilflosigkeit herstellen. " Das führt dann oft zu übertriebenem Hilfsangebot", berichtet der junge Mann. " Dass mir zum Beispiel jemand eine Schokolade aus dem Supermarktregal reicht, die auf Augenhöhe liegt, sagt alles", findet er.
Auch Jan Tietz kennt das. Der 19-jährige Schüler aus Bohmte nennt es " krampfhaftes Helfen". Er ist ebenfalls körperbehindert und seit jüngster Kindheit auf den Rollstuhl angewiesen. Aber auch er kann seinen Rolli selbst eine Treppe hinaufziehen.
Situationen, in denen Hilfe eher schadet als weiterbringt, hat auch Jan oft erlebt. " Es kann wirklich zur Behinderung werden, wenn hilflos geholfen wird", erzählt der 19-Jährige. Besonders, wenn er nicht darauf gefasst sei und die Leute einfach machten, ohne die Hilfe vorher anzubieten.
Was ihn nervt, ist das " ewige Gaffen", wie er sagt: " Es gibt viele Leute, die drehen ihre Köpfe tatsächlich mit, wenn ich an ihnen vorbeifahre, egal, ob sie selbst gerade laufen, Fahrrad fahren oder gehen." Jan sieht darin eine Unsicherheit, aber er findet diese Blicke ebenso unhöflich, als würde jemand mit dem Finger auf ihn zeigen.
Erik sieht das auch so: " In solchen Situationen kommt mir auch die Galle hoch! Da wünschte ich manchmal, dass gleich ein Laternenpfahl auftaucht!"
Gerade von Erwachsenen erwarten die beiden jungen Männer ein anderes Verhalten. Bei Kindern sei das etwas anderes. " Es ist klar, dass die den Rollstuhl interessant finden oder auch einfach fasziniert von so einem Fahrgestell sind und deshalb gespannt beim Fahren zuschauen", sind sich beide einig.
Was sich die beiden Rollstuhlfahrer wünschen? Ganz einfach: den Mund aufmachen und fragen. " Da freue ich mich sogar drüber" erzählt Jan mit freudiger Stimme. In der Stadt habe er es schon erlebt, dass Menschen auf ihn zukämen und ihn zu seiner Situation und seinem zweirädrigen Alltagsbegleiter befragten.
Ihm ist es viel lieber, wenn die Menschen direkt auf ihn zukommen und fragen, ob sie sich dies und das am Rolli mal anschauen oder ausprobieren dürfen. Oder wenn sie wissen wollen, warum er ihn braucht. Und er fügt hinzu: " Sie dürfen auch gerne selbst mal eine Runde drehen!"
Autor:
Stefanie Hiekmann


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